Flucht vor den Taliban

Tausende in Todesangst: Menschen klammern sich an Flugzeuge - Kabul-Videos zeigen dramatische Szenen

Am Flughafen in Kabul versuchen verzweifelte Menschen, dass Gate zu erreichen
+
Am Flughafen in Kabul spielen sich dramatische Szenen ab.

Chaos und nackte Todesangst in Kabul: Tausende Menschen haben nach dem Taliban-Vorstoß den Flughafen gestürmt. Doch die Fluchtchancen sind schlecht. Verzweiflung herrscht.

Kabul - Die Taliban haben Kabul erreicht - nach dem schnellen Vorrücken der Islamisten fürchten viele Menschen offenbar um ihr Leben. Am Flughafen der Hauptstadt Afghanistans* spielten sich am Montag erschreckende Szenen ab: Videos, die auf Online-Plattformen gepostet wurden - unter anderem von der BBC-Journalistin Nicola Careem - verdeutlichten die Not und Angst. Sie zeigten etwa verzweifelte Zivilisten, die eine bereits überfüllte und verbogene Treppe hinaufkletterten, um ein geparktes Passagierflugzeug zu besteigen. Einige hingen mit den Händen am Treppengeländer.

Kabul: Tausende Menschen hoffen am Flughafen auf Flucht - doch kommerzieller Verkehr bereits eingestellt

Wie viele Menschen das Land überhaupt noch verlassen können ist indes unklar. Aktuell sind offenbar nur Militärflüge für Diplomaten, Botschaftspersonal und einheimische Ortskräfte der Botschaft in Aussicht, wie ein US-Diplomat bild.de erklärte. Die Flughafenverwaltung hat den kommerziellen Flugverkehr unterdessen eingestellt. „Es wird keine kommerziellen Flüge vom Hamid-Karsai-Flughafen geben, um Plünderungen und Verwüstungen zu verhindern. Bitte begeben Sie sich nicht zum Flughafen“, hieß es in einer an Journalisten versendeten Mitteilung.

Das Portal verwies auf Aussagen einiger Augenzeugen und auf Flucht hoffender Menschen. „Ich bin die ganze Nacht hier, mit meinen Kindern, aber wir wissen nicht wohin. Was ich aber weiß: Man wird mich töten, wenn die Taliban mich finden“, zitierte bild.de eine Ortskraft „mit britischem Visum“. Ein Mann „mit deutschem Pass“ sagte: „Es gibt zu wenig Flieger, tausende Menschen, die in Panik sind, aber das US-Militär hat die Bereiche abgeriegelt“.

Afghanistan: US-Armee feuert Warnschüsse ab - drei Tote am Flughafen von Kabul?

Berichten zufolge haben sich tatsächlich tausende Afghanen am Flughafen versammelt, um noch aus dem Land zu fliehen. Unterdessen versuchen US-Streitkräfte, verzweifelte Menschen von der Stürmung des Flughafens abzuhalten. So gaben US-Soldaten Schüsse in die Luft ab, um eine riesige Menschenmenge auf dem Rollfeld unter Kontrolle zu bringen. „Ich habe sehr viel Angst. Sie feuern viele Schüsse in die Luft“, sagte ein Zeuge der Nachrichtenagentur AFP am Montag. Gerüchten zufolge sind am Airport Kabuls bereits drei Menschen ums Leben gekommen. Der bekannte Journalist Ahmer Khan berichtete von schwerem Waffenfeuer.

Um den Flughafen zu sichern sind tausende US-Soldaten nach Kabul verlegt worden. Ihre Aufgabe ist laut US-Außenministerium die Flugsicherung und die Unterstützung der Evakuierungsaktionen. Die Bundesregierung plant noch ein Parlamentsmandat für „einige hundert Soldaten“ für den Evakuierungseinsatz der Bundeswehr. Am Mittwoch solle das Kabinett die Vorlage verabschieden, in der kommenden Woche dann der Bundestag in einer Sondersitzung abstimmen, berichtete die Nachrichtenagentur AFP.

Afghanistan-Debatte erreicht auch Deutschland: Laschet will „Luftbrücke“ - Grüne rügen Vorgehen

CDU-Chef und Kanzlerkandidat Armin Laschet forderte am Montagmorgen eine breit angelegte Luftbrücke der Bundeswehr. „Diese Luftbrücke darf sich nicht nur beziehen auf Ortskräfte, nicht nur auf deutsche Staatsangehörige, die noch in Afghanistan sind, sondern muss auch aktive Frauen-, Menschenrechtlerinnen, Aktivistinnen, Bürgermeisterinnen und andere umfassen. Das muss im Mandat mit vermerkt sein“, fügte er auf dem Weg zu den CDU-Gremiensitzungen in Berlin hinzu. Die EU müsse sich auf Fluchtbewegungen einstellen. Die Grünen rügten, ein entsprechender Antrag sei von ihnen im Bundestag bereits vor knapp zwei Monaten gestellt worden.

Die Bundesregierung und Laschet hatten noch vor zwei Wochen Abschiebeflüge gen Afghanistan* geplant - und dafür teils heftige Kritik erhalten. Vergangene Woche kündigte Innenminister Horst Seehofer (CSU) einen vorübergehenden Stopp der Flüge an. Auch in den USA stehen der Truppenabzug aus Afghanistan, aber auch das generelle Vorgehen bei dem 20 Jahre währenden Militäreinsatz im Kreuzfeuer.

Taliban haben Kabul erreicht: Präsident Ghani flüchtet - Islamisten posieren im Präsidentenpalast

Die Taliban hatten am Sonntag nach einem zehntägigen Eroberungsfeldzug durch Afghanistan die Hauptstadt Kabul erreicht. Die afghanische Regierung erklärte sich zur Machtübergabe bereit, Präsident Aschraf Ghani floh ins Ausland. In einer Facebook-Botschaft gestand er die Niederlage gegen die Taliban ein. Kämpfer der radikalislamischen Miliz feierten am Sonntagabend im Präsidentenpalast ihren „siegreichen“ Feldzug gegen die afghanische Regierung.

Nachdem die Polizei und andere Regierungstruppen am Sonntag ihre Posten in Kabul aufgegeben hatten, übernahmen Taliban-Kämpfer Kontrollpunkte in der Stadt. Am Montag waren Kämpfer mit Gewehren über den Schultern zu sehen, die durch die Straßen der Grünen Zone liefen - dem ehemals stark befestigten Viertel, in dem die meisten Botschaften und internationalen Organisationen untergebracht sind. (AFP/fn) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant bei Merkur.de*: „Wir haben die afghanische Armee blind ins Feld geschickt“ - Politikwissenschaftler urteilt über den Taliban-Vormarsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare