1. WLZ
  2. Politik

„No German will freeze in Greece“: Braucht Deutschland bald ganz viel EU-Solidarität?

Erstellt:

Von: Stephanie Munk

Kommentare

Wegen der Krise mit Russland kursiert die Angst, dass Gas unbezahlbar wird. Deutschland muss auf europäische Solidarität hoffen, betont Habeck. Aus Griechenland kommt das Angebot von Asyl.

Athen/München – In der europäischen Schuldenkrise trat Deutschland als Retter in der Not auf: Der Bundestag verabschiedete zwischen 2010 und 2015 mehrere milliardenschwere Hilfspakete für Griechenland – wenn auch an teils harte Bedingungen geknüpft.

Auch in anderen europäischen Notlagen der vergangenen Jahrzehnte agierte die Bundesrepublik eher in der Rolle des Helfers als des Hilfsbedürftigen. Doch in der aktuellen Gaskrise könnte Deutschland bald selbst auf europäische Solidarität angewiesen sein.

Das betonte auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Montagabend (11. Juli) in den ARD-„Tagesthemen“: „Wir profitieren von der europäischen Solidarität. Wir brauchen Zulieferung“, sagte Habeck. „Wenn wir jetzt in Europa anfangen, dass jeder sich nur noch um sich selber kümmert, dann wird es gerade für Deutschland sehr schnell bitter werden.“

Deutschland in Angst vor unbezahlbarem Erdgas: Griechenland macht spezielles Angebot

Habeck meinte damit Gaszulieferungen aus anderen EU-Ländern. Das Thema könnte bald an Brisanz gewinnen. Auch SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch betonte im Gespräch mit Merkur.de am Dienstag die Bedeutung europäischer Solidarität.

Doch Griechenland sendet eine Solidaritätsbekundung anderer Art an Deutschland: Tourismusminister Vassilis Kikilias offeriert den Deutschen eine Art Asyl. Er rief dazu auf, in seinem Land - in dem man im Winter weitaus besser ohne Heizen auskommt als in Deutschland - zu überwintern.

„Für Herbst und Winter wäre es für uns Griechen eine große Freude, deutsche Rentner zu begrüßen, die einen ,mediterranen Winter‘ mit griechischer Gastfreundschaft, mildem Wetter und hochwertigen Dienstleistungen erleben möchten“, sagte Kikilias der Bild. „Wir werden hier auf Sie warten“, fügte er hinzu.

Der Bürgermeister der Hafenstadt Chania auf der griechischen Insel Kreta, Panagiotis Simandirakis, schloss sich dem Aufruf an. „Wir laden jeden Deutschen ein, der in diesem Winter zu uns kommen möchte, um hier zu leben - fern der Krisen“, sagte er der Bild. Kreta sei dafür sehr geeignet, „um einen Krisen-Winter zu überstehen“. Hier brauche man keine Heizung im Haus. „No German will freeze in Greece“, so das Fazit des Bürgermeisters.

Ein Leben fern der Krisen? Griechenland hat deutsche Rentner eingeladen, angesichts der Gaskrise im Süden zu überwintern. Hier ein Paar am Strand von Kreta.
Ein Leben fern der Krisen? Griechenland hat deutsche Rentner eingeladen, angesichts der Gaskrise im Süden zu überwintern. Hier ein Paar am Strand von Kreta. © IMAGO/A. Goumenaki

Deutschland muss auf EU-Solidarität hoffen - Habeck: „Das alles Entscheidende“

Soll man S.T.S.-Song „Irgendwann bleib i dann dort“, der vom Lebensabend am Strand von Griechenland handelt, also wahr werden lassen? Alle, die das nicht können oder wollen, müssen dann doch auf europäische Solidarität in Form von Gaslieferungen hoffen. Habeck präzisierte in den „Tagesthemen“, von welchen Ländern Deutschland hier profitiert: Man sei derzeit auf Flüssigerdgas-Lieferungen aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich angewiesen - „da wir ja keine eigenen LNG-Terminals gebaut haben - dummerweise, muss man ehrlicherweise sagen.“

Man profitiere außerdem von norwegischen und niederländischen Gaslieferungen, so Habeck. Deutschland dagegen hat beim Gas eine bescheidene Rolle innerhalb des europäischen Solidaritätsgefüges „Wir sind ein Transitland und geben das Gas weiter und so wird es auch bleiben“, sagte der Vize-Kanzler, der in den vergangenen Tagen in Tschechien und Österreich unterwegs war, um für Erdgas-Solidaritätsabkommen zu werben. Er bilanzierte: „Europäische Solidarität ist das alles Entscheidende in dieser Situation.“

Drohende Gasknappheit in Deutschland: Was hat Russland vor?

Unklar ist weiterhin, welche Ausmaße die Gasknappheit in Europa nehmen wird. Derzeit ist die Pipeline Nord Stream 1, die Gas von Russland nach Deutschland bringt, wegen turnusmäßiger Wartung abgeschaltet. Befürchtet wird, dass der russische Präsident Wladimir Putin als Reaktion auf die gegen sein Land verhängten Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs das Gas komplett abstellt.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnte jüngst, dass Putin Gasknappheit - oder auch nur die Angst davor - bewusst als Waffe einsetze. Deshalb arbeitet die EU derzeit an einem Gas-Notfallplan. „Um sicherzustellen, dass bei vollständiger Störung der Gaslieferung aus Russland dennoch Gas da ankommt, wo es am meisten gebraucht wird.“ (smu/dpa)

Auch interessant

Kommentare