Wer war der Todespilot?

Die Seele fliegt mit

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Foto: Ein Moment des Innehaltens: Erschöpfte Helfer und Anwohner ehren die Toten an einem kleinen Gedenkplatz in Le Vernet.

Sisteron/Montabaur - Das Bild eines Menschen in Not verdichtet sich: Drohte dem Todespiloten der Verlust des Augenlichts? Hat das Leben ihn überfordert?

Jan Cocheret hat das Ganze schon einmal in Gedanken durchgespielt. Nicht nur für sich, im Privaten. Er hat seine Gedanken, seine Zweifel, seine Furcht öffentlich gemacht, in einem Aufsatz für die niederländische Fachzeitschrift „Piloot en Vliegtuig“ (Pilot und Flugzeug). Vor zwei Monaten beschrieb der Flugkapitän, der zurzeit eine Boeing 777 steuert, ein Szenario, das sich heute wie eine düstere Vorahnung liest.

„Ich frage mich oft ernsthaft, wer im Cockpit neben mir sitzt“, schrieb der 57-jährige Pilot. „Wer garantiert mir, dass ich ihm oder ihr vertrauen kann? Vielleicht hat er oder sie gerade etwas Schreckliches erlebt und sieht für sich keine Zukunft mehr. Ich hoffe, dass ich nie damit konfrontiert werde, dass, wenn ich auf der Toilette war, ich plötzlich vor einer verschlossenen Tür stehe und nicht mehr ins Cockpit kommen kann.“

Unvorstellbar, dass so etwas geschieht? Für erfahrene Flieger offensichtlich nicht. Für die Allgemeinheit spätestens seit der Katastrophe von Flug 4U9525 auch nicht mehr. Das Bild ist noch lange nicht fertig zusammengesetzt. Doch an diesem Wochenende sind wieder ein paar Puzzleteile mehr hinzugekommen, die zeigen: Auch die Seele kann zum Sicherheitsrisiko werden.

Was aber kann die Seele des Copiloten Andreas Lubitz so verletzt haben, dass er – so legen es die bisherigen Ermittlungsergebnisse nahe – 150 Menschen wissentlich in den Tod flog? Der Leiter einer französischen Gendarmerie-Delegation bei der Polizei in Düsseldorf, Jean-Pierre Michel, sagte am Sonntag, die „Persönlichkeit“ von Lubitz sei eine „ernsthafte Spur“ in den Ermittlungen. Es sei aber noch kein „spezielles Element“ als Erklärung identifiziert worden. Womöglich ist es dies: dass ihm ein Flugverbot wegen ­einer Augenerkrankung drohte.

So viel ist bekannt: Der 27-Jährige aus Montabaur war seit seiner Jugend ein leidenschaftlicher Flieger. Zuerst als Segelflieger, dann als Verkehrspilot. Seine Arbeit bei Germanwings beschrieb er Freunden gegenüber gerne als Traumjob. Bekannt ist auch, dass Andreas Lubitz seine Ausbildung bei der Lufthansa für mehrere Monate unterbrechen musste. Offiziell bestätigt ist zudem, dass der junge Mann zuletzt krankgeschrieben war, auch für den Flugtag; das aber hat er offensichtlich verheimlicht, in seiner Düsseldorfer Wohnung fanden die Ermittler zerrissene Krankschreibungen. Die Schweigepflicht verbietet es den behandelnden Ärzten, die Gründe dafür zu veröffentlichen. Die Krankenakten wurden der Staatsanwaltschaft übergeben.

Nun berichtet die US-amerikanische „New York Times“, die bislang stets früh und detailliert über Ermittlungshintergründe informiert war, dass Andreas Lubitz um sein Augenlicht fürchten musste. In jüngster Zeit soll er wegen einer Netzhautablösung unter massiven Sehstörungen gelitten haben. Dabei löst sich die feine Schicht mit den Sehzellen von ihrer Unterlage und droht abzusterben. In Deutschland erkranken etwa 10 000 Menschen jedes Jahr an einer Netzhautablösung, die zur Erblindung führen kann. Früh erkannt, lässt sie sich operativ oder per Laser gut behandeln – wenn sie spät behandelt wird, führt sie aber für einen Piloten auf jeden Fall zum beruflichen Aus. Der französische „Figaro“ berichtet unter Berufung auf Ermittler, dass das Sehvermögen des noch so jungen Mannes bereits um 30 Prozent eingeschränkt gewesen sei.

Auch die „Bild am Sonntag“ beruft sich auf ungenannte Ermittler. Diesen zufolge hätten sich bei der Wohnungsdurchsuchung Rezepte für Psychopharmaka gefunden, die bei manischer Depression verordnet werden, sowie große Mengen Schlaftabletten. Auch ungeöffnete Packungen von Psychopharmaka seien gefunden worden. Ein Hinweis darauf, dass Lubitz seine Medikamente abgesetzt hat? Dass Krankheitssymptome sich deshalb verstärkten? Aufschluss darüber, welche Medikamente der Copilot nahm oder nicht nahm, wird möglicherweise die Analyse von Teilen seines Leichnams ergeben, die am Sonnabend an der Unglücksstelle gefunden wurden.

In der Düsseldorfer Wohnung, die Lubitz mit seiner Freundin bewohnte, sind die Spurensucher offenbar auch auf Notizen gestoßen, in denen der junge Mann festhielt, dass er sich überlastet fühlte, depressiv gestimmt sei. Auch seine Freundin, wie er aus Montabaur in Rheinland-Pfalz stammend, musste sich nun den Fragen der Ermittler stellen. Die Englisch- und Mathematiklehrerin soll ihren Schülern vor Kurzem erzählt haben, dass sie ein Kind erwartet.

Es ist längst nicht ohne jeden Zweifel erwiesen, dass Andreas Lubitz die Todesmaschine mit Absicht in die Felswand lenkte – ganz nah dem Ort, an dem er als jugendlicher Segelflieger mit seinen Eltern regelmäßig Ferien machte, glücklich war auf dem Flugfeld von Sisteron, wie dessen Betreiber Francis Kefer dem Sender iTele bestätigte. Doch das Bild verdichtet sich.

von Helmut Hetzel 
und Susanne Iden

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