Drohgebärden in Richtung Südkorea

Nordkorea versetzt Truppen in Bereitschaft

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Seoul - Nordkorea verschärft seine Drohungen gegen den Süden. Wie weit Machthaber Kim Jong Un wirklich gehen will, ist schwer zu sagen. Blufft er nur - oder droht tatsächlich eine militärische Eskalation? Südkorea antwortet auf seine Weise.

Gegen den Schallpegel südkoreanischer Lautsprecheranlagen kommen die mickrig wirkendenLautsprecher Nordkoreas nicht an. Ganze Lautsprecherbatterien hat Südkorea an elf Stellen der vier Kilometer breiten Pufferzonezwischen beiden Ländern wieder in Betrieb genommen, um Propagandasendungen gen Nordenauszustrahlen. Nordkorea fühlt sich provoziert. JedeKritik wirdals Attacke gegen das Regime in Pjöngjang und Beleidigung von Machthaber Kim Jong Un verstanden. Der seit Jahrzehnten dauernde Propagandakrieg zwischen Nord und Süd droht weiter zu eskalieren. Die erste Eskalationsstufe wurde am Donnerstag erreicht. Nach einem Schusswechsel von Artillerieeinheiten beider Länder gab Kim den Befehl an die Grenztruppen aus, sich auf einenAngriffauf südkoreanische Stellungen vorzubreiten. In erster Linie sollen demnach die „Instrumente der psychologischen Kriegsführung“ an der Grenze zerstört werden.

Verbunden mit Warnungen vor neuen Provokationen lehnte Südkorea die Forderung nach einer Einstellung der Propagandaab und bliebhart. Die Angst der Menschen vor einem neuenmilitärischen Konflikt wurde dadurch weiter geschürt.Seoul erwartet von Pjöngjang eine Entschuldigung für eine Landminenexplosion an der Grenze. Zwei südkoreanischeSoldaten waren dabei Anfang des Monatsschwer verletzt worden. Nordkorea wird vorgeworfen, die Minenauf südlicher Seite der entmilitarisierten Zone (DMZ)vergraben zu haben. Nordkorea bestreitet das. Südkorea antwortete mit der Wiederaufnahme der Beschallungsaktion nach elfjähriger Unterbrechung.

Nordkorea ist noch aus einem anderen Grund darüber verärgert: Soldatenund Zivilisten erhielten durch die Propaganda Informationen,gegen diesie eigentlich abgeschirmt werden sollen, sagtder Forscher Park Hyeong Jung vom staatlichen Korea-Institut für Nationale Vereinigung (KINU) in Seoul. „Die Beschallung reicht bis zu 24 Kilometer nach Nordkorea hinein.“

Der Inhalt deckt sichmit demProgramm des Radiosenders Voice of Freedom. „Das ist eine Mischung aus Musik, Nachrichten und normalen Konversationen über das Leben in Südkorea, wie sich etwa die Südkoreaner kleiden“, sagt Park.Zugleich sollen die Sendungen die Überlegenheitder Demokratie über das sozialistische System Nordkoreasvermitteln.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Nordkorea mit der Gefechtsbereitschaft seinerTruppenblufft, um Druck auf Südkorea auszuüben. Doch die Südkoreaner wissen nicht, wozu der junge Machthaber Kim - der erst Anfang 30 sein soll - wirklich imstande ist.Beide Seiten wollen zwar die Lage unter Kontrolle halten, glaubt Park. „Doch könnte die Situation auch eskalieren, das weiß niemand.“ Ein weiterer Faktor erhöhtdas Eskalationsrisiko. Nach dem Untergang dessüdkoreanischen Kriegsschiffes „Cheonan“, für den Südkorea das Nachbarland verantwortlich macht, und dem Artillerieangriffauf die grenznahe Insel Yonpyong im Jahr 2010 durch Nordkoreaverkündete Südkorea eine neue Doktrin.

Sie wurde 2012 in einem „Verteidigungs-Weißbuch“ veröffentlicht. „Jede Provokation durch Nordkorea wird dadurch schärfer beantwortet als früher“, erläutert der Experte Lee Sang Hyun von dem nahe Seoul gelegenen Sejong-Forschungsinstitut die neue Strategie.

Zwar glaubt auch Lee, dass Nordkorea nicht an einem neuen Waffengang auf der Halbinsel interessiert sei. Doch auf Kim Jong Un laste ein großer Druck, seine Stellung weiter zu festigen. Auch dasmache ihn unberechenbar. „Deswegen sind wir besorgt.“

dpa

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