„Charlie Hebdo“-Attentäter

Frankreichs Jagd ist zu Ende

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Seit Mittwoch waren bis zu 88.000 Kräfte von Polizei und Gendarmerie im Einsatz.

Paris - Ein Tag, an dem sich in Frankreich die Ereignisse überschlagen: Während die islamitischen Attentäter im Kugelhagel der Spezialeinheiten sterben, rücken die Franzosen angesichts der Brutalität der Terrorsiten zusammen.

„Die sind zu allem bereit“. So lauteten die Worte eines französischen Fahnders am Freitagmittag. Doch nach all dem, was in den zurückliegenden 48 Stunden geschehen war, nach dem Blutbad mit zwölf Toten in der Pariser Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, das die Brüder Chérif und Saïd Kouachi angerichtet hatten, ihrer abenteuerlichen Flucht, ihrer Geiselnahme in einer Druckerei nordöstlich von Paris - nach all dem Horror hegte wohl kaum ein Franzose mehr Zweifel daran, dass die Brüder Kouachi tatsächlich zu allem bereit sein würden. Angst und Anspannung hatten das Land tagelang erfüllt - entsprechend groß war die Erleichterung, als die Nachricht vom Ende kam. Am späteren Freitagnachmittag starben die Terror-Brüder bei einem Zugriff französischer Elite-Einheiten. Eine Geisel, die sie in ihrer Gewalt hatten, konnte offenbar gerettet werden.

Nach ihrer Flucht aus der Hauptstadt, nach Schusswechseln und dem Überfall einer Tankstelle hatten sich die schwer bewaffneten Männer in einer Druckerei im Gewerbegebiet der Gemeinde Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris verschanzt. Weiträumig wurde die Gegend abgesperrt, Helikopter überflogen das Gebiet, während Scharfschützen Position auf den Dächern bezogen. Den 8000 Bewohnern schärfte man ein, ihre Häuser nicht zu verlassen. Sogar der Flugverkehr am nahen Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle wurde teilweise umgeleitet. „Es fühlt sich an wie im Kriegsgebiet“, schilderte ein Zeuge aus dem Ort.

Terror herrschte zugleich auch am östlichen Stadtrand von Paris. Dort schoss gegen 1 Uhr mittags ein bewaffneter Mann in einem jüdischen Lebensmittelladen um sich und brachte mehrere Menschen in seine Gewalt, darunter offenbar auch Kinder. Das Gebiet wurde abgeriegelt, die nächstgelegene Ausfahrt der Stadtautobahn abgesperrt. Der Täter, der 32-jährige Amedy Coulibaly, hatte bereits am Donnerstagmorgen im Pariser Vorort Montrouge eine 25-jährige Polizistin erschossen und einen weiteren Beamten verletzt. Er wurde ebenfalls bei einem dramatischen Zugriff der Einsatzkräfte getötet. Mindestens vier weitere Personen sollen tot sein, von ­denen zunächst unklar war, ob es sich um Geiseln handelte oder um Komplizen. Ermittlerkreisen zufolge gehörte Coulibaly derselben dschihadistischen Gruppe an wie die Kouachi-Brüder, die er wohl auch kannte. Sie sollen aber nichts von seinem Anschlag gewusst haben.

Frankreich glich in den vergangenen Tagen einer Kampfzone. Seit Mittwoch waren laut französischen Medien bis zu 88 000 Kräfte von Polizei und Gendarmerie im Einsatz. Das ganze Land hielt den Atem an und fieberte beim Bemühen mit, die beiden meistgesuchten Männer Frankreichs zu ergreifen. Zumal sie sich mehreren Zeugen gezeigt hatten.

„Wir töten keine Zivilisten“, sollen sie am Freitagmorgen zu einem Mann gesagt haben, der sie wegen ihrer schwarzen Kluft, der Schutzwesten und der Waffen zunächst für Polizisten hielt. Offenbar sahen sie die zehn Menschen, die sie während der Redaktionskonferenz von „Charlie Hebdo“ getötet hatten, nicht als Zivilisten an; auch zwei Polizisten starben bei der Schießerei. Elf weitere Menschen wurden verletzt, davon vier schwer. Sie sind außer Lebensgefahr.

Ein weiterer Zeuge, der den Brüdern am Freitag begegnet war, beschrieb sie als „sehr ruhig und gelassen, sehr professionell, gar nicht genervt“: „Sie sind weder gerannt, noch haben sie die Stimme erhoben. Sie schwitzten auch nicht.“ Wenn die Medien Fragen stellten, so erklärten sie ihm, sollte er ihnen eine Antwort geben: „Sag einfach, dass es Al-Kaida Jemen war.“ Da hatten die Ermittler längst die Verbindung zu der islamistischen Terror-Organisation hergestellt und die Radikalisierung des 34-jährigen Saïd Kouachi und vor allem seines zwei Jahre jüngeren Bruders Chérif nachgezeichnet, der als treibende Kraft bei der Ausarbeitung des mörderischen Anschlags galt. Den entscheidenden Hinweis auf ihre Täterschaft hatten sie selbst gegeben, indem sie Saïds Personalausweis im Fluchtauto hinterließen, ebenso wie Molotow-Cocktails und eine Dschihad-Fahne.

Weil ihre Eltern, Einwanderer aus Algerien, früh verstarben, wuchsen die Brüder teilweise in einem Heim auf. Chérif, der eine Ausbildung zum Sportlehrer gemacht hatte und als Pizzalieferant jobbte, hatte nach Worten seines früheren Anwaltes Vincent Ollivier eigentlich „eher das Profil des Kiffers aus den Vorstädten als eines islamistischen Kämpfers“. Er habe geraucht, Alkohol ge­trunken und sich selbst als „Gelegenheitsmuslim“ bezeichnet. In einer Dokumentation aus dem Jahr 2005 wurde er präsentiert als „Rap-Fan, der lieber das Leben und hübsche Mädchen genießt, als in die Moschee zu gehen“. Doch die Begegnung mit dem salafistischen Prediger Farid Benyettou in Paris leitete die Veränderung ein. Chérif erklärte ab sofort, es sei „in den Texten geschrieben, dass es gut ist, als Märtyrer zu sterben“.

Die US-Intervention im Irak und die Fotos von gefolterten muslimischen Gefangenen im Gefängnis von Abu Ghraib hätten ihn schockiert, sagte er. 2005 bereitete er sich auf die Ausreise in ein Al-Kaida-Trainingslager im Irak vor, wurde aber vorher festgenommen und verurteilt wegen Zugehörigkeit zu einer Zelle, die junge Männer zur Terror-Ausbildung in den Irak schickt und Anschlagsprojekte ausarbeitet. 18 Monate blieb er in Haft, 2008 heiratete Chérif eine junge Frau, die seit ihrer Pilgerreise nach Mekka den islamischen Ganzkörperschleier trug. Auch sein älterer Bruder ist verheiratet, Vater eines kleinen Kindes, er lebte in Reims. Saïd Kouachi war bisher weder verurteilt noch im Gefängnis. Allerdings hielt er sich 2011 im Jemen auf. Hat ihn sein Bruder mit in seinen mörderischen Hass auf die Satiriker von „Charlie Hebdo“ gezogen, die als Zielscheibe ihres Spotts - neben vielen anderen - immer wieder den Propheten Mohammed aussuchten? „Wir haben Charlie Hebdo getötet“, riefen die Brüder nach ihrer Schussattacke triumphierend.

Doch dass ihnen das nicht gelungen ist, will die Redaktion der satirischen Wochenzeitschrift beweisen: Noch im Schockzustand, arbeitet sie bereits an der nächsten Ausgabe, die am Mittwoch erscheinen soll - in einer Auflage von einer Million statt nur 60 000 wie sonst. Untergebracht wird sie provisorisch bei der Tageszeitung „Libération“. Die Finanzierung ist gesichert: So erhielt die Redaktion einen Fonds mehrerer französischer Medien in Höhe von rund 250 000 Euro, weitere Spenden sagten Google und der britische „Guardian“ zu.

Aus Trauer um seinen bei dem Anschlag getöteten Freund Bernard Maris und wohl auch, um die Stimmung nicht weiter anzuheizen, verließ der Autor Michel Houellebecq Paris und kündigte an, die Werbetour für sein just am Mittwoch erschienenes Buch „Unterwerfung“ zu unterbrechen, das mit der Fiktion eines islamischen Gottesstaates in Frankreich spielt. Dabei erscheint die Stimmung nicht aufgeheizt, sondern das Land ungewöhnlich geeint. Am Sonntag soll es einen großen Marsch der „nationalen Einheit“ geben, die Präsident François Hollande als kraftvolle Antwort auf den Terror sehen will, auch Kanzlerin Angela Merkel wird daran teilnehmen. „Ich habe Vertrauen in uns, ich habe Vertrauen in unser Land“, versicherte er am Freitag. Denn Frankreich zeige, dass es zusammenstehen könne.

Die Frage ist, ob das von einer tiefen Wirtschaftskrise gezeichnete Frankreich, in dem sich die Rechtsradikale Marine Le Pen anschickt, 2017 Präsidentin zu werden, ob dieses Land auch über den Schock hinaus wird zusammenstehen können. Die Attentäter sind tot. Doch die von ihnen hinterlassenen Verheerungen stellen Frankreich vor gewaltige Herausforderungen.

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