Unruhen

Das Militär - Joker im ägyptischen Machtkampf

- Die Demonstranten in Ägypten setzen auf Soldaten als „Menschen wie wir“ – Mubarak setzt auf das Militär als Verteidiger des Regimes.

Langsam rollt die Panzerkolonne am Ägyptischen Museum im Zentrum Kairos entlang. „Das Militär und wir sind ein und dasselbe“, rufen die Menschen, klatschen und jubeln der Kolonne zu. Soldaten winken zurück.

Wir sind das Volk? Die Demonstranten, die für das Ende der Unterdrückung durch das 30-jährige Regime Mubarak kämpfen, vertrauen auf die Integrität des Militärs. Obwohl das ägyptische Staatsfernsehen seit den Morgenstunden ein ganz anderes Bild im Viertelstundentakt wiederholt: Mubarak sitzt im Krisenstab der Armee inmitten der versammelten Militärführung des Landes. Und er holt, demonstrativ, zwei altgediente Offiziere an seine Seite: Luftwaffenstabschef Ahmad Schafik ist neuer Ministerpräsident. Und seinen engsten Getreuen, den Geheimdienstgeneral Omar Suleiman, ernennt er zum Vizepräsidenten.

Zum ersten Mal seit 30 Jahren erlaubt Mubarak einen starken Mann an seiner Seite. Weil er den 74-Jährigen, der einen der effizientesten und gefürchtetsten Geheimdienste im Nahen Osten führt, braucht. Suleiman ist schon lange die graue Eminenz in den Kulissen. Keiner hat so oft, so erfolgreich zwischen Israelis und Palästinensern vermittelt, immer wieder Waffenpausen ausgehandelt. Aber kaum einer auch steht so treu zu Mubarak wie der erklärte Antikommunist und Antiislamist Suleiman. Und so wird die Nachricht von seiner Ernennung von den Demonstranten in den Straßen mit einem einzigen Satz quittiert: „Weder Mubarak noch Suleiman, wir haben die amerikanischen Marionetten satt“, skandiert die Menge in Kairos Zentrum.

Dabei haben die Demonstranten immer noch die Hoffnung, dass sich die Armee auf ihre Seite schlagen wird. Auch wenn manche nun etwas vorsichtig geworden sind. Als die Panzerkolonne in Richtung des zentralen Tahrir-Platzes rollt, der zum Sammelplatz für den Widerstand gegen das Regime geworden ist, ändert sich die Atmosphäre. Auch an diesem Sonntagmittag haben sich Zehntausende Demonstranten dort versammelt, als plötzlich jemand laut ruft, dass die Panzer im Namen Mubaraks diesen Platz besetzen wollen.

Binnen weniger Minuten verbreitet sich dieselbe Warnung in dutzendfachen Echos. Und es dauert nur wenige Minuten, da hat sich die Menge vor den Führungspanzer gestellt. Einer erfindet den Ruf „Wir gehen nicht, er geht!“, der sofort über den ganzen Platz hallt. Ein Mann steigt auf den Panzer und fordert die Demonstranten auf, sich den „Platz der Befreiung“ nicht nehmen zu lassen, auch nicht von der Armee, und macht ein Zeichen, sich hinzusetzen. Hunderte setzen sich vor den Panzer. Zwei Militärpolizisten kommen nach vorne und bitten den Mann höflich abzusteigen.

Der Offizier der Panzerkolonne nimmt ein Megafon und erklärt, dass die Panzer auf dem Weg zum Innenministerium seien, zur verhassten Zentrale des Polizei- und Staatssicherheitsapparats. Die Demonstranten beginnen untereinander zu diskutieren. Das ist eine der faszinierenden Beobachtungen der letzten Tage. Sie haben keinerlei politische Führung, aber sie besprechen von Minute zu Minute, was geschieht und wie es weitergehen soll. Es ist, als würde das Wort Volksaufstand an den Ufern des Nils neu erfunden, denn der ägyptische Aufstand hat nicht einen, sondern viele Köpfe.

„Die wollen uns reinlegen“, rufen einige. „Die wollen in Wirklichkeit unseren Platz besetzen.“ Dann die Lösung: „Wenn ihr zum Innenministerium wollt, könnt ihr auch diese Seitengasse nehmen“, ruft einer. Das wird schnell zum Konsens der Demonstranten. Sie öffnen den Weg in Richtung Seitenstraße und bilden ein Spalier, damit die Panzer dorthin abbiegen können. Doch schon nach zwei Panzern schließt sich das Menschenmeer wieder. Und das Ganze wird wieder zu einem psychologischen Kräftespiel zwischen der Armee und den Demonstranten. Mit der großen offenen Frage, wo die Loyalität der Soldaten liegt. Nicht wenige Soldaten, Offiziere auch, tun offen ihre Sympathie für die Menge kund.

Dann liefert auch noch die Luftwaffe ihren Beitrag. In immer tieferen Flügen donnern Kampfjets über die Stadt in einer vermeintlichen Drohgebärde. Die Demonstranten machen Siegeszeichen in Richtung Himmel.

Wenig später ist die Masse auf dem Platz auf gut 100 000 Leute angeschwollen, genau zu dem Zeitpunkt, zu dem die offizielle Ausgangssperre beginnt. Die Kampfjets hatten mit ihrem Tiefflug ganz Kairo darauf aufmerksam gemacht, dass etwas Besonderes geschieht. Um so mehr Menschen haben sich spontan auf den Weg zum Tharir-Platz gemacht.

Einen halben Kilometer weiter in einer Seitengasse spielt sich eine der Szenen ab, die seit Sonnabend immer häufiger zu beobachten sind. Eine Gruppe Soldaten hat drei mutmaßliche Plünderer gefasst. Ihre Arme sind mit Kabeln zusammengebunden, ihre Augen mit einem blauen Plastiksack verbunden. Die Soldaten schlagen auf die Männer ein, die bereits blutend auf dem Boden liegen. Aber das sind nur die leichteren Schläge. Immer wieder versuchen Passaten sich auf die Männer zu stürzen, prügeln und treten sie, rufen: „Bringt ihnen bei, was wirkliche Moral ist“, bevor die Soldaten die Plünderer am Ende wegführen. Die Wut auf die Plünderer ist groß. Viele Menschen in Kairo glauben, dass ein Plan hinter den Plünderungen steckt. „Das sind ehemalige Offiziere der Staatssicherheit“, ruft einer der Passanten. „Wer hat die Gefängnisse denn aufgemacht und die Kriminellen rausgelassen?“, fragt ein anderer.

Eine Kinderkrebsklinik wird überfallen und ausgeraubt. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasija stellen Ärzte Molotowcocktails her, um das Hospital verteidigen zu können. Im Ägyptischen Museum, wo der Schatz des Tutanchamun ausgestellt ist, sind Götterfiguren aus dem Schatz des jungen Pharaos zerschlagen worden, Vitrinen sind zerschmettert, zwei Mumien zerstört. „Das waren die Wächter des Museums, unsere eigenen Leute“, sagt die Museumsleiterin später dem Berliner „Tagesspiegel“. Einige Polizisten hätten offenbar ihre Jacken ausgezogen, um nicht als Polizisten erkennbar zu sein.Eine zweite Gruppe der Täter sei über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen.

Keiner weiß genau, was wirklich mit den Plünderungen vor sich geht. Aber die Version, dass das Chaos ein Teil der Taktik Mubaraks ist, damit die Menschen wieder nach ihm und seinem Sicherheitsapparat rufen, macht seit den Morgenstunden die Runde. Es ist wie so vieles in Kairo: Keiner weiß genau, warum was geschieht, aber jeder weiß, dass Ägypten nie wieder so sein wird wie zuvor.

Die ägyptische Oberschicht verlässt derweil das Land. Am Sonntag seien erneut 45 Privatflugzeuge vom Flughafen Kairo gestartet, mit denen Unternehmer, Diplomaten und Künstler sowie ihre Familien ausflogen, verlautet aus der Flughafenverwaltung. Die Söhne von Mubarak und ihre Familien hatten sich bereits am Sonnabend nach Großbritannien abgesetzt.

Karim El-Gawhary

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