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„Schaukel zu vermieten“ statt religiösem Eifer - Was ein digitaler Einblick ins Lagerleben der IS-Frauen zeigt

Syrische Frauen und ihre Kinder warten im Camp Al-Hol auf ihre Freilassung.
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Syrische Frauen und ihre Kinder warten im Camp Al-Hol auf ihre Freilassung.

Die Frauen des Islamischen Staates leben teils seit Jahren in Gefangenenlagern. Auf Telegram sind Haustiere, Gartenarbeiten und Korruptions-Streit an die Stelle des religiösen Eifers getreten.

  • In syrischen Gefangenenlagern sind hunderte weibliche IS-Mitglieder interniert.
  • Auch dort wird über Chat-Apps wie Telegram kommuniziert. Die Kommunikation dort bietet Aufschluss über das Lagerleben der Frauen.
  • „Front-Wissenschaftlerin“ Verena Mironova gilt als Expertin für die Strukturen des „Islamischen Staates“. Nach einem Einblick in das Schicksal der IS-Kinder* hat sie sich nun mit dem Lagerleben der IS-Frauen beschäftigt.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 8. Juli 2021 das Magazin Foreign Policy.

Syrien - Wohl kaum etwas sagt mehr über eine Gruppe von Menschen aus als ihre private Kommunikation. Um die Überbleibsel des Islamischen Staates in Syrien zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Telegram-Chats der derzeit in syrischen Gefangenenlagern interniert weiblichen IS-Mitglieder. Obwohl Handys dort verboten sind und ihr Besitz hart bestraft wird, finden die Textnachrichten ihren Weg aus dem Gefängnis heraus.

Islamischer Staat: Telegram-Chats bieten Einblick ins Leben der IS-Frauen - es geht vor allem um „Weltliches“

Mit über 400 Mitgliedern sind die russischsprachigen Chats am größten. Dort findet mit bis zu 200 neuen Beiträgen pro Tag auch die meiste Aktivität statt. Eine Aufnahme in den Gruppenchat erfolgt nur auf Empfehlung eines bestehenden Chatmitglieds. Wie in vielen Online-Chats verwenden die Mitglieder nicht ihre echten Namen.

Die Pseudonyme reichen von islamischen Ehrennamen (arabisch „kunya“) wie Umm Yusuf (Mutter von Yusuf) und Sumaya Uzbeki (Sumaya aus Usbekistan) bis hin zu vom Islamischen Staat inspirierten Spitznamen wie Muhajira (ausländisches Gruppenmitglied) und Prisoner_in_Dunya (Gefangene in diesem Leben). Viele dieser Pseudonyme wie Rabbani_IS oder See_you_in_Dabiq (Dabiq ist eine nordsyrische Ortschaft, in der laut einer Überlieferung die finale Schlacht gegen die Ungläubigen stattfinden soll) zeugen unverhohlen davon, dass ihre Trägerinnen immer noch der Ideologie des Islamischen Staates anhängen. Die Profilbilder reichen ebenfalls von neutralen Landschaften über Löwinnen (mit denen sich die weiblichen Mitglieder des Islamischen Staates gerne identifizieren) bis hin zu Abbildungen schwarzer Fahnen und Waffen.

Da die Frauen nun schon seit über zwei Jahren in diesen Internierungslagern ausharren, sind die wichtigsten Themen ihrer Online-Diskussionen verständlicherweise eher weltlicher Natur. Zu den häufigsten Gesprächsthemen zählen der Verkauf von Lebensmitteln, Zelten, Kleidung, Schmuck und Medikamenten sowie der Handel mit Tieren. Da sich viele Frauen im Lager Haustiere zugelegt haben, geht es in vielen Nachrichten um das Thema Kaninchenzucht: Nachrichten wie „Wer hat ein männliches Kaninchen mit einer interessanten Farbe? Ich würde es gerne für einen Tag zum Züchten ausleihen“ sind keine Seltenheit. In anderen wird verzweifelt nach verlorengegangenen oder gestohlenen Katzen gesucht. Weitere Beiträge drehen sich um das Thema Gärtnern. Diesen Sommer schaffte es eine Frau, eine Wassermelone aus einem Samen zu ziehen, teilte ein Foto davon und wurde von anderen Frauen zu ihrem Erfolg beglückwünscht.

Syrien: IS-Frauen betreiben Geschäfte im Lager - „karibische“ Gefühle mit alkoholfreien Cocktails?

Auf der Suche nach Möglichkeiten, in den Camps Geld zu verdienen, haben viele Frauen Geschäfte eröffnet und bewerben diese online. Zu den angebotenen Dienstleistungen zählen beispielsweise Kurse für Kinder, illegale Geldtransfers, Wäscheservices sowie die Vermietung von Kinderplanschbecken. Darüber hinaus gibt es Anzeigen für Aerobic-Kurse (sehr beliebt in Camps) und sogar Kurse für Beckenbodentraining. Die Anzeige einer Kirgisin, die eine alkoholfreie Cocktailbar mit dem Namen „Taste of Caribbean in al-Hol Camp“ betreibt, wirkt besonders professionell. Sie lockt ihre Kunden mit einem schönen Meeresmotiv - was natürlich im krassen Gegensatz zur Realität in den Lagern steht.

Zwar geht es in den meisten Beiträgen um wirtschaftliche Belange, doch lassen sich religiöse Themen selbst in diesem Kontext kaum ausklammern. Die hitzigsten Diskussionen drehen sich in der Regel um die Preise, vor allem für so lebenswichtige Dinge wie Lebensmittel, Zelte und Kocher. Oft wird den Handel treibenden Frauen vorgeworfen, dass sie die Preise zu hoch ansetzen. Zwar verteidigen einige der Frauen den freien Handel und die Entscheidungsfreiheit einer Händlerin, den Preis entsprechend der Nachfrage festzulegen. Andere verweisen aber auch auf die Religion und die Pflicht, den armen Glaubensschwestern zu helfen, und werfen den Händlerinnen vor, nicht im Geiste des Islam zu handeln.

IS-Spitze finanziert Frauen im Lager, Korruptionsstreit folgt

Auch Beiträge über Korruptionsskandale sind keine Seltenheit. Die Führungsriege des Islamischen Staates sowie Anhänger der Gruppe im Ausland unterstützen die Frauen, indem sie ihnen über einige Insassinnen im Lager Geld zukommen lassen. Aber die für die Geldverteilung zuständigen Frauen werden oft beschuldigt, dieses in die eigene Tasche zu stecken und diejenigen unter ihnen, die diese Zuwendungen am dringendsten benötigen, stiefmütterlich zu behandeln. Diese Geldtransfers sollten eigentlich geheim bleiben. Doch wenn mal wieder einer dieser Korruptionsfälle ans Tageslicht kommt, sind einige Frauen so aufgebracht, dass es ihnen völlig egal zu sein scheint, wer ihre Posts noch zu Gesicht bekommt.

Die Frauen nutzen die Chats auch häufig dazu, sich untereinander zu warnen. Sie teilen sich beispielsweise gegenseitig in Echtzeit mit, wo sich die Lageraufseher gerade aufhalten, damit die Frauen in deren Nähe ihre Handys verstecken können. Die Frauen tauschen sich auch darüber aus, welche Journalisten und Vertreter des Heimatlandes das Lager besucht haben und welche Fragen sie gestellt haben.

IS-Lager: Einblick über Telegram zeigt auch „Stolz“ auf Attentäter in Frankreich

Da die Frauen nun schon sehr lange im Internierungslager sind und das Geld langsam knapp wird, ist auch die Kriminalität zu einem drängenden Problem geworden. Seit kurzer Zeit ziehen Banden von kleinen Jungs nachts durch das Lager und rauben Zeltbewohner aus, was in den Online-Foren zu einem großen Thema geworden ist. Einige der Frauen drohen den Dieben online und schreiben, dass sie Gott bitten werden, die Missetäter zu bestrafen. Andere versuchen, die Eindringlinge selbst auf frischer Tat zu ertappen oder engagieren zumindest einen Wachposten, um ihr weniges Hab und Gut zu schützen. Was mit erwischten Jungs zu tun ist, wird ebenfalls online diskutiert. Gleichwohl scheinen die radikalsten Lagerbewohnerinnen eher darüber besorgt zu sein, dass die nächtlichen Besucher sie im Schlaf ohne Hidschāb und Niqab sehen könnten, und raten ihren Genossinnen deshalb, in Vollverschleierung zu schlafen.

Dieselben radikalen Chat-Mitglieder posten oft auch Nachrichten über katastrophale Ereignisse in der westlichen Welt, wie etwa die Waldbrände in Kalifornien*. Solche Beiträge ziehen Kommentare nach sich, in denen die Frauen ihre Freude zum Ausdruck bringen, auch wenn sie dies jetzt mit deutlich weniger Enthusiasmus tun als in der Vergangenheit. Ungeachtet der großen Anzahl an Chats für russischsprachige Frauen sind Meldungen aus Frankreich am beliebtesten, seit dort ein Lehrer von einem tschetschenischen Einwanderer enthauptet wurde. Diese Tat hat die radikalen IS-Frauen mit besonderem Stolz erfüllt.

Die Fundamentalistinnen posten auch oft langatmige religiöse Ratschläge zu diversen Themen, angefangen von der Kindererziehung bis hin zur Bedeutung des Dschihad. Diese Ratschläge werden von den Adressatinnen jedoch oft ignoriert oder sogar kritisiert - manche Frauen sind der Ansicht, diese Beiträge schmälerten den Nutzen der Chats.

Islamischer Staat: Frauen meiden im Gefangenenlager zunehmen „radikale Themen“ - mehrere Gründe denkbar

Grundsätzlich bemühen sich sowohl die Anhängerinnen als auch die Gegnerinnen des Islamischen Staates in den Chats höflich und sachlich zu bleiben, da ihnen bewusst ist, dass sie alle in einem Boot sitzen und trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten an einem Strang ziehen sollten. Doch unter dieser höflichen Oberfläche brodelt es gewaltig. Ein Funke genügt, und schon treten die Gräben zutage. Zu den gefährlichsten Gesprächsthemen zählen deshalb die Fragen, welche Kleidung für Frauen im Lager akzeptabel ist, welche Interaktionen mit männlichen Lagerarbeitern erlaubt sind, Ansichten über eine mögliche Repatriierung der Frauen sowie die Frage, ob bestimmte Persönlichkeiten des Islamischen Staates wahre Muslime sind oder nicht. Wenn diese Themen angeschnitten werden, brechen die Chats sofort zusammen. Um die Streitereien zu beenden, mussten Threads schon mehrmals gelöscht und neue gestartet werden.

Es wurden auch schon Versuche unternommen, einen jeweils eigenen Online-Marktplatz für die beiden Gruppen einzurichten, auf denen diese dann nur untereinander kommunizieren und Handel treiben konnten. Nachrichten wie „Ich vermiete eine riesige pinkfarbene Kinderschaukel, die aussieht wie ein Schmetterling, aber nur an eine Schwester, die Angst vor Allah hat“ (pro Islamischer Staat) waren keine Seltenheit. Da diese separaten Marktplätze jedoch wirtschaftlichen Regeln unterworfen sind, die sich herzlich wenig um ideologische Differenzen scheren, scheiterten sie und ähnliche Versuche bereits nach kurzer Zeit. Im Endeffekt finden sich dann doch wieder alle Frauen auf dem größten Online-Marktplatz zusammen, wo das Angebot am größten ist.

Die Auswertung der mehrere Jahre umfassenden Online-Kommunikation von inhaftierten Mitgliedern des Islamischen Staates zeigt, dass sich die Frauen mit der Zeit immer weniger für radikale Themen und stattdessen immer mehr für Alltagsthemen interessieren. Selbst Kinder, die Steine auf Lageraufseher werfen, stoßen online mittlerweile eher auf Kritik als auf Unterstützung.

Das könnte entweder daran liegen, dass die radikalsten Frauen bereits in ihre Heimatländer zurückgeführt wurden (oder ihnen eine Flucht aus dem Lager gelungen ist), oder schlichtweg daran, dass die Frauen im Lager zu der Erkenntnis gelangt sind, dass Radikalismus auf so engem Raum kein gangbarer Weg ist. Die Vermutung liegt also nahe, dass es die heilsamen Folgen dieser erzwungenen Koexistenz der Anhängerinnen und Gegnerinnen des Islamischen Staates sind, die zum Niedergang dieser Ideologie beigetragen haben.

von Vera Mironova

Vera Mironova ist Gaststipendiatin an der Harvard University. Twitter: @vera_mironov

Dieser Artikel war zuerst am 8. Juli 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de* zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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