Atomabkommen von Lausanne

Junge Iraner feiern neuen Kurs

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Autokorso und Jubelrufe: Die jungen Teheraner feiern das Atomabkommen von Lausanne.

- In Teheran feiern junge Menschen den neuen Kurs ihres Landes, Israel äußert Sorgen und die Saudis fürchten um ihre Macht: Fragen und Antworten rund um das neue Atomabkommen von Lausanne.

In Teheran kreisten vor allem jüngere Leute die ganze Nacht hupend und jubelnd in Autokorsos durch die Stadt. Dem aus Lausannezurückgekehrten Außenminister Mohammad Javad Zarif bereitete eine euphorische Menge am Freitag mit Hochrufen einen Heldenempfang. „Lang lebe Dr. Zarif“, riefen Hunderte und schwenkten stolz die iranische Flagge.

Viele Iraner mochten es kaum glauben, dass erstmals im iranischen Fernsehen die Rede eines US-Präsidenten live übertragen wurde. Flugs platzierte der Teheraner Journalist und Blogger Milad Fadai Asl sich und seine Frau vor dem heimischen Fernseher, hielt per Selfiefoto den historischen Augenblick mit Barack Obama im Hintergrund fest und schickte das Bild per Twitter in alle Welt. Iranische Jugendliche auf den Straßen skandierten „Obama, Obama“.

Wie ist der Jubel der jungen Iraner zu erklären? Viele sehnen sich nach einem Ende der Wirtschaftssanktionen, nach Zugang zum westlichen Lebensstil und nach Freiheit. Einige Jugendliche hielten bei ihren Kundgebungen am Freitag in der einen Hand einen 10.000-Rial-Schein und in der anderen eine 1-Dollar-Note. Die Botschaft: Das sollte demnächst der neue Umtauschkurs werden. Noch kostet 1 Dollar das Dreifache. Neben dem Wirtschaftsthema geht es auch um Kulturelles: Seit langem verfolgen Irans Jugendliche über Satellitenfernsehen sowie übers Internet das Leben im Westen, das ihnen trotz jahrzehntelanger fundamentalistischer Predigten nach wie vor erstrebenswert erscheint.

Wie reagiert Israel? Premier Benjamin Netanjahu nannte das internationale Rahmenabkommen zum iranischen Atomprogramm am Freitag „sehr gefährlich“. Es sei eine „Bedrohung für das Überleben des Staates Israel“. Die Anerkennung des Existenzrechts Israels müsse Voraussetzung des finalen Abkommens sein, das bis zur Jahresmitte erreicht werden soll. Werde am Ende eine Vereinbarung geschlossen, die nur auf den in Lausanne erzielten Eckpunkten fuße, bedeute dies, „dass die Beschränkungen für das iranische Nuklearprogramm in wenigen Jahren aufgehoben werden und der Iran dann eine massive Anreicherungskapazität hat, die innerhalb weniger Monate die Produktion von vielen Atombomben erlaubt“, erklärte Netanjahu. Deshalb blockiere solch ein Abkommen den Weg Teherans zur Bombe nicht, sondern ebne ihn geradezu.

Wie ist die scharfe Kritik Israels zu erklären? Obama hatte den israelischen Premier zuletzt nicht mehr in die Verhandlungen eingebunden. Dies war eine Reaktion darauf, dass Netanjahu seinerseits an der US-Regierung vorbei in direkten Gesprächen mit US-Senatoren in Washington Stimmung gegen das Iran-Abkommen und gegen Obama machte.

Welche Rolle spielte die deutsche Diplomatie? Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte sich beim Abschluss der Verhandlungen in den vergangenen sechs Tagen in Lausanne persönlich sehr stark engagiert. Schon in den Jahren zuvor hatte sich die deutsche Diplomatie stets bemüht, einen Gesprächsfaden in Richtung Teheran in der Hand zu behalten. In den jüngsten Tagen fiel auf, wie sehr auch der frühere Außenminister Klaus Kinkel (FDP) die jetzt erreichte Annäherung unterstützte; Kinkel war auch als früherer Chef des Bundesnachrichtendienstes mit der komplizierten Materie des Atomwaffenprogramms vertraut.

Wie reagieren andere islamische Staaten in der Region? Teils eisig, teils schmallippig. Viele Potentaten machen sich Sorgen um ihre eigene Macht und fürchten nun eine neue umfassende Übereinkunft zwischen der Supermacht USA und dem ölreichen Iran, dem zugetraut wird, sich rasch wieder eine ökonomische und politische Führungsrolle in der Region zu verschaffen. Der saudische König ließ am Freitag verbreiten, er hoffe, der Atomvertrag werde der Region Stabilität und Sicherheit bringen. Um die Gemüter am Golf zu beruhigen, lud der US-Präsident alle Emire und Monarchen zu einem Gipfel nach Camp David ein.

Was bedeutet das Abkommen von Lausanne für den vielerorts eskalierenden Streit zwischen Sunniten und Schiiten? Der Iran versteht sich als Schutzmacht aller Schiiten – und sieht sich nun gestärkt. Der Iran unterstützt auch die Offensive der oppositionellen Huthis, die derzeit im Jemen von sich reden machen. Der iranische General Qasem Soleimani, Chef der ­Al-Quds-Elitebrigaden, gilt als der wichtigste Militärstratege auf Seiten der syrischen Regierung in Damaskus. Der Iran unterstützt auch schiitische Milizen im Irak – die sich in jüngster Zeit immer häufiger mit der regulären Armee des Iraks verbinden, um gegen die sunnitischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ vorzugehen.

Wirkt sich die Annäherung zwischen dem Westen und dem Iran auf die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ aus? Experten vermuten, dass in Zukunft die Schiiten im Iran und quer durch den Nahen Osten ihre Kräfte bündeln werden, um gezielt gegen den IS vorzugehen. Ein erstes Beispiel gab es vor wenigen Tagen in Tikrit im Irak, einer Stadt, die lange vom IS besetzt war und jetzt in einer schiitischen Offensive zurückerobert wurde. Die Offensive wurde unterstützt von der irakischen Armee, schiitischen Milizen, iranischen Militärberatern – und Luftangriffen der Vereinigten Staaten.

Martin Gehlen

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