Homo-Ehen in Deutschland

Ein neues Ehe-Versprechen

Foto: Demonstration für Homo-Ehen: In Deutschland kommt die Debatte in Fahrt.

Berlin - Das Thema, so viel ist nach wenigen Tagen öffentlicher Diskussion schon klar, plagt vor allem CDU und CSU. Sollen Homosexuelle auch heiraten können? Die Rufe nach einer Reform in Deutschland werden lauter, auch in der CDU tut sich etwas.

Das Thema, so viel ist nach wenigen Tagen öffentlicher Diskussion schon klar, plagt vor allem CDU und CSU. Bei SPD, Grünen und FDP könnten die meisten wohl damit leben, wenn es künftig nicht nur „eingetragene Partnerschaften“ zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen gäbe, sondern auch „Ehen“, die ganz offiziell so genannt werden. In der Union aber ist diese Frage hoch umstritten.

Man kann es aber auch positiv ausdrücken: Auch die Union lehnt einen solchen Schritt nicht mehr rundweg ab. Einer aktuellen Umfrage von Emnid zufolge sprechen sich 64 Prozent der Befragten in Deutschland für die Homo-Ehe aus, 31 Prozent sind dagegen. Differenziert man nach Anhängern der Parteien, so sind 77 Prozent der Sozialdemokraten dafür und 89 Prozent der Grünen. Bei der Union sind es aber immerhin auch 63 Prozent - genauso viele wie bei den Freien Demokraten. Die Linken fallen mit 62 Prozent Zustimmung sogar etwas schwächer aus.

Diese Zahlen zeigen: In der deutschen Gesellschaft hat sich etwas geändert. Einer, der das klar ausdrückt, ist der Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Gregor Gysi: „Als ich Kind war, wurden erwachsene Männer noch dafür eingesperrt - und jetzt stehen wir kurz vor der Ehe“, erklärte der Linken-Politiker und Rechtsanwalt. Er fügte hinzu: „In einem Leben sind Tausende Jahre Verurteilungen überwunden worden.“

Manches spricht dafür, dass es in der deutschen Gesetzgebung nun noch einmal einen kleinen Ruck gibt, nach all den Anpassungen und Gleichstellungen, die in den vergangenen Jahren schon geschehen sind. Seit Beginn dieser Woche liegt der Kanzlerin ein offener Brief vor, der an den legendären Vorstoß der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer im Jahr 1971 erinnert. Damals hatten sich 374 westdeutsche Frauen im „Stern“ mit den Worten „Wir haben abgetrieben“ geoutet - und eine Liberalisierung der Bestimmungen über die Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs gefordert.

Jetzt lautet die Forderung des offenen Briefes „Öffnet die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare“, und unter den 150 mehr oder weniger prominenten Unterzeichnern sind auch der frühere Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger, die Schauspielerin Maren Kroymann und die Sängerin Lena Meyer-Landrut. „Es ist Zeit“ für die Ehe für alle, gleichberechtigt und nicht nur, wie 2001 von Rot-Grün geschaffen, auf Basis einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Viele dieser Unterzeichner denken schon lange so. Dass sie ihre Forderung jetzt in einem Brief an die Kanzlerin formulieren, hängt vor allem mit der öffentlichen Welle der Berichterstattung zusammen, die nach der Volksabstimmung in Irland am 23. Mai ausgelöst wurde. In dem konservativen Land haben sich 62 Prozent der Bürger für die Homo-Ehe ausgesprochen - und mit einem so deutlichen Votum hatte kaum jemand vorher gerechnet.

Die Liste der Ehe-Liberalisierer in Westeuropa ist mittlerweile lang, sie reicht von Irland bis nach Frankreich, von den Niederlanden und Belgien bis Dänemark, Großbritannien und Island, von Norwegen und Schweden bis Spanien und Portugal. Deutschland fehlt noch. Aber ist das machbar in einer Großen Koalition, in der die Union schon seit Längerem der Meinung ist, dass die Bundesregierung vor allem Projekte der SPD durchgesetzt hat - von Mindestlohn bis Mietpreisbremse. Käme jetzt noch die Homo-Ehe hinzu, so könnte das als weitere Verbeugung der Union gegenüber Forderungen der Sozialdemokraten interpretiert werden.

Vielleicht hat Unionsfraktions­chef Volker Kauder gerade deshalb in einem Interview früh sein Nein formuliert: „Für mich ist die Ehe im Sinne des Grundgesetzes die Verbindung von Mann und Frau.“

Ob das das letzte Wort in dieser Sache ist, bleibt fraglich. Rot-Grün in Niedersachsen hat gestern eine Bundesratsinitiative vorgestellt: Man appelliert an den Gesetzgeber, eine Initiative für die Homo-Ehe zu ergreifen. „Es geht uns um ein klares politisches Signal“ sagte Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD). Ziel des Entschließungsantrages, der am 12. Juni in den Bundesrat eingebracht werden soll, sei die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. „Auch Menschen, die in eingetragenen Partnerschaften leben, sprechen von Ehe. Der Sprachgebrauch der Bevölkerung ist dort angekommen, wo wir juristisch noch nicht sind“, sagte Rundt.

Die Ministerin betonte, dass mit der völligen Gleichstellung der Ehen Homosexueller „niemandem etwas weggenommen“, sondern nur die Institution der Ehe gestärkt werde. Mindestens vier rot-rot oder rot-grün regierte Länder unterstützen nach Rundts Worten die Initiative. „Wir gehen nach Rücksprache mit anderen Ländern davon aus, dass wir eine Mehrheit finden.“ Dann müsste sich der Bundestag der Sache annehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare