Brandanschlag in Schleswig-Holstein

„Flüchtlinge im Wohngebiet – das geht nicht“

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Wurden die Escheburger zu spät über die Flüchtlingsunterkunft im roten Holzhaus informiert? Die Anwohner fühlen sich übergangen.

Escheburg - Ein kleiner Ort in Schleswig-Holstein wehrt sich dagegen, Flüchtlinge aufzunehmen: Anwohner protestieren – und dann fliegt ein Brandsatz. Wie konnte es so weit kommen? Eine Spurensuche.

Das leer stehende rote Holzhaus fügt sich ein in dieses Ikea-Idyll. Junge Ehepaare gehen mit ihren Kindern spazieren, Hausfrauen führen den Hund aus. Man lebt gern hier in Escheburg im Herzogtum Lauenburg, einem Neubaugebiet unweit von Hamburg. Und das vermeintliche Idyll verteidigen die Anwohner seit Wochen - mit allen Mitteln. In der vergangenen Woche hat jemand einen Brandsatz in das hübsche Doppel-Holzhäuschen geworfen. Weil sechs irakische Flüchtlinge einziehen sollten.

Nun ist klar: Ein Nachbar hat den Brandanschlag verübt. Er wohnt nur zwei Häuser weiter. Die Polizei hat den 38-jährigen Tatverdächtigen festgenommen. Er stehe unter „dringendem Verdacht“, den Anschlag verübt zu haben. Das teilte die Lübecker Staatsanwaltschaft mit. Die Ermittler werfen dem Mann Brandstiftung vor, „ein gemeingefährliches Verbrechen“. Ob der Verdächtige Anstifter oder Mitwisser hatte, ist offen. Die Staatsanwaltschaft geht derzeit von einem Einzeltäter aus, die Ermittlungen dauern an. Der Sachschaden bei dem Brandanschlag war gering, die Flüchtlinge konnten die Unterkunft jedoch nicht mehr beziehen.

„Es ist schön, dass man jemanden gefasst hat“, kommentierte Escheburgs Bürgermeister Rainer Bork die vorläufige Festnahme. Die Situation in seinem Ort bleibe aber bedrückend - „erst recht, wenn der mutmaßliche Täter Anstifter hatte“. Die Dorfbewohner müssten sich schließlich auch nach Aufklärung der Tat wieder in die Augen schauen können. Martina Falkenberg, Leiterin im Amt Hohe Elbgeest, sagte: „Ich bin erleichtert, aber gleichzeitig erschüttert.“ Es sei gut, dass es keine falschen Verdächtigungen mehr gibt. Sie sei zugleich erschüttert, dass es tatsächlich ein Nachbar war. Erschüttert, dass sich ein Protest in Escheburg derart hochschaukeln konnte.

Situation im Ort bleibt bedrückend

Wie konnte es denn so weit kommen, dass wirklich jemand zum Brandbeschleuniger greift? In dem 3500-Einwohner-Ort Escheburg beginnt der Konflikt im Januar. Das Amt Hohe Elbgeest hatte das rote Häuschen erworben, um darin Flüchtlinge unterzubringen. Sechs junge Männer aus dem Irak sollten zunächst einziehen. Sechs weitere sollten später kommen. Keine Familie mit Kindern, das wäre ja noch gegangen, meinte ein Anwohner vor ein paar Tagen. All das habe er nur zufällig von Handwerkern erfahren. „Wir waren sehr schockiert, dass die Politik so mit uns umgehen kann.“ Verunsicherung herrsche im Viertel, Empörung. „Hier sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Töchtern im Teenageralter.“ Und dann all diese fremden Männer aus einem Kriegsgebiet. Man wisse ja nicht: „Was haben die erlebt?“ Der Anwohner betont: Mit Ausländerfeindlichkeit habe das nicht das Geringste zu tun. „Es leben viele Ausländer in Escheburg. Wir sind hier alle Multikulti“, versichert er. Doch die Empörung wächst.

Es ist ein Konflikt, wie es ihn derzeit an vielen Orten gibt: Einerseits ist da die steigende Zahl an Flüchtlingen, die in den Kommunen untergebracht werden müssen - und andererseits sind da die Sorgen der Anwohner. Die nicht immer rational zu verstehen sind.

In einem offenen Brief an den Bürgermeister hatte ein unmittelbarer Nachbar der Unterkunft am Tag vor dem Brandanschlag die „heimliche Einrichtung eines Asylbewerberheims“ beklagt: Es sei unglaublich, mit welcher Dreistigkeit Gemeindevertreter „sämtliche Anwohner im Unklaren gelassen haben“. Nachbarn sammelten Unterschriften gegen die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft in dem beschaulichen Haus. Am 9. Februar hatten 15 aufgebrachte Bürger aus der Nachbarschaft des Flüchtlingshauses vormittags die Amtsverwaltung aufgesucht. Ohne Ergebnis mussten sie wieder abziehen. Am Mittag flog der Brandsatz.

„Der Anschlag ist natürlich zu verurteilen“, befand kurz nach dem Attentat ein anderer Nachbar. „Ich habe Frau und Kind. Wir haben Angst.“ Er ist mit einer Asiatin verheiratet. Aber zwölf irakische Männer? „Eine Familie wäre besser gewesen“, meint auch er. So oder so sei das Wohngebiet ungeeignet, um Flüchtlinge aufzunehmen. Es gebe keine Einkaufsmöglichkeiten. „Die Leute dürfen nicht arbeiten. Die sitzen hier den ganzen Tag rum.“ Und einen Hauswart gebe es auch nicht. Das Amt zeige wenig Augenmaß. Er und andere Anwohner, zehn Parteien zusammen, hätten deshalb einen Anwalt beauftragt. „Um zu prüfen, ob das alles überhaupt zulässig ist.“

„Welcher Psychopath macht so was?“

Wen man auch fragt in Escheburg: In den vergangenen Tagen waren alle richtig empört über den Anschlag. Und auch darüber, dass bald die Männer aus dem Irak kommen sollen. „Wir sind hier alle sehr betroffen“, sagt eine Mittvierzigerin. „Wir können nicht verstehen, welcher Psychopath so was macht.“

Die Flüchtlinge? Sie schüttelt den Kopf. Natürlich, die könnten einem auch leidtun. Aber: „Das ist ein anderer Kulturkreis.“ Sie habe Angst vor Konflikten: „Diese Männer aus dem Irak, die fühlen sich hier doch auch nicht wohl, wenn wir Frauen im Sommer leicht bekleidet im Garten rumlaufen.“ Die Politik habe versagt. „Einfach so hier irgendwo jemand reinsetzen, das reicht nicht.“ Eine andere Anwohnerin sagt: Sie möge andere Kulturen, habe aber angenommen, die Flüchtlinge würden am Ortsrand in einen Container ziehen. „Mitten im Wohngebiet - das geht nicht.“

Der massive Protest der Anwohner verwundert die Behörden. „Wir haben schon über 100 Flüchtlinge im Amtsbereich untergebracht. Das ist sonst überall sehr gut gelungen“, sagt Amtsleiterin Martina Falkenberg. Ja, die Anwohner seien spät informiert worden. „Aber wir hören selbst immer sehr spät davon, wenn Flüchtlinge kommen.“ Als Falkenberg das auf der Pressekonferenz kurz nach dem Brandanschlag sagt, nickt Escheburgs Bürgermeister Rainer Bork mit leidvoller Miene. Auch er habe erst kurzfristig erfahren, wer in das eigens angeschaffte Escheburger Flüchtlingshaus einziehen solle.„Gleich am nächsten Tag sind wir rum und haben mit den Leuten im Ort geredet.“ Er sei auf Unverständnis gestoßen, auf Ängste. „Argumente wollte man nicht hören. Sie argumentieren gegen die Wand.“

Anders als der Bürgermeister musste die leitende Verwaltungsbeamtin, Brigitte Mirow, gar nicht von ihrem Schreibtisch aufstehen, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. 15 Personen seien am Tag des Anschlags unangemeldet in ihr Büro gestürmt, berichtet sie. „Die Form war überhaupt nicht gewahrt.“ Dass die Leute aufgebracht seien, verstehe sie ja. „Aber sie sollten mal reflektieren, was sie da eigentlich gesagt haben.“ Diese Art und Weise, ein Büro zu stürmen, bemerkt sie, sei „schon erstaunlich“.

E-Mails und Protestschreiben erreichten das Amt, seit klar war, was es vorhat. Auch positive Nachrichten habe es gegeben, betont Amtsleiterin Falkenberg. Und auch in Escheburg gebe es seit zwei Monaten einen Helferkreis, der sich ehrenamtlich um Flüchtlinge kümmere. „Escheburg steht dahinter, Menschen aufzunehmen“, beharrt Falkenberg. Welche, das könne man sich nicht aussuchen. Sie werde darauf hinarbeiten, „dass es auch an diesem Standort möglich ist“.

Von Marcus Stöcklin und Curd Tönnemann

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