Unglaubliche Flüchtlingszahl in Japan

Elf kamen durch

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Nachbarn in Not: Das Schicksal der aus Myanmar und Bangladesch flüchtenden Rohingya berührt Japan nicht.

Tokio - Rund 1,6 Millionen Flüchtlinge sind im Jahr 2014 aus Syrien in die Türkei gekommen, 500 000 Neuankömmlinge haben Asylanträge in Europa gestellt – und Japan hat elf Flüchtlinge aufgenommen. Das Land ist einer der größten Geber für internationale Hilfe. Aber Flüchtlinge aufnehmen? Bloß nicht. Vorurteile schotten die Insel ab.

Elf, so viele Menschen wie eine Fußballmannschaft hat Japan 2014 aufgenommen. Und die drittgrößte Industrienation der Welt ist auch noch stolz darauf: Elf, das bedeutet einen Zuwachs von fast 100 Prozent. 2013 durften nur sechs Hilfesuchende einreisen. Ein Rekordjahr markierte 2014 trotzdem: Rund 5000 Menschen erbaten Asyl in Japan, so viele wie noch nie. Denn auch im Pazifischen Raum sind dieser Tage Unzählige auf der Flucht. Das reichste Land der Region aber will nichts mit ihnen zu tun haben. Weil sie Fremde sind. Und nur, weil sie Fremde sind.

Allein gut 7000 Flüchtlinge der Volksgruppe der Rohingya treiben derzeit in Booten vor den Küsten Südostasiens. Im mehrheitlich buddhistischen Myanmar werden die muslimischen Rohingya verfolgt und unterdrückt. Auch aus Bangladesch flüchten Rohingya in großer Zahl.

Die – mehrheitlich muslimischen – Nationen Malaysia und Indonesien wollen Flüchtlinge höchstens für ein Jahr aufnehmen. Und Thailand lässt schon gar keinen an Land, will Bootsflüchtlinge nur auf dem Wasser mit dem Nötigsten versorgen. All diese Länder kämpfen selbst gegen weit verbreitete, bittere Armut. Und die, die helfen könnten, die genug Platz und genug Geld hätten, die wollen nicht. Vor allem nicht Japan.

Es ist ein merkwürdiger Widerspruch. Da ist dieses wohlhabende Land, Asiens älteste Industrienation. Ein Land, das in den meisten entwicklungspolitischen Fragen als Vorbild für alle anderen asiatischen Länder gilt. Es ist auch ein Land, das Zuwanderer gut gebrauchen könnte. Die Geburtenrate ist schon lange so gering, dass die überalterte Bevölkerung schrumpft. Es mangelt akut an Fachkräften in Pflege, Landwirtschaft und technischen Berufen. Trotzdem nimmt kein Land weniger Fremde auf als Japan.

Sind die Japaner geizig? Herzlos?

„Das sind sie nicht“, sagt Jane Best, Vorsitzende der Flüchtlingsorganisation Refugees International Japan. „Japan gibt wichtige Unterstützung für Entwicklungsprojekte im Ausland. Aber die Behörden sind nicht gleichermaßen hilfsbereit, wenn es um Menschen geht, die hier Schutz finden wollen.“ Mit 182 Millionen US-Dollar war Japan 2014 hinter den USA, der EU und Großbritannien der viertgrößte Spender für das UN-Flüchtlingshilfswerk. Kauft Tokio sich frei? In Flüchtlingsfragen ist das Argument der öffentlichen Verwaltung schlicht: Bewerbern mangele es in der Regel an den nötigen Dokumenten. Zwar ist Japan als Unterzeichnerstaat der Genfer Konvention von 1951 dazu verpflichtet, Flüchtlingen Asyl zu ­gewähren. Wie aber stellt man fest, dass der Antragsteller wirklich wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit, Sexualität, politischen Einstellung oder Religion verfolgt wird?

Jedes potenzielle Empfängerland steht vor diesem Grundproblem. Allerdings schenken die meisten Staaten den Bewerbern mehr Vertrauen, als es die japanischen Behörden tun. Seit Tokio 1982 ein System für die Aufnahme von Flüchtlingen eingeführt hat, haben gut 600 Menschen Asyl erhalten. 600 Menschen in 33 Jahren. Im Schnitt bewilligt ein Staat rund 30 Prozent aller Asylanträge. Japans Bürokratie nimmt 0,16 Prozent an.

Ausländer haben in Japan generell einen schweren Stand. Trotz demographischer Krise macht sich keine Partei im Parlament für Zuwanderungsprogramme stark. Der Gedanke findet auch in der Bevölkerung kaum Widerhall. Hidenori Sakanaka, pensionierter Beamter und ehemaliges Mitglied der Liberaldemokraten, gehört zur überschaubaren Zahl offener Kritiker der japanischen Praxis. Vor einigen Jahren gründete er das Immigration Policy Institute, mit dem er sich für Einwanderung stark macht.

Errechnet hat Sakanaka, dass sein Land, um den Bevölkerungsrückgang aufzuhalten, jedes Jahr einige Hunderttausend Menschen aufnehmen müsste. Nur glaubt auch er, dass dies schwer durchzusetzen wäre: „Die ursprünglichen Japaner lebten fast 1000 Jahre als eine einzige ethnische Gruppe für sich. Es wird eine schwierige Aufgabe, freundliche Beziehungen zu anderen Gruppen aufzubauen.“

Rund 200 Jahre war Japan von der Welt abgeschottet, bis es sich ab 1868, gezwungen durch die USA, für Welthandel und Diplomatie öffnete. Zuvor waren Ein- und Ausreise allgemein verboten. Die letzten zwei Jahrhunderte des Feudalwesens waren aber auch jene Jahre, in denen entscheidende Aspekte der modernen japanischen Kultur gediehen. So sehen viele Konservative in Ausländern noch heute entweder Eindringlinge oder zum Scheitern Verurteilte, die es nie schaffen werden, sich der einzigartigen japanischen Lebensart anzupassen.

Dabei beteuert Premierminister Shinzo Abe seit seinem Amtsantritt Ende 2012, sein Land für die Welt öffnen zu wollen. Bislang leben kaum 2 Prozent Ausländer im Land, nun will Abe zumindest Hochqualifizierte locken. Im Gegenzug sollen junge Japaner Erfahrungen im Ausland sammeln. „Wir dürfen den Anschluss an die globalisierte Welt nicht verlieren“, sagt Abe immer wieder. Bisher hat sich allerdings schon in Sachen Einwanderung von Spezialisten wenig getan. Und zu Flüchtlingen, die zumindest zu Anfang ihres Aufenthalts mehr Geld kosten würden als sie einbringen, hat Abe ohnehin wenig gesagt.

Allerdings könnte der Premier bald zu einer Äußerung gezwungen werden. Mitte Mai verklagten vier Asylbewerber aus Syrien Japan auf Anerkennung als Flüchtlinge. Die Männer, die sich in Syrien für demokratischen Wandel engagiert hatten, erreichten ­Japan im Sommer 2012. Alle ihre Asylgesuche wurden bisher abgelehnt. Da ihre Fälle aus rechtlicher Perspektive so eindeutig seien, hätten sie sich über die Ablehnungen schon gewundert, ließ Joude Youssef, einer der Prozessierenden, verlauten. Der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach war aber nichts anderes zu erwarten.

von Felix Lill

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