Mahnwache vor Brandenburger Tor

Ein Signal gegen den Terror in der Welt

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Berlin - Muslimverbände rufen zur Mahnwache für die Opfer der Anschläge in Paris auf – und 10 000 Menschen strömen vor das Brandenburger Tor in Berlin.

Ganz gefüllt ist der Pariser Platz nicht, aber bei der Mahnwache am Dienstagabend vor dem Brandenburger Tor geht es nicht um die Zahlen, sondern um das Signal, das von der Bühne ausgeht. 10 000 Menschen sind dabei, als die Spitzen der Politik und der großen Religionen aufstehen und sich unterhaken. „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren“, sagt Bundespräsident Joachim Gauck. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, lobt die Vielfalt in diesem Land. „Wir sind Deutschland!“ ruft er, und die Menge applaudiert.

Im Vergleich zum Sonnabend, als 18 000 Menschen an derselben Stelle zusammen gekommen waren, um der Opfer der Pariser Anschläge zu gedenken, sind weniger „Je suis Charlie“-Banner zu sehen. Es geht nicht mehr um Paris, es geht jetzt um Berlin – und den Rest der konfliktbeladenen Welt. Es wehen türkische, israelische und palästinensische Flaggen, doch zumindest im Zentrum der Mahnwache gibt es keinen Streit. Vorne stehen viele Senioren mit Funktionsjacken, ernsten Mienen und Kerzen in der Hand, sie haben dort schon lange gewartet. Im hinteren Bereich wuseln Jüngere umher, Muslimas mit und ohne Kopftuch, Paare, junge Männer. Betül und Nur, zwei 18-jährige junge Frauen mit Kopftüchern, entrollen eine Flagge der türkischen islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, die noch bis vor Kurzem vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Sie sind aufgekratzt, ihre Stimmen überschlagen sich fast: „Wir sind gegen Terror, Islam hat mir Terror nichts zu tun, genau das Gegenteil“, rufen sie, „Gläubige würden keinen Unschuldigen umbringen!“

Vorne, im abgesperrten Bereich für die Abgeordneten, steht Cemile Giousouf. Die 36-Jährige ist die erste muslimische CDU-Bundestagsabgeordnete und hatte einen stressigen Tag. Sie kommt direkt aus der Islam-Konferenz, eilt zum Pariser Platz, raucht im Gehen eine Zigarette, schiebt sich ein Kaugummi in den Mund und lauscht Aiman Mazyek. „Das ist ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt der Zentralratsvorsitzende. Er danke Gott für „dieses gewaltige Zeichen des Respekts”, das Politiker wie Joachim Gauck und Angela Merkel sowie die Vertreter aller großen Religionen setzten. „Die Terroristen haben nicht gesiegt, und Terroristen werden auch nicht siegen”, ruft er. „Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft auseinandergerissen wird!“ Giousouf klatscht und schaut auf die Bühne: „Dieses Bild ist entscheidend für die Zukunft Deutschlands“, sagt sie. Es sei ein Bild, mit dem sich die allermeisten Menschen in Deutschland identifizieren könnten, „nur nicht die Terroristen auf der einen und die Pegidisten auf der anderen Seite“. Und es sei wichtig, dass dieses Signal von den muslimischen Organisationen ausgegangen ist.

Auch Justizminister Heiko Maas (SPD) steht auf der Bühne. Später sagt er der HAZ: „Der gemeinsame Dialog der Kulturen wird immer stärker sein als der Hass einzelner Terroristen.“ Maas ruft zur „Unterstützung der friedlichen Muslime im Kampf gegen gewaltbereite Extremisten“ auf. Deutschland habe ein klares Signal an Extremisten gesendet, dass sich die Gesellschaft nicht spalten lasse. „Wir müssen die friedlichen Muslime im Kampf gegen gewaltbereite Extremisten unterstützen. Gemeinsam müssen wir für Meinungs- und Religionsfreiheit einstehen.“ Dass dies auch künftig nicht einfach wird, daran erinnert Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er hat die gesamte Welt, vor allem aber die Muslime aufgerufen, gegen islamistischen Terrorismus vorzugehen. „Die Islamisten wollen unsere freiheitlichen westlichen Demokratien treffen und sie wollen die Juden vernichten”, sagt Lehrer. Dem Zentralrat liege es fern, „alle Muslime zu verdächtigen oder gar diese Religion zu verunglimpfen”. Doch muslimische Staatschefs und Imame müssten ihren Einfluss nutzen, um die radikalisierte Auslegung des Korans zurückzudrängen.

Die Publizistin Mely Kiyak hofft nach der Mahnwache darauf, dass die europäischen Gesellschaften „enger und empathischer zusammenrücken“. Was das Bekanntwerden der Mordserie des NSU nicht vermochte hatte, scheine nun die Reaktion auf die Pariser Anschläge zu schaffen. Die Menschen seien aufgeschreckt und rücken zusammen. „An den Rändern werden diese Gesellschaften radikaler, aber die große Mitte steht zusammen.“

An den Rändern der Mahnwache wird die Euphorie des Abends dann aber auch schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ein älterer Bürger, Typ Sarrazin, ereifert sich darüber, „dass mir hier türkische Fahnen vor der Nase herumwehen“. Die Umstehenden beginnen mit ihm zu diskutieren, er wird erst lauter, dann zieht er schweigend ab. Ganz in der Nähe steht Selal Yalcin, ein türkischer Senior. Er trägt ein T-Shirt des Neuköllner Vereins „Männer gegen Gewalt“. Yalcin schaut auf die Bühne und seufzt. „Es wird sich nichts ändern, die Politiker werden sich nicht ändern, sie werden uns Migranten nie zuhören“, klagt er. „Ich habe 40 Jahre hier geschuftet, bei Siemens und BMW, jetzt bin ich Rentner, jetzt habe ich resigniert. Ich habe keine Hoffnung mehr, das sich in Deutschland etwas ändert.“

Die Menschen rollen ihre Fahnen und Transparente ein und machen sich auf den Weg zur U-Bahn. Ein feiner Regen fällt. Sie haben ein „patriotisches Signal“ gesendet, wie Bundespräsident Joachim Gauck es nennt. Das Signal, das in diesem Land jeder dazugehört.

Von Jan Sternberg und Dieter Wonka

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