Was reizt Jugendliche am IS?

Vom Klassenzimmer in den Krieg

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Lamya Kaddor ist Lehrerin in Dinslaken. Gleich fünf Schüler von ihr gingen als IS-Kämpfer nach Syrien.

Dinslaken - Lamya Kaddor ist seit zehn Jahren Lehrerin in Dinslaken-Lohberg. Aus dem Stadtteil gingen rund 25 Jugendliche als Kämpfer zum IS, unter anderem Philip B. und Mustafa K. Jetzt sucht sie nach den Gründen.

Ein Klassenzimmer, von Neonlicht grell erhellt, draußen herrscht dunkles Grau, es ist kurz nach acht. Ziemlich früh, um sein Wissen über den Koran zusammenzukratzen. Der Lohberger versucht’s trotzdem. „Der Lohberger“, so nennt die Lehrerin Lamya Kaddor den 13-jährigen Özgür (alle Namen der Kinder geändert), weil er so stolz ist auf sein Viertel. Außerhalb von Dinslaken ist Lohberg vor allem aus einem Grund bekannt: weil allein aus diesem Stadtteil am Fuß des alten Zechenturms 25 Jugendliche als IS-Dschihadisten nach Syrien gezogen sind.

„Lohberger, wo liegt denn bei euch der Koran?“, fragt die Lehrerin. „Oben, auf dem Regal.“ „Und warum oben?“ „Weil es unter dem Gürtel unrein ist.“ Gnickern in der Klasse, aber auch anerkennende Blicke. Hätte nicht jeder gewusst.„Und in welcher Sprache ist der Koran geschrieben?“, fragt sie weiter. „Das weiß jetzt aber jeder.“

Viele Arme gehen nach oben. Aber längst nicht alle. Vielleicht ist das das Problem.

Lamya Kaddor jedenfalls ist davon überzeugt. Seit zehn Jahren unterrichtet die 36-Jährige in Dinslaken islamische Religion. Erst an der Hauptschule in Lohberg, jenem Stadtteil, der als eine der Hochburgen des Islamismus in Deutschland gilt, nun an der Sekundarschule. Was sie seitdem beobachtet, ist ein eigenartiger Widerspruch. Auf der einen Seite sind da die Schüler, die jungen Muslime, die immer weniger über ihre Religion wissen. Aber auf der anderen Seite werden manche von ihnen immer radikaler. 2013 Jahr zogen fünf ihrer Ex-Schüler nach Syrien, um sich der Terrortruppe IS anzuschließen. Einen von ihnen hatte sie noch im Jahr zuvor als Klassenlehrerin unterrichtet. „Das war für mich der Super-GAU“, sagt sie. „Und zunächst empfand ich das auch als persönliche Niederlage.“ Weil es all dem widerspricht, wofür sie selbst steht.

Also ging sie auf die Suche. Wie wird aus jungen Männern, die Alkohol trinken, auf Partys gehen und die vom Koran kaum mehr wissen, als dass er auf Arabisch verfasst ist, ein islamistischer Terrorist? Lamya Kaddor hat ein Buch darüber geschrieben, „Zum Töten bereit – warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“.

Es geht darin auch um sie selbst, die ihre Eltern schon für eine Ungläubige hielten, weil sie als Kind nicht fünfmal am Tag beten wollte. Die dann aber zu ihrer Eltern Überraschung doch islamische Theologie studierte und als bekannteste liberale Muslima in Deutschland von konservativen Muslimen fast so sehr angefeindet wird wie von deutschen Islamgegnern. Es geht in ihrem Buch um die Jugendlichen, die gestern noch am Marktplatz in Lohberg in Dönerbuden abhingen und bald darauf in Syrien mit abgeschlagenen Köpfen posierten. Und es geht um das, was all das mit dem zu tun hat, was sie jeden Tag im Unterricht in ihrer Schule erlebt.

„Was haben denn der Jude und der Muslim in der Geschichte, die wir gelesen haben, gemeinsam?“, fragt die Lehrerin. „Beide sind gemobbt worden“, sagt ein Mädchen. „Wofür kann man denn diskriminiert werden?“, fragt Lamya Kaddor weiter. „Geistige Behinderung“, sagt ein anderes Mädchen. „Homos“, sagt der Lohberger. „Ob man bedeckt ist oder nicht“, sagt Aylin in der zweiten Reihe. Lamya Kaddor geht zur Tafel. „Religion“, schreibt sie. Es geht um die Juden. Das ist das Hauptthema der Stunde. Ob sie wissen, was das gerade für ein Gedenktag war, wegen dem die Fernsehsender all die Bilder von früher zeigten? Was vor 70 Jahren geschehen ist? Es ist der Tag nach dem Holocaust-Gedenktag. Von Auschwitz hat noch keiner gehört. „Von wo sind die Juden befreit worden?“, fragt Lamya Kaddor. „Aus dem Keller?“, antwortet ein Schüler. „Aus dem Kon..., Konzen...“, setzt einer an. Er ist der Einzige, der es weiß. „Aus dem Konzentrationslager“, ergänzt sie. „Man hat mit der Asche der Juden die Straßen gepflastert“, sagt Lamya Kaddor. „Ich weiß, ihr guckt mich jetzt an wie ein Auto. Aber das hat es in Deutschland wirklich gegeben.“ Jetzt sind Schüler still, erschrocken. Die jungen Muslime wissen schon von der eigenen Religion kaum noch etwas. Von jeder anderen wissen sie noch viel weniger.Emre meldet sich. Emre sitzt in der dritten Reihe, gut aussehend, Mädchenschwarm. „Und warum haben die Juden nicht gekämpft?“, will er wissen. Kämpfen, findet er, könnte doch ein Weg sein.

Was Lamya Kaddor über die Schüler weiß, sieht man denen im Unterricht nicht an. Eltern Alkoholiker, Eltern tot, Eltern umgebracht, das sind Geschichten, auf die sie hier stößt. Seit die Zeche in Lohberg vor ein paar Jahren schloss, hat dort kaum noch jemand Arbeit. Ein Ort der Hoffnungslosigkeit. Mehr als die Hälfte der Menschen in der alten Bergarbeitersiedlung sind Muslime. Ein dankbarer Ort für Salafisten, die vor einigen Jahren auch nach Lohberg kamen.

„Es geht bei denen, die dafür anfällig sind, um fehlende Orientierung, fehlende Annahme, fehlenden Halt“, sagt Kaddor. Halt, den auch die Religion nicht mehr bietet, weil alles Religiöse bei den jungen Muslimen genauso bröckelt wie bei Katholiken und Protestanten. Die Erfahrung, nicht dazuzugehören, machten sie in Lohberg jeden Tag. So, wie sie auch Lamya Kaddor selbst immer noch macht. „Jetzt guckt mal, wie gut die Frau Kaddor Deutsch spricht“: So wurde sie am ersten Tag in der Schule vorgestellt. Als wäre ihr Deutsch erstaunlich für jemanden, der in Ahlen in Westfalen aufgewachsen ist. Lamya Kaddor hat studiert, lehrt an der Uni und an der Schule. Aber die Jugendlichen dort haben vielleicht nicht mal einen Job. Dann hören sie denen gern zu, die sagen: „Bei uns bist du nicht das Opfer, bei uns bist du was wert.“ Und wenn die Jugendlichen dann nicht mal die elementarsten Dinge über ihre Religion wissen, vielleicht kaum mehr, als dass der Koran auf Arabisch geschrieben ist, dann haben die Radikalen noch leichteres Spiel: „Je weniger religiös die Jugendlichen sind, desto anfälliger sind sie für Salafisten“, sagt Kaddor. „Die haben ihnen nichts entgegenzusetzen.“

Ist das nicht zu einfach: der Dschihadist als Resultat der Muslimfeindlichkeit? Was ist mit den deutschen Konvertiten, die als IS-Kämpfer nach Syrien ziehen? Da erzählt Kaddor von Nils D., einem Syrien-Rückkehrer aus Dinslaken, der hier vor ein paar Tagen festgenommen wurde. D., erzählt sie, war 15, als er mit einer 14-Jährigen ein Kind zeugte. Das ist die Welt, aus der er kommt. Ausgeschlossen sein, heißt das, ist kein Gefühl, das nur Muslime kennen. Und es ist ja auch nicht so, dass sie die Muslime in Deutschland verschonen würde mit ihrer Kritik. Vor allem nicht die muslimischen Verbände. Diese, sagt sie, müssten sich viel deutlicher von allen Radikalen distanzieren.

Von den fünf Schülern Kaddors, die nach Syrien gingen, sind vier zurück. Nach einer Woche kamen sie wieder. Ernüchtert, verstört, verwirrt. Einer, der Jüngste, ist noch immer in Syrien. Lamya Kaddor weiß nicht, ob sie hoffen soll, dass er zurückkommt. Oder ob sie davor Angst hat.Die Stunde geht zu Ende. Nur Emre hat noch eine Frage.

„Frau Kaddor, Leute verprügeln ist doch haram, oder?“ Haram, arabisch, heißt für die Muslime verboten. „Ja, das ist haram.“ „Aber könnte man bei Neonazis eine Ausnahme machen?“Nein, antwortet sie. Bei Gewalt dürfe man nie eine Ausnahme machen.

Von Thorsten Fuchs

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