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Backpfeife aus dem Lautsprecher: Finnlands Touri-Hotspots empfangen Russen mit ukrainischer Nationalhymne

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Von: Florian Naumann

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Touristen am Staudamm von Imatra - hier erklingt seit Ende Juli täglich zur Öffnung der Schleusen die ukrainische Nationalhymne.
Touristen am Staudamm von Imatra - hier erklingt seit Ende Juli täglich zur Öffnung der Schleusen die ukrainische Nationalhymne. © Alessandra Rampazzo/AFP

Finnland will Visa für Russen einschränken – oder gleich stoppen. Ob das Effekt haben wird, ist unklar. Doch Touri-Hotspots ergreifen schon jetzt sanfte Maßnahmen.

Helsinki/Imatra – Bei der Frage, ob russischen Staatsbürger der Zutritt zur EU verweigert werden sollte, knirschte es am Montag zwischen Olaf Scholz und seiner finnischen Amtskollegin Sanna Marin. Sie finde es nicht richtig, dass russische Bürger als Touristen „Sightseeing machen können, während Russland Menschen in der Ukraine tötet“, sagte Marin. Scholz widersprach. „Es ist nicht der Krieg des russischen Volkes, es ist Putins Krieg“, betonte der Kanzler.

Die EU-Staaten könnten an dieser heiklen Frage noch etwas zu knabbern haben. Unter russischen Gäste beliebte Touri-Hotspots in Finnland haben indes schon ihre ganz eigenen Maßnahmen ergriffen, um ihre Ablehnung der Invasion klarzumachen. Teils sind diese kaum zu überhören.

Ukraine-Krieg: Finnische Touri-Hotspots konfrontieren Russen – auf akustischem Wege

Einer dieser Orte ist der unter Russen auch als Tagesausflugs-Ziel beliebte riesige Staudamm in der Grenzstadt Imatra. Einmal täglich öffnen sich in der Reisesaison am Fluss Vuoksi in Südostfinnland die Schleusen und der zur Stromgewinnung aufgestaute Strom ergießt sich in eine enge Granitschlucht. Zu diesem Spektakel erklang bislang aus Lautsprechern ein Werk des finnischen Komponisten Jean Sibelius: „Es kocht der Strom“.

Nun bekommen die Schaulustigen etwas anderes zu hören, wie unter anderem der TV-Sender Euronews berichtete. Zu hören ist eine Melodie von Mychajlo Werbyzkyj: Die ukrainische Nationalhymne.

Alleine steht Imatra mit diesem Kniff nicht da. Auch das gut 35 Kilometer entfernte Lappeenranta beschallt seine russischen Gäste mit der Nationalhymne der Ukraine. Hier ist allabendlich das Rathaus Schauplatz der Darbietung. Der Ort ist nicht willkürlich gewählt: In unmittelbarer Nähe befindet sich etwa das Groß-Einkaufszentrum Kauppakeskus Galleria. Das Shopping im EU-Land ist für viele Gäste aus Russland ein Hauptreisegrund. „Das Ziel ist es, die starke Unterstützung für die Ukraine zum Ausdruck zu bringen und den Angriffskrieg zu verurteilen“, sagte Lappeenrantas Bürgermeister Kimmo Jarva der Nachrichtenagentur AFP.

Russlands Touristen in Finnland: Hin und her an der Grenze – viele brauchen offenbar gar kein Visum

Eine Kuriosität am Rande: Fremdenverkehrsorte wie Imatra haben noch gar nicht so lange wieder größere Mengen an russischen Touristen einkalkuliert. Erst am 1. Juli waren Finnlands Corona-Restriktionen an der EU-Außengrenze gefallen. Am 4. Juli zog Russland bei den Ausreiseregeln nach. Laut einem Bericht des finnischen Rundfunksenders YLE hatten viele ostfinnische Städte zugleich aber bewusst auf Werbemaßnahmen in Russland verzichtet – gerade auch mit Blick auf den Ukraine-Krieg. Aktuell werden dem Sender zufolge täglich rund 1.000 russische Visumsanträge bearbeitet. Obwohl die russisch-finnische Grenze immer wieder Gegenstand mehr oder minder harscher Drohungen des Kreml ist.

Bald könnte sich die Zahl der Reisenden aus Russland wieder verringern. Unstimmigkeiten mit Scholz und der EU zum Trotz hat Finnland am Dienstag (17. August) die Visa-Regeln verschärft. „Wir werden die Zahl der bewilligten Anträge auf ein Zehntel des aktuellen Niveaus begrenzen“, sagte Finnlands Außenminister Pekka Haavisto YLE. Während man in Finnland versucht habe, ukrainischen Flüchtlingen zu helfen, sei die Anzahl russischer Touristen im Land zuletzt hoch gewesen, sagte Haavisto. „Das war für viele Finnen schwer zu akzeptieren.“

Dass damit der Tourismus aus Russland zum Erliegen kommt, ist aber nicht zu erwarten. So berichtete etwa das finnische Portal hbl.fi Mitte Juli von tausenden Einreisen aus dem Nachbarland allein mit einer Fernbuslinie des estnischen Anbieter Lux Express zwischen St. Petersburg und Helsinki. Visa brauchen viele der Ankommenden für den Trip offenbar gar nicht: „Die meisten, die mit diesen Bussen reisen, sind Personen mit doppelter Staatsbürgerschaft oder einem Immobilienbesitz in der EU“, schrieb die Webseite. (AFP/fn)

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