Polizeigewalt in den USA

Schwarze Bevölkerung enttäuscht von Obama

+
Foto: US-Präsident Barack Obama.

Washington - In der afroamerikanischen Gemeinde ist die Enttäuschung über Obama groß. Der US-Präsdident ließ sich weder nach den Krawallen in Ferguson, noch in Baltimore blicken. Obama setzt dieser Tage mehr auf seiner Rolle als Gute-Laune-Chef als sich dem Krisenmanagement zu widmen.

Es war ein seltsamer Zufall. Während in Baltimore mehrere tausend Afroamerikaner gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstrierten, glänzte Barack Obama vor wenigen Tagen beim Korrespondenten-Dinner im Washingtoner Hilton-Hotel als Komiker. Einige Gäste lachten Tränen, als der Präsident in einer launigen Rede Freund und Feind in den Dreck zog. Doch kurz darauf, nach den gewalttätigen Ausschreitungen in der Nachbarstadt, fragten sich die politischen Beobachter in Washington wieder einmal, ob sich der Chef des Weißen Hauses innerlich wohl schon aus seinem Amt verabschiedet hat.Gerade in der afroamerikanischen Gemeinde ist die Enttäuschung über Obama groß. Obwohl Ferguson durch die Rassenunruhen weltweit eine traurige Berühmtheit erlangte, ließ sich der Präsident in der krisengeschüttelten Stadt nicht blicken. Und auch in Baltimore, das nur eine knappe Autostunde von der Hauptstadt entfernt liegt, warten seine Anhänger bis heute vergeblich auf einen Besuch des Staatsoberhauptes.

So manchem Demonstranten erscheint es als Provokation, dass sich die Obamas zu Lieblingen der Boulevardmedien entwickeln und zur gleichen Zeit weite Teile des Landes von neuen Selbstzweifeln geplagt werden. In Baltimore herrscht noch immer eine nächtliche Ausgangssperre, in mehreren Großstädten gehen Abend für Abend Weiße und Schwarze gemeinsam auf die Straße, um gegen die Polizeigewalt zu demonstrieren - und Michelle Obama wird in den sozialen Netzwerken für ihre Tanzeinlagen in der Jimmy-Fallon-Show gefeiert. Weitet sich die Kluft zwischen denen im Weißen Haus und denen auf der Straße immer weiter aus?

Fest steht: Die First Lady gilt seit langem als Trendsetter. Die 51-Jährige gibt den gleichaltrigen Amerikanerinnen den Lebens- und Kleidungsstil vor - über alle Parteigrenzen und Hautfarben hinweg. Obwohl sie ihre eigene - überaus erfolgreiche - Karriere der Präsidentschaft ihres Mannes unterordnet, genießt sie gerade unter berufstätigen Frauen Kultstatus. Nach sechs Jahren im Weißen Haus mögen sich so manche Parteianhänger von den Obamas enttäuscht abwenden. Im gesellschaftlichen Leben aber sind sie beliebt wie nie zuvor.Es ist eine schwierige Gratwanderung. Amerikas Präsident kann es sich nicht immer aussuchen, zu welchem Zeitpunkt sein Talent als Unterhaltungskünstler gefragt ist und wann er als Krisenmanager gefordert wird. Erfahrungsgemäß liegt beides nah beieinander. Allerdings fällt auf, dass der erste Mann im Staat an seiner Rolle als Gute-Laune-Chef offenbar Gefallen findet. Seine wöchentlichen Videokolumnen entwickeln sich zu echten Hits, zumal Obama seine Drehbuchschreiber durch eigene Improvisationen zu schlagen scheint. Kürzlich griff er vor laufender Kamera zu einem Telefonstab, um ein Selbstportrait zu schießen - schon schnellten die Verkaufszahlen der "Selfie-Sticks" amerikaweit in die Höhe.

Den Charme der Selbstvermarktung dürfte Obama durchaus zu schätzen wissen: Als Jura-Professor, Senator und Präsident verdiente der zweifache Familienvater zwar stets ein anständiges Gehalt. Aber erst seine autobiografischen Bücher katapultierten ihn in die Liga der Einkommensmillionäre. Ein Leben außerhalb der Politik kann sich dieser Mann daher sicherlich vorstellen - zumal er mit gerade mal 55 Jahren aus dem Amt scheidet und damit einer der jüngsten Ex-Präsidenten der amerikanischen Geschichte sein wird.

Vor einer Woche scherzte Obama vor den Washingtoner Hauptstadtjournalisten, dass es sich als "lahme Ente" eigentlich ganz gut lebe. Er müsse es jetzt nicht mehr jedem recht machen und könne die eigenen Prioritäten stärker herausstreichen. Tatsächlich wirkt der Regierungschef entspannter, seit er sich keiner Wahl mehr stellen muss. Von seinen Scherzen auf einen sinkenden Gestaltungswillen zu schließen, greift allerdings zu kurz. Obama - und ebenso seine Ehefrau Michelle - wissen lediglich die Klaviaturen der amerikanischen Gesellschaft zu nutzen. Dass sie sich verstärkt der "weichen Methoden" bedienen, folgt einem ebenso schlichten wie erfolgversprechenden Kalkül: Da sich der Präsident im politischen Alltagsgeschäft einer republikanischen Mehrheit in beiden Parlamentskammern gegenübersieht, setzt er auf die Macht der öffentlichen Meinung. Und jeder Medienauftritt hilft beim Ringen um die Meinungsführerschaft - und sei er auf den ersten Blick auch noch so politikfern.

Tatsächlich ist Obama mit seiner Agenda noch längst nicht am Ende. Auch wenn er das Ende seiner Amtszeit im kommenden Jahr klar vor Augen hat, will er die Reform der Einwanderungsgesetze durchsetzen. Dass in den Vereinigten Staaten zurzeit mehr als zehn Millionen Menschen ohne gültige Papiere leben, halten der Präsident und seine Mitstreiter von der Demokratischen Partei für ein Drama, das auf Dauer nicht akzeptabel ist. Dringenden Handlungsbedarf sieht das Weiße Haus auch im Bildungsbereich, da eine gute Schul- und Universitätsausbildung zunehmend von den Einkommensverhältnissen der Eltern abhängig ist. Die Folgen der sozialen Schieflage und der schlechten Aufstiegschancen aus einfachen Verhältnissen lassen sich gerade in Baltimore ablesen. Vordergründig protestieren die Demonstranten gegen die Polizeigewalt, doch letztlich schwingt auch viel Frustration über die schlechten Berufsaussichten mit.

Obama weiß: Unter seiner Ägide erlebt Amerika zwar einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Wiederaufstieg und eine Halbierung der Arbeitslosenzahlen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass viele neue Jobs nur im Niedriglohnbereich entstehen und die Reallöhne in der Mittelschicht seit Jahren stagnieren. Es gleicht einer tickenden Zeitbombe, dass unzählige Jungakademiker über beide Ohren verschuldet sind und ihre Chancen sinken, schnell einen gutdotierten Job zu finden.

Gegen dieses Dilemma anzukämpfen, ist eine langwierige Angelegenheit. Dabei kommt es nicht zuletzt auf die kleinen Schritte an. Anstatt in Baltimore unter den Augen der Weltpresse aufzutreten, besuchte Obama am Donnerstag unweit des Weißen Hauses den afroamerikanischen Stadtteil Anacostia. In der öffentlichen Bücherei kündigte er ein kostenloses und internetgestütztes Lernprogramm für mittellose Schüler und Studenten an: "Wenn wir uns gegen die Ungerechtigkeit stemmen wollen, müssen wir zunächst die Bildung auf breiter Basis verbessern."

Kaum jemand in Washington hält es für möglich, die tiefen Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft im Handumdrehen zu beheben - zumal sich die ideologischen Gräben in seiner Präsidentschaft noch vertieft haben dürften. Aber die anderthalb Jahre, die ihm noch zur Verfügung stehen, will Obama nutzen. In Zweifelsfall auch mit Hilfe von Videoclips und Talkshows.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare