Baltimore

Im Rausch der Gewalt

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Foto: Nach der Beerdigung von Freddie Gray gehen Geschäfte und Autos in der 600.000-Einwohner-Stadt in Flammen auf.

Baltimore - “Es ist unsere Stadt, es sind unsere Geschäfte. Warum zerstört ihr unser Zuhause?“ Nach den Eskalationen in Baltimore beklagen Bürgerrechtler den Missbrauch der friedlichen Proteste durch kriminelle Banden.

Ungläubig schaut die Frau auf den vermummten Jugendlichen, der inmitten einer Gruppe von Randalierern steht. "Was macht Du hier?" schreit sie aufgeregt. Im nächsten Moment läuft sie auf ihn zu und schlägt auf ihn ein. Der Mann versucht wegzulaufen, doch die Frau lässt nicht locker. Wieder und wieder brüllt sie ihn an und zerrt an ihm. Es sind Szenen der Verzweiflung, wie sie sich in der Nacht zum Dienstag zuhauf in Baltimore abspielen. Viele Eltern verstehen ihre Kinder nicht, warum sie Feuer legen und Geschäfte plündern. Die Gewalt, die sich Bahn bricht, entzweit Familien, Stadtteile und eine ganze Nation.Die Frau, die in dem Tumult auf den Mann einprügelt, wurde von einem Anwohner gefilmt. Bisher ist nicht bekannt, wer die beiden sind und ob es eine Mutter ist, die ihren Jungen mit rabiaten Methoden zur Vernunft bringen will. Doch das kurze Video sagt viel über die Unruhen in Baltimore aus: Hier stehen sich nicht nur empörte Afroamerikaner und weiße Polizisten misstrauisch gegenüber. Hier prallen unzählige Fronten aufeinander.

Ausgerechnet nach der Beerdigung von Freddie Gray gehen Geschäfte und Autos in der 600.000-Einwohner-Stadt in Flammen auf. Der 25-Jährige war am 19. April in Polizeigewahrsam gestorben. Die Hintergründe des Todes sind noch nicht zweifelsfrei geklärt. Aber es deutet vieles darauf hin, dass der junge Afroamerikaner bei seiner Festnahme von den Sicherheitskräften verletzt und medizinisch nicht umgehend versorgt wurde. Offensichtlich vergingen mehrere Stunden, bis die Beamten einen Arzt zu Hilfe riefen. Wieder einmal fragen sich viele US-Bürger fassungslos, was eigentlich mit der eigenen Polizei los ist? Lebt der Rassismus, der das Land so lange im Griff hielt, ausgerechnet unter den Ordnungskräften fort?

Die sechs Beamten, die an Gray's Festnahme beteiligt waren, sind mittlerweile vom Dienst suspendiert, die juristische Aufarbeitung des Vorfalls ist angelaufen. Doch viele Menschen in Baltimore wollen die Polizeigewalt nicht länger hinnehmen und protestieren gegen eine Staatsmacht, die ihrer Meinung nach die Augen vor der Ungerechtigkeit verschließt. Unzählige Bürgerrechtsgruppen, aber auch Einwohner von Baltimore, die sich bisher nur selten an Demonstrationen beteiligt hatten, empören sich über die Schikanen. Die Beerdigung von Freddie Gray am Montag sollte denn auch zu einem Höhepunkt der Anklage werden.

Beim Gottesdienst für den Verstorbenen in der "New Shiloh Baptist Church" mahnt Jamal Harrison Bryant mehr Gerechtigkeit an. Eindringlich spricht der 43-jährige Afroamerikaner von der sozialen Schieflage in der Stadt. Der Vater von vier Töchtern will nicht akzeptieren, dass so viele junge Menschen in seinem Stadtviertel ohne vernünftige Perspektiven heranwachsen und ungemein oft von Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Der Priester gilt in Baltimore als eine Stimme der Vernunft. Auch über die Grenzen seiner Kirche hinaus genießt der Theologe und Politikwissenschaftler Respekt. Doch was sich unmittelbar nach der Beerdigung vor dem Gotteshaus abspielt, lässt auch Bryant verzweifeln: "Es ist unsere Stadt, es sind unsere Geschäfte. Warum zerstört ihr unser Zuhause?"

Mit ähnlichen Worten tritt Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake an die Öffentlichkeit. Der 45-Jährigen - ebenfalls eine Afroamerikanerin - steht der Zorn ins Gesicht geschrieben, als sie von Gangstern, Dieben und Feiglingen spricht. Was sie zum Zeitpunkt ihres Auftritts am Montagabend offenbar noch nicht weiß: Mehrere stadtbekannte Banden haben sich offenbar zum Plündern entschlossen. Die Kinder und Jugendlichen ziehen nicht nur wahllos zu den Spirituosenshops und Telefongeschäften, sondern rauben allem Anschein nach gezielt ein Geschäft nach dem anderen aus. Die anfängliche Zurückhaltung der Polizei erscheint ihnen als ein Zeichen von Schwäche.

"Wir werden die Täter fassen und ins Gefängnis sperren."

Das Ausmaß der Zerstörung zeigt sich erst am Dienstagmorgen: 15 Gebäude brannten nieder, vor allem kleinere Geschäfte in den Armutsvierteln sind verwüstet, 155 Fahrzeuge gingen in Flammen auf, 15 Beamte müssen im Krankenhaus behandelt werden. Polizeisprecher Eric Kowalczyk droht: "Wir werden die Täter fassen und ins Gefängnis sperren." Sollten sich die Unruhen fortsetzen, werde "angemessen reagiert". Die Polizisten seien mit Tränengas und Pfefferspray-Geschossen ausgestattet. Der Sender CNN berichtet, dass die Plünderer mit Paintball-Patronen beschossen werden, um sie farbig zu markieren und später festzunehmen.

Larry Hogan, Gouverneur von Maryland, verhängt den Notstand und lässt die Nationalgarde einberufen. 5000 Soldaten rücken zur Verstärkung der 1800 Polizisten an und sollen dafür sorgen, dass die Ausgangssperre von zehn Uhr abends bis fünf Uhr früh eingehalten wird. Auch Präsident Barack Obama meldet sich zu Wort und bietet der Region Hilfen an.

Notfallmaßnahmen, die das Schlimmste verhindern sollen, aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie tief die Ursachen der Gewalt liegen. Die randalierenden Jugendlichen in Baltimore sehen sich in einer Reihe mit ihren Altersgenossen in Ferguson, North Charleston und Oklahoma, die sich gegen den Rassismus erheben.

Stadt leidet am wirtschaftlichen Niedergang

Allerdings gelten für Baltimore einige - bedrückende - Besonderheiten. Die Ostküstenmetropole, die nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Washington entfernt liegt, leidet schon lange an einem wirtschaftlichen Niedergang: Viele traditionsreiche Industrien brachen zusammen oder wanderten ab. Und die Bevölkerung der einstigen Millionenstadt schrumpfte in den vergangenen Jahren fast um die Hälfte. In den Stadtvierteln, die von den Unruhen besonders betroffen sind, lebt etwa ein Drittel unterhalb der Armutsgrenze.

Die populäre Krimiserie "The Wire", die in Baltimore gedreht wurde, besitzt denn auch mehr als nur einen wahren Kern. Der Drehbuchautor und ehemalige Polizeireporter David Simon beschreibt die postindustrielle Stadt mit ihren Drogenringen und Mordprozessen recht treffend.

Tatsächlich findet sich Baltimore in den landesweiten Kriminalitätsstatistiken ganz oben wieder. Traurige Rekorde meldet die Hafenstadt insbesondere bei schweren Gewalttaten. Aber ist das ein Grund, ganze Straßenzüge in Schutt und Asche zu legen? "Trotz der sozialen Schieflage lassen sich diese Krawallen nicht rechtfertigen", schreibt Drehbuchautor Simon in einer öffentlichen Erklärung. Die Ausschreitungen würden das Gedenken an den Verstorbenen Freddie Gray missbrauchen.

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