Myanmar, Hongkong und Taiwan

„Milk Tea Alliance“: Wie ein Meme zur transnationalen Demokratie-Bewegung wurde

Die von der Hongkonger Aktivistin Anna Cheung organisierte „Milk Tea Alliance“-Demonstration in New York City, Frühjahr 2021.
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Die von der Hongkonger Aktivistin Anna Cheung organisierte „Milk Tea Alliance“-Demonstration in New York City, Frühjahr 2021.

„Milk Tea Alliance“ hat den Ursprung im Online-Gefecht konkurrierender K-Pop-Fans. Heute ist es eine Bewegung gegen Autoritarismus in Ländern wie Myanmar.

New York City/München – Jetzt sind nur noch die Todesmutigen übrig. Die Demonstrantinnen und Demonstranten, sie sich von Kopfschüssen, Verhaftungen und der dritten Corona-Welle nicht abhalten lassen. In Myanmar hat am 1. Februar 2021 das Militär* die demokratisch gewählte Regierung gestürzt – und damit Hoffnungsträgerin Aung San Suu Kyi. Es ist der vierte Putsch innerhalb von fünf Jahrzehnten, der das südostasiatische Land erschüttert. Doch diesmal ist der Widerstand gegen die Militär-Junta hartnäckiger. In den vergangenen zehn Jahren hat die Bevölkerung die Demokratie schmecken können. Kein demokratisches System wie in der Europäischen Union, aber Freiheiten, die unter der Militärregierung nicht möglich waren. Das zuvor abgeschottete Land hat sich in dieser Zeit der Welt geöffnet.

Dann der Militärputsch. Kurz danach trendete der Hashtag „Milk Tea Alliance“. Demokratie-Aktivistinnen und -Aktivisten aus Ländern wie Hongkong, Taiwan und Thailand solidarisierten sich mit den Burmesinen und Burmesen. Die Geschichte der transnationalen Demokratiebewegung „Milk Tea Alliance“ hat ihren Anfang jedoch nicht bei den Straßenkämpfen in Myanmar. Sondern in einem Meme-Streit zwischen rivalisierenden K-Pop-Gruppen. Was lose als Hashtag anfing, ist heute ein Schulterschluss von Bewegungen in autoritär regierten Ländern, die nach Demokratie streben. Und sich gegen das von der Kommunistischen Partei* regierte China stellen.

Burmesische Demonstranten halten Porträts der festgesetzten myanmarischen Regierungschefin Suu Kyi und zeigen den symbolischen Drei-Finger-Gruß bei einem Protest nahe des Wolkenkratzers Taipei 101 gegen das Militärregime in Myanmar. Die Demonstranten fordern mehr Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft einschließlich des Verbands Südostasiatischer Nationen (ASEAN) für die Situation in Myanmar.

Vom Hashtag zur Demokratie-Bewegung: Die Entstehung der „Milk Tea Alliance“

Zu Beginn der Recherche ist die „Milk Tea Alliance“ erst einmal eine Sackgasse. Es existiert keine repräsentative Organisationsstruktur, kein Verband, keine zentrale Stelle. Vielmehr handele es sich um einen „fluiden Hashtag, der in verschiedenen Konjunkturen getrendet ist“, sagt Prof. Dr. Wolfram Schaffar von der Universität Tübingen. Der Japanologe ist einer der wenigen Wissenschaftler, der zum Phänomen der „Milk Tea Alliance“ forscht. Ursprünglich habe es sich um unterschiedliche Strömungen gehandelt, die sich dahin entwickelten, dass „Autoritarismus in einer generellen Form angeklagt wird – oft in Verbindung mit von China unterstütztes oder mit China identifiziertes autoritäres Handeln“, so Schaffar.

Es begann im April 2020 mit einem Fangruppen-Krieg. Auf der einen Seite chinesische nationalistische Internet-Krieger, sogenannte „Wolf Warrior“*, die sich „Little Pink“ nennen. Auf der anderen Seite Fans des thailändischen Schauspielers und Sängers Vachirawit Chivaaree, Künstlername „Bright“, und seiner Freundin Nnevvy. Der Hintergrund war jedoch hochpolitisch. „Bright“ teilte einen Post, in dem die Sonderverwaltungszone Hongkong als eigenes Land aufgeführt wurde. „Little Pink“ reagierten wütend. Ihr Vorwurf: Der thailändische Prominente missachte die Ein-China-Politik. Die thailändische K-Pop-Community hielt mit Hilfe von Hongkonger und Taiwaner Fangruppen entschlossen dagegen – und gewann das Online-Gemetzel. Dies war noch nicht „Milk Tea Alliance“. Aber ein erster Stein war ins Rollen gekommen.

Namensherkunft „Milk Tea Alliance“

Der Name bezieht sich auf ein Getränk der ersten Länder der „Milk Tea Alliance“: Tee mit einem Schuss Milch in unterschiedlichen Variationen. In Hongkong, Thailand und Taiwan („Bubble Tea“) ist diese Form des Tees weit verbreitet und vor allem beliebt unter der jungen, urbanen Bevölkerung der Mittelschicht. Auch in anderen Ländern der „Milk Tea Alliance“ gibt es Abwandlungen davon.

Tage später griffen bekannte Demokratie-Aktivistinnen und -Aktivisten wie Joshua Wong den Hashtag auf. Sie schafften es, „den politischen Diskurs in etwas Progressives zu überführen“, analysiert Schaffar rückblickend. Die Entwicklung des Hashtags in eine pro-demokratische und anti-autoritäre Richtung sei gezielt vorangetrieben worden. Kurzum: Die Demokratie-Bewegung in den verschiedenen Ländern entdeckte das Potential des Hashtags.

Neue Form der transnationalen Widerstandsbewegung: Memes und popkulturelle Referenzen

Mit der „Milk Tea Alliance“ entstand eine neue Form von transnationaler Widerstandsbewegung: Nationalgrenzen spielen bei der Online-Bewegung nur insofern eine Rolle, dass das politische System des eigenen Landes kritisiert wird – der Autoritarismus. Der Schulterschluss macht die Botschaft stärker, die Stimmen, die nach Demokratie schreien, lauter. „Wir finden die Verbreitung dieses Hashtags in autoritär regierten Ländern, in denen die autoritären Regierungen nicht populär sind“, so der Japanologe. Das seien vor allem Hongkong, Thailand, Myanmar – und Taiwan aufgrund der Bedrohungssituation durch die Kommunistische Partei.

Memes und popkulturelle Referenzen spielen eine zentrale Rolle. Auf Fotos aus Thailand und Myanmar sieht man Demonstrierende, die als Zeichen des Widerstands stumm die Hand zum Drei-Finger-Gruß erheben. Ein Aufruf zur Rebellion, bekannt aus der Filmreihe „Tribute von Panem“. Myanmars UN-Botschafter Kyaw Moe Tun verweigerte dem Militär nach dem Putsch öffentlich die Gefolgschaft – am Ende seiner Rede machte er ebenfalls den Drei-Finger-Gruß. In Thailand lehnte sich die Jugend gegen die Monarchie und den verschwenderisch lebenden König Rama X auf. Die Studentin Panusaya Sithijirawattanakul wurde damals eine der Anführerinnen. Ihr Markenzeichen: die Harry-Potter-Brille.

Putsch in Myanmar 2021: Hashtag „Milk Tea Alliance“ verbreitete sich nach Sturz der demokratischen Regierung

Seit dem Putsch wird der Hashtag primär im Kontext von Myanmar verwendet. Nach dem Sturz von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kji wandten sich die Aktivistinnen und -Aktivisten für Unterstützung an die Länder der „Milk Tea Alliance“. Eine Guideline mit Taktiken zu Straßenprotesten nach dem Vorbild von Hongkong und Thailand kursierte, erzählt der New Yorker Myanmar-Aktivist Aung Moe Win. Der anhaltende Widerstand hat das Militär laut Aung überrascht.

 „Freiheit ist nicht selbstverständlich, sie muss erkämpft werden.“ 

Aung Moe Win, Myanmar-Aktivist aus New York City

„Die Menschen wollen nicht zurück in die Zeit der Angst und Unterdrückung. Sie gehen unter Einsatz ihres Lebens bis heute auf die Straßen, haben Angst vor Kugeln, vor Verhaftungen und Folter. Ihre Familienmitglieder wurden entführt. Und jetzt auch noch Covid-19.“ Das Gesundheitssystem sei zusammengebrochen – und Sauerstoffgeräte seien akute Mangelware. Von seinen Kontakten in Myanmar weiß er, dass junge Menschen dennoch weitertrainierten, um gegen das Militär zu kämpfen und versuchten, an Waffen zu kommen, so Aung. „Das Militär hat das Verlangen der Menschen nach Freiheit unterschätzt“, ist sich der Aktivist aus New York City sicher.

Überall im Land tauchten die Menschen für Demonstrationen auf, so Aung. Flashmobs dominierten mittlerweile in Städten und ländlichen Gebieten. Protestierende versammelten sich im Morgengrauen, mitten in der Nacht – sie setzen auf Überraschungsmomente. Dennoch komme es immer wieder zu Konfrontationen mit dem Militär, zu Schüssen und Festnahmen. Kürzlich seien zehn junge Menschen verhaftet worden, einer davon angeschossen. Was treibt die Menschen an? „Wenn sie nicht kämpfen, wenn das Militär an der Macht bleibt, werden die Menschen leiden“, gibt sich der Aktivist überzeugt. „Freiheit ist nicht selbstverständlich, sie muss erkämpft werden.“

Zukunft der Demokratie-Bewegung „Milk Tea Alliance“: Struktur, Organisation und Anführende

Noch ist die „Milk Tea Alliance“ eine heterogene Bewegung ohne Struktur, übergeordneter Organisation und Köpfen an der Spitze. Dabei ist das Potential groß, eine politische Kraft für Demokratie innerhalb Asiens zu werden – gerade in der jüngeren Generation. Die Biologie-Professorin und Hongkong*-Aktivistin Anna Cheung (NGO: „Hongkong Democracy Council“) aus New York City versucht, den Wollknäuel der verschiedenen Gruppierungen zu entwirren und zusammen zu führen. Seit Jahrzehnten setzt sie sich für Demokratie in ihrer Heimat ein. Sie sagt: „Unter dem Hashtag ‚Milk Tea Alliance‘ zusammen zu kommen, ist einfach. Aber etwas ganz anderes ist es, herauszukristallisieren, was man damit macht.“

Mit Aktivistinnen und Aktivisten anderer Länder tauscht sie sich darüber aus, wie aus dem losen Zusammenschluss eine richtige Bewegung entstehen kann. Erste Anfänge gibt es bereits. So organisierte Cheung Demonstrationen in New York City und Washington D.C. Was ist die Strategie für die Zukunft? Und wie kann man die Welt darauf aufmerksam machen, was in den Ländern passiert? Diese Fragen treiben Anna Cheung um – in regelmäßigen Sitzungen mit Aktivistinnen und Aktivisten aus Myanmar, Thailand und Taiwan* versucht sie, die Antwort zu finden. Das größte Potential sieht sie im Teilen von Erfahrungen. Die Länder könnten voneinander profitieren, Taktiken und Strategien austauschen. So geschehen in Myanmar: Nach dem Beispiel der Hongkonger-Bewegung nutzen die Demonstrierenden Masken gegen Tränengas, schreiben sich ihre Blutgruppe auf den Arm für Notfall-Operationen und lernten, sich selbst nach einem Tränengas-Angriff zu verarzten.

„Wir versuchen die gemeinsamen Ziele hochzuhalten, um alle zusammen zu bringen“, so Cheung. Das stellt die erfahrene Aktivistin vor Herausforderungen. Denn: Zwar teilten die Bewegungen der verschiedenen Länder die Sehnsucht nach Demokratie als vereinendes Moment. Aber dennoch habe jedes Land sein eigenes Schicksal, so Cheung. „Ich glaube nicht, dass wir DIE ‚Milk Tea Alliance‘ haben werden. Aber ich glaube, dass wir unsere Kräfte besser bündeln können.“

Jedoch: „Bis zu dem Tag, an dem Hongkong die Demokratie erhält, bis Myanmar Frieden hat und nicht mehr vom Militär kontrolliert wird, bis Thailand ihren König abgesetzt hat und bis Taiwan sicher ist, wird es Jahre, Jahrzehnte dauern. Ich habe keine Wahrsagekugel. Aber ‚Milk Tea Alliance‘, ist der erste Schritt – und es ist das, was wir tun können“, ist Anna Cheung überzeugt.

Kritik-Punkte an Hashtag-Bewegung „Milk Tea Alliance“ – anti-chinesische Ressentiments befeuert

Es gibt aber auch kritische Strömungen innerhalb der „Milk Tea Alliance“. In Myanmar wird der Hashtag teilweise genutzt, um die Behauptung zu verbreiten, die Volksrepublik China stehe hinter dem Militär-Putsch. Das ist nicht belegt. „#Milk Tea Alliance“ kann somit instrumentalisiert werden, um ein bestimmtes Narrativ zu verbreiten. Wie die reflexhafte Schuldzuweisung in Richtung China. Dabei liegt das Potential des Hashtags nach Ansicht von Prof. Dr. Schaffar vielmehr darin, Autoritarismus nicht als ein an China-gekoppeltes Phänomen zu betrachten, sondern als ein allgemeines, abstraktes Problem.

Gleichwohl: „Für viele junge Demonstranten (in Myanmar) bedeutet der Beitritt zur Milk Tea Alliance zusammen mit anderen asiatischen Jugendlichen eine Ablehnung der geschlossenen und autoritären Gesellschaft, die das Militär jahrzehntelang durch Gewalt und Terror aufrechterhalten hat“, sagt Ronan Lee, Gastwissenschaftler der Queen Mary University of London, gegenüber der Deutschen Welle. Es ist Hoffnung.

In Myanmar glauben viele Menschen weiterhin daran, sich abermals vom Militär befreien zu können. Regierungschefin Aung San Suu Kji stehe zwar unter Hausarrest. Sie gelte jedoch noch immer als ein „Symbol für Hoffnung und Demokratie“, berichtet Aung. Bei all dem Schmerz der vergangenen Monate habe sich auch Positives entwickelt. Die verschiedenen Ethnien Myanmars, unter ihnen die unterdrückte muslimische Minderheit der Rohingya, seien aktuell vereint im Kampf gegen das Militär. So wie die Länder der „Milk Tea Alliance“ in ihrem Widerstand gegen den Autoritarismus. (aka) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Anmerkung: Für ausländische Medien ist es aktuell kaum mehr möglich, Informationen aus Myanmar zu erhalten beziehungsweise zu verifizieren. Journalistinnen und Journalisten haben das Land verlassen, das Internet ist stark eingeschränkt, es gibt keine vertrauenswürdigen Regierungsinformationen.

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