Zuwanderung aus Ukraine und Belarus

Polen ist ein Einwanderungsland - nur anders

Passanten gehen über einen Platz in der Warschauer Altstadt.
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Passanten gehen über einen Platz in der Warschauer Altstadt.

Polen öffnet sich seit Jahren für die Arbeitsmigration aus dem Osten. Englischsprachige Studienangebote richten sich verstärkt an Fachkräfte aus Asien und Afrika.

Warschau – In den letzten Jahren sind polnische Straßen, Schulen und Arbeitsbüros sichtlich bunter geworden. Zwar hat sich das Land der Übernahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten verweigert, doch gleichzeitig die Türen für andere Arten der Einwanderung weit geöffnet.

Laut den offiziellen Zahlen des polnischen Ausländeramtes Ende 2020 haben gut 267.000 Personen ein zeitlich begrenztes Aufenthaltsrecht in Polen. Weitere 78.000 Antragsteller haben ein dauerhaftes Bleiberecht. Insgesamt kamen bis Ende 2020 450.000 Menschen nach Polen, um hier zu leben, zu studieren und zu arbeiten. Die ersten Statistiken für das Jahr 2021 gehen von weiteren starken Zuwächsen aus. Ein Großteil der Einwanderer umfasst dabei die Altersgruppe der 20-39 Jährigen.

Die tatsächliche Zahl der Ausländer in Polen dürfte jedoch weit höher liegen. Das Polnische Wirtschaftsinstitut (PIE) geht im aktuellen Bericht von etwa 1,1 Millionen aus. Viele ausländische Arbeitnehmer nutzen ferner die Möglichkeit der saisonalen Beschäftigung in Polen, die seit 2018 ganze neun Monate innerhalb eines Jahres umfasst. Zum anderen wurden in der Sozialversicherungsstatistik im April über 780.000 ausländische Beitragszahler gezählt. Darunter sind auch Selbstständige, die ein Unternehmen in Polen führen oder freiberuflich tätig sind.

Einwanderungsland Polen: Aktuell über 53 Prozent der Zuwanderung aus der Ukraine

Oksana (36), Roman (38) und ihr Sohn Andre (5) kamen, wie aktuell über 53 Prozent der Zuwanderer, aus der Ukraine nach Polen. Beide Eheleute haben mehrere glänzende Studienabschlüsse und gehören zum Kreis der sehr begehrten Fachkräfte. Probleme mit der Arbeitssuche hatten sie nicht. Roman hatte bereits eine Arbeitsplatzzusage von einem polnischen Arbeitgeber erhalten, während die Familie noch in der Westukraine wohnte. Mit dieser Zusage durfte er sich dann um ein Visum bewerben und Anfang des Jahres 2019 nach Polen kommen.

Der bürokratische Aufwand für die Beantragung des Aufenthaltsrechts war enorm und obliegt in Polen* grundsätzlich der Verantwortung des Arbeitgebers. So wartete Roman rund ein Jahr auf den endgültigen Bescheid. Die erste Zeit in der neuen Umgebung war für die Kleinfamilie mit Höhen und Tiefen verbunden. Sie fanden zwar schnell eine Wohnung in der Stadtmitte von Poznań und anschließend einen Kindergartenplatz für ihren Jungen, aber das Kleinkind hatte es zunächst schwer. Andre verstand kein Wort der fremden Sprache und fand so keinen Anschluss an Gleichaltrige. „Das war ein kritischer Moment, als er immer wieder weinte”, sagen die Eltern, die aber mittlerweile beide fließend Polnisch sprechen. Bei einzelnen Worten weichen sie schnell auf Englisch aus, sodass sie alle Situationen gut meistern können. Andre plappert heute umso mehr, komplett akzentfrei in Polnisch.

Polen: Viele Einwanderer aus Ukraine und Belarus lernen Polnisch als Unterrichtssprache

Positiv ist dabei, dass Ukrainer, Polen und Belarusen durch eine gemeinsame Geschichte und Gemeinsamkeiten im kulturellen Bereich geprägt sind. Dies macht ein Zusammenleben leicht. In Belarus leben immer noch viele Katholiken, die polnische Wurzeln haben. Polnisch ist für einige von ihnen auch die Unterrichtssprache an den begehrten polnischsprachigen Gymnasien. Ebenso in der Westukraine, wo die Nähe zu Polen an der Sprache, aber auch an der Religion deutlich wird. Viele binationale Ehen und Partnerschaften sind daher eine natürliche Folge der Begegnung vieler junger Menschen aus der Ukraine* und Polen.

Freunde, Familie und die Religion spielen bei der Integration der Einwanderer eine zentrale Rolle. Die polnischen Wurzeln, die Władek (21) aus Kasachstan hat, haben dazu beigetragen, dass nur eine polnische Universität für ein Studium in Frage kam. Władeks Vorfahren wurden während des stalinistischen Terrors in die kasachische Steppe zwangsumgesiedelt. Heute studiert ihr Ururenkel Sicherheitspolitik an einer der besten Universitäten Polens. „Ich fühle mich hier wie zu Hause”, antwortet der junge Student auf die Frage, ob es für ihn noch andere Auswanderungsoptionen gibt.

Władek ist auch in der Studentengruppe seiner Kirchengemeinde aktiv. Gerade in den großen Studentenstädten, wie Kraków, Warszawa oder auch Poznań, sind solche Gruppen ein Bestandteil des studentischen Zusammenlebens. Die gemeinsame Religion ist für die Studenten aus anderen Ländern ein wichtiger Halt in einer für sie fremden Gesellschaft.

Gleichzeitig geht es einigen Polen auch alles viel zu schnell. Jerzy (74) hat Angst, wenn er auf der Straße so viele russischsprechende Menschen hört. Diese Sprache weckt in ihm Ängste vor dem Sowjetterror. Der ältere Mann, der sich der Demokratie und der Freiheit verschrieben hat, befürchtet, dass Russland* diese Situation mittelfristig ausnutzen wird, um in Polen Unruhe zu stiften.

Polen: Bürokratische Hürden bei Arbeitserlaubnis für Menschen aus Nicht-EU-Staaten wirkt abschreckend

Der bürokratische Aufwand für die Beantragung einer Arbeitserlaubnis für Bürger aus Nicht-EU*-Staaten schreckt immer noch viele polnische Arbeitgeber ab. Die Informationsseiten der Behörden sind überfrachtet mit juristischen Begriffen und die Erfahrungen mit den überlasteten Ämtern tragen nicht gerade dazu bei, dass kleinere und unerfahrene Firmen Arbeitnehmer aus dem Ausland einstellen. „Ich müsste mich mindestens eine Woche da einarbeiten, unmöglich”, sagt Patrycja (36), die gemeinsam mit ihrer Schwester ein kleines Mittagstischlokal in Poznań betreibt.

Das nutzen die Personalvermittler, die selbst als Arbeitgeber auftreten und den polnischen Unternehmen Arbeitskräfte überlassen, nur allzu gern für sich. Der Mindestlohn in Polen, der 2800 zl/brutto (umgerechnet 640 Euro) monatlich beträgt, schützt die ausländischen Arbeitnehmer zumindest vor grober Ausbeutung, gänzlich verhindert kann es nicht, dass die wenig transparenten Personalvermittlerfirmen z.B. bei den Kosten für die Unterkunft weiteren Nutzen aus der Not ihres Personals ziehen.

Neben Georgiern und Moldawiern kommen mittlerweile auch mehr Menschen aus Asien und Afrika nach Polen. Zu ihnen gehört auch Vengat (24) aus Indien. Er schaffte das englischsprachige Masterstudium an der Posener Technischen Hochschule in Rekordzeit. Die gutstrukturierten teils aber auch verschulten technischen Studienfächer sind bei indischen Studenten begehrt. Vengat blieb nach dem Logistikstudium in Polen und ist zufrieden damit, dass er finanziell als Berufsanfänger im E-Commercebereich ein eigenständiges Leben samt einer eigenen Mietwohnung führen kann. Der junge Mann plant in Polen zu bleiben, obwohl auch andere EU-Länder für ihn verlockend sind.

Neue Heimat für Einwanderer in Polen? Das hängt von zahlreichen Faktoren ab

Ob die jungen Einwanderer tatsächlich dauerhaft in Polen bleiben, ist von vielen Faktoren abhängig. Für einige von ihnen werden rein persönliche und familiäre Dinge eine Rolle spielen. Für andere wiederum könnte die Arbeitsmarktsituation in Polen und in den anderen EU-Ländern wichtig sein. Bereits jetzt beobachten die polnischen Hochschuldozenten ein verstärktes Interesse der ausländischen Studierenden z.B. an einer Arbeitsplatzsuche in Deutschland. Von entscheidender Bedeutung dürfte aber die langfristige Entwicklung in den östlichen Nachbarstaaten Polens sein. Noch sind die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ein zentraler Pushfaktor.

Das Gefühl, das viele Einwanderer antreibt, ist die Sehnsucht und die Hoffnung, eines Tages zum Erfolg und Aufbau des eigenen Landes beitragen zu können. Dieses Gefühl können die meisten Polen gut nachvollziehen, da sie selbst zu den zahlenstärksten Auswanderungsländern gehören. Kaum eine andere Gesellschaft weiß es so gut, was es bedeutet, für ein besseres Leben in die Ferne zu ziehen. „Man schiebt seine eigenen Vorstellungen und Wünsche zur Seite, damit es die Kinder besser haben”, sagt Roman. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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