Bürgermeisterwahl auf Sylt

Frischer Wind für die alte Promi-Insel

+
Die „rote Rebellin“ will es nun im hohen Norden richten: Gabriele Pauli in der Fußgängerzone von Westerland auf Sylt.

Westerland - Gabriele Pauli, die einstige „rote Rebellin“ von der CSU, will am Sonntag neue Bürgermeisterin auf der Insel Sylt werden - und ihre Chancen stehen nicht schlecht.

Der Sturm kommt übers Meer. Er lässt die Nordsee toben und jagt über den Strand die Fußgängerzone hinunter. Er zerrt an Bauplanen und vergessenen Weihnachtsbäumen, er zerrt an den Urlaubern, die sich mühsam vorwärtskämpfen. Er zerrt am „Café Mateika“, einem gediegenen Haus in einer Westerländer Nebenstraße, wo unter Glas weiße Spitzendeckchen auf kleinen, runden Tischen liegen und wo Gabriele Pauli sitzt - eine Frau von 57 Jahren, charmant und attraktiv, die schon ganz andere Stürme erlebt hat.

Sie hat sich in Bayern mit der christlich-sozialen Nomenklatura angelegt, sie hat Edmund Stoiber die Stirn geboten und damit dem gewaltigen Münchner Staatsapparat. Sie wurde durch die Luft gewirbelt, verlor Ämter und Funktionen und erhielt neue. Sie erlebte ein mediales Tosen, in dem sie fast versunken wäre. Und jetzt sitzt sie hier, spricht mit sanfter Stimme, streicht mit flüchtiger Bewegung die Haare aus der Stirn und will Bürgermeisterin von Sylt werden. Am kommenden Sonntag fällt die Entscheidung in der Stichwahl gegen einen Gegenkandidaten, den 40-jährigen Nikolas Häckel.

Es ist ein seltsames Schauspiel, das die Republik derzeit hoch oben im Norden erlebt. Es geht um die Leitung einer Kommunalverwaltung auf einer Insel mit etwa 20 000 Einwohnern. Es geht um die Besetzung einer Stelle, deren Alltag sich um öffentlichen Nahverkehr, Straßenbeleuchtung und Satzungsänderungen dreht, um die Mühen der kommunalen Ebene. Aber es wird landauf, landab berichtet, die großen Zeitungen waren da, die großen Magazine, und das hat natürlich mit dieser Frau zu tun und mit dieser Insel, die immer noch für Prominenz steht, für Porsche Cayenne und den schillernden Schick der „Sansibar“.

Sylt hat große Probleme

Dabei hat die Insel Sylt, die seit den sechziger Jahren das Image einer Prominenten- und Partyinsel hat und vor allem durch die wilden Feiern des Millionenerben Gunter Sachs bekannt wurde, heute große Probleme. Noch immer sind die Ansprüche hoch - aber eine Stagnation ist feststellbar: Zu den 20 000 Einwohnern kommen jährlich 836 000 Gäste - die Tendenz ist abnehmend. „Die goldenen Jahre sind vorbei“, klagt Stephan Beck vom Hotel- und Gaststättenverband. Zwischen den fünf Gemeinden auf der Insel gibt es immer wieder Streit über die Frage, welchen Kurs Sylt fahren soll - noch mehr Tourismus? Oder vorrangig Wohnungsbau?

Für Menschen, die sich hier niederlassen wollen, ist der Markt abenteuerlich. Bis zu 35 000 Euro kostet der Quadratmeter, das gehört zu den höchsten Immobilienpreisen in Deutschland. Immer mehr Sylter sind inzwischen auf das Festland gezogen und pendeln täglich mit dem Zug - denn die hohen Mieten auf der Insel können sie sich nicht mehr leisten. „Das Wohnungsproblem müsste dringend angepackt werden“, sagt Janine Hinck (28), die aus der Heide gekommen ist und jetzt in einem Kiosk in der Westerländer Fußgängerzone arbeitet.

Hohe Erwartungen werden an die Politik gerichtet, auch an den künftigen Bürgermeister, diese Situation zu ändern. Aber wie? Die beiden Kandidaten gehen unterschiedlich an die Sache ran - ihrer Mentalität entsprechend. Häckel steht für die sachbezogene Kleinarbeit. Er hat nicht nur Sach-, sondern auch Menschenkenntnis in dieser Region. Schließlich kommt er aus der Gegend, ist gut vernetzt und kann bestehende kommunalpolitische Kontakte nutzen. Pauli steht für das Aufregende und Unberechenbare, sie ist nicht nur eine Seiteneinsteigerin, sondern gefällt sich auch in dieser Rolle. Mit ihr an der Spitze der Inselverwaltung könnte es vielleicht sogar gelingen, mediale Aufmerksamkeit dauerhaft auf Sylt zu lenken. Anders ausgedrückt: Eine Bürgermeisterin Pauli wäre eventuell sogar ein Werbeeffekt für den Fremdenverkehr. Aber das ist Zukunftsmusik. Momentan bemühen sich beide Bewerber in der Endphase des Wahlkampfs, ihre Sach- und Fachkunde zu unterstreichen.

Bei Gabriele Pauli schwingt Glamour mit

Nikolas Häckel ist auf Sylt geboren, hat in Westerland in der Stadtverwaltung gelernt und arbeitet jetzt in der Nähe von Kiel. Er kommt jeden Freitag fürs Wochenende zurück auf die Insel, wo er mit seinem Vater ein Haus hat, wo er sich beim Roten Kreuz engagiert. „Ohne Sylt“, sagt er, „kann ich mir mein Leben nicht vorstellen.“ Häckel steht für das Bodenständige, für die nüchterne Kommunalpolitik. Er trägt die Haare kurz geschnitten. Seine Augen bewegen sich schnell und er hat eine schnelle Zunge, manchmal kollidieren die Worte noch beim Verfertigen. Er wirkt wie jemand von einiger Getriebenheit - wie einer, der unruhig wird, wenn er zur Ruhe kommt. Er geht morgens um sechs aus dem Haus und ist abends um elf wieder da. Er leitet seit elf Jahren das Bauamt der Gemeinde Kronshagen und unterrichtet nebenher an einer Fachhochschule. Er gibt Fitnesskurse, ist Entspannungstrainer, fährt Rettungsdienste beim Roten Kreuz, engagiert sich in der Seelsorge und in der Krisenintervention. Er scheint in seinen Tag alles zu laden, was irgendwie noch möglich ist - und er fühlt sich offensichtlich wohl dabei. Er hat nicht schon Bürgermeister werden wollen, als er die Ausbildung in Westerland begann. Aber irgendwann schlich sich dieser Gedanke in seinen Kopf. Diese Idee wurde größer, nahm Gestalt an, und als die jetzige Bürgermeisterin nach 24 Jahren im Amt nicht wieder kandidieren wollte, wurde es konkret.

Seit März 2013 ist Häckel in Gesprächen mit den Fraktionen in der Sylter Gemeindevertretung. Er wird unterstützt von der SPD, dem SSW und der Wählergemeinschaft. Sie haben auch seine Wahlplakate aufgestellt, fast 500 Stück. Ansonsten aber ist seine Kandidatur im Wesentlichen eine in Eigenregie, ohne Büro und ohne Apparat. Er mache jetzt ein Angebot, sagt er, und wenn die Sylter es nicht wollten, werde es kein zweites geben. Es geht ihm um den Ort, um die Lokalpolitik.

Gabriele Pauli geht anders an die Sache heran. Bei ihr schwingt der Glamour mit, der Sylt immer eigen war. Die Sylter Option erreichte sie nach ihrem Abschied aus dem bayerischen Landtag. Sie hat Gespräche geführt und sich kundig gemacht. Jetzt wohnt sie seit einem Dreivierteljahr auf Sylt, in Tinnum in der Mitte der Insel, und geht ihre Bewerbung nun mit der gebotenen Professionalität an. Die „rote Rebellin“ hat man sie genannt, ihrer roten Haare wegen und auch, weil sie dem Bild der „La Rossa“ entsprach, einer Frau mit Mut und Selbstbewusstsein und ohne Angst vor großen Aufgaben und großen Namen. Sie hat sich nicht eben gewehrt gegen dieses Bild. Und bei diesen denkwürdigen Fotos mit den schwarzen Latexhandschuhen in der „Park Avenue“ habe man sie hintergangen, behauptet die frühere CSU-Politikerin. Aber sie darauf zu reduzieren wäre natürlich falsch.

Gespür für mediale Erregbarkeit

Pauli war 18 Jahre lang Landrätin im Kreis Fürth, sie hat zeitweise zwei Verwaltungen gleichzeitig geführt mit insgesamt 1400 Mitarbeitern, das waren etwas andere Verhältnisse als auf Sylt, wo die Kommunalbehörde 300 Köpfe zählt. Sie kennt sich aus mit Kindergärten, neuen Straßenplanungen und Straßenausbaubeitragssatzungen. Und sie weiß, wie man mit gezielten Aktionen auch auf der landespolitischen Bühne etwas bewirken kann. Es heißt, ihr Agieren sei ganz wesentlich gewesen für den Abgang des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber von der politischen Bühne.

Sie ist beredt und gewandt, sie spricht in fein austarierten Sätzen, eine Assistentin hilft bei der Organisation. Sie hat sich eingearbeitet in die Sylter Themen und wird unterstützt von der örtlichen Piraten-Partei. Sie erzählt von den 78 Altenpflegeplätzen auf der Insel, die nicht ausreichten, von den Problemen junger Familien, vom Fortzug der Sylter, vom Mangel an bezahlbaren Wohnungen und von der Entbindungsstation in Westerlands Nordseeklinik, die geschlossen wurde und für deren Wiedereröffnung sie streite. Überhaupt deckt sich ihre Beschreibung der Probleme weitgehend mit der ihres Konkurrenten. Aber sie hat eben auch ein Gespür für mediale Erregbarkeit - und wenn sie ein SYL-Autokennzeichen auf den Weg bringen oder junge Familien mit einer Art kommunalem Kindergeld bis zu 5000 Euro unterstützen will, spricht Häckel von „Populismus“ und sagt, das sei rechtlich gar nicht machbar.

Sei es eben doch, hält sie dagegen, verweist auf Rügen und andere Beispiele und fährt fort in ihrer Sylt-Beschreibung. Sie erzählt vom Klima, das gesund sei und einzigartig, vom Meerwasser, dessen Salze sich im gleichen Verhältnis zusammensetzten wie das menschliche Blut, berichtet vom fehlenden Wirtschaftsförderer auf der Insel, von Neustarter- und Rückholprogrammen. Das tut sie, ohne technokratisch zu sein. Sie wirkt zupackend, und draußen tobt der Sturm übers Meer und den Strand, wie er es schon immer getan hat und wohl noch eine Weile tun wird. Auch nach den spannenden Wahlen auf dieser besonderen Insel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare