Anschlag auf Schule in Pakistan

Terror der Taliban gegen die Kinder

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Foto: Hunderte trauern um die ermordenden Kinder.

Islamabad - Mehr als 100 Schüler sind tot: Pakistan erlebt ein grausames Massaker in einer Schule. Das Motiv: Rache.

In den Klassenräumen der Army Public School hocken Hunderte von Kindern in ihren grün-weißen Uniformen über Examensarbeiten. Sie ist ein sicherer Ort, diese Schule an der Warsak Road in Peschawar. Das Militär betreibt die Schule, die meisten der rund 500 Schüler sind Kinder von Armeeangehörigen. Uniformen gehören in ihrem Viertel zum Alltag. Niemand denkt sich etwas dabei, als ein paar Männer in den schwarzen Uniformen der Grenzsoldaten durch einen Hintereingang die Schule betreten.

Dann zücken die Männer ihre Waffen, erschießen Kinder, verprügeln Kinder und nehmen Kinder als Geiseln. „Sie sagten uns: Betet!“, erzählt der elfjährige Aamir Ali, der als einziger einer Gruppe von zehn Jungen überlebte, „dann schossen sie.“

Ein regelrechter Blutrausch

In einem regelrechten Blutrausch töteten die sechs Attentäter mindestens 140 Menschen – bis auf wenige Lehrer und Soldaten fast alle Schüler – mehr als 250 weitere wurden verletzt. Innerhalb von Minuten bekannte sich die pakistanische Extremistengruppe „Therik-e-Taliban Pakistan“ (TTP) zu dem Anschlag. „Wir haben unseren sechs Kämpfern Anweisung gegeben, kleine Kinder zu verschonen“, sagte ihr Sprecher Muhammad Khorasan am Dienstagmorgen. Es klang nur zynisch.

Ohne Zweifel ist dies einer der barbarischsten Angriffe der radikalislamischen Rebellen. Rache ist das Motiv. Die Talibanmilizen haben zugeschlagen, wo sie am wenigsten Gegenwehr zu befürchten haben. Selbst im Gewalt gewohnten Pakistan hat der Terror eine neue Dimension erreicht.

Khorasan, der sich als „Heiligen Krieger“ betrachtet, erklärte das Massaker zum Anfang einer Offensive: „Wir werden so lange jede Institution angreifen, die mit den Streitkräften verbunden ist, bis die Armee ihre Operationen gegen uns einstellt und aufhört, unsere Gefangenen zu ermorden. Wir wollen, dass die Militärs unseren Schmerz fühlen.“

Der Geheimdienst ISI

Die Streitkräfte brauchten Stunden, um die Angreifer auszuschalten. Nachdem die Taliban mordend durch die Schule gezogen waren, verschanzten sie sich im Büro des Schulleiters. Soldaten, die auf den Dächern Stellung bezogen, deckten den Zufluchtsort mit einem Kugelhagel ein. Die Angreifer wehrten sich stundenlang – und versuchten, sich hinter Geiseln zu verschanzen.

Je länger die Kämpfe dauerten, umso mehr Mühe hatten Polizeibeamte, die von Angst um ihre Kinder getriebenen Eltern zurückzuhalten. Ein Elternpaar trug den toten Sohn, dessen pausbäckiges Gesicht durch eine Glasscheibe im Sarg zu sehen war, schon nach Hause, während an der Schule noch die Kugeln flogen. „Wo ist mein Junge?“, schrie eine Mutter im Reading-Krankenhaus. Sie hatte bereits in einem anderen Hospital unter den Verwundeten und Toten gesucht. Niemand wagte, der Mutter zu erklären, dass der Junge vielleicht unter den Geiseln war, die die Angreifer noch am Nachmittag in ihrer Gewalt hielten.

Es ist lange her, seit Pakistans Generale zum letzten Mal so brutal von der Schlange gebissen wurden, die sie seit den achtziger Jahren selbst hochgepäppelt haben. Der Geheimdienst ISI hatte die Taliban im Kampf gegen die Russen in Afghanistan massiv gefördert. Der ISI unterstützt bis heute bewaffnete Untergrundgruppen im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs und in Afghanistan.

„Pakistans Militärs haben gelernt“

Aber die Generale machen einen Unterschied zwischen den Extremisten, die von Pakistan aus unliebsame Regierungen in der Nachbarschaft schwächen, und den Extremisten, die sie als Gefahr für die eigene Nation sehen. Vor einigen Monaten starteten Pakistans Streitkräfte nach Jahren des Zögerns eine Offensive gegen die Taliban in der gebirgigen Region Nord-Wasiristan an der Grenze zu Afghanistan. Dort gaben sich jahrelang Al Qaida, Kämpfer der usbekischen Gruppe „Islamischer Jihad“ und auch „Heilige Krieger“ aus Europa ein Stelldichein mit afghanischen Taliban und ihren pakistanischen Gefährten.

Bis auf einige versprengte Überbleibsel von Al Qaida sind die meisten Ausländer gemeinsam mit knapp 2000 Taliban längst Richtung Irak und Syrien aufgebrochen, um sich dort der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen. Die zurückgebliebenen Kämpfer der TTP beginnen zu ahnen, dass ihr einstiger Rückzugsort Nord-Wasiristan nun zu ihrem Grab werden könnte. „Pakistans Militärs haben gelernt. Sie bomben die Verstecke jetzt so lange, bis die Gegner weich sind, und schicken dann Bodentruppen“, sagt ein Experte. Hunderttausende von Zivilisten flüchteten vor den Kämpfen nach Afghanistan und in die Städte Pakistans.

Ein gnadenloser Krieg

Es ist ein schmutziger, gnadenloser Krieg. Gefangene Soldaten werden von der TTP kurzerhand geköpft. In der Umgebung von Peshawar wiederum werden seit Wochen misshandelte Leichen von Talibankämpfern gefunden. Menschenrechtler gehen davon aus, dass sie Opfer „außergerichtlicher Justiz“ wurden. Zahllose Zivilisten sind Opfer bei Luft- und Drohnenangriffen gegen Terroristen geworden.

„Der Angriff ist ein Zeichen der Verzweiflung der Taliban“, sagte Premierminister Nawaz Sharif am Dienstag. Er hatte bei seinem Amtsantritt Friedensgespräche mit den Militanten zu seinem Ziel erklärt. Mit diesem Anschlag dürfte jede Hoffnung auf eine Lösung am Verhandlungstisch gestorben sein.

Willi Germund und Christine Möllhoff

Nachgefragt: "Propaganda der Angst"

Nachgefragt bei Taliban-Experte Thomas Ruttig, Ko-Direktor des Afghanistan Analysts Network in Kabul.

Was treibt Terroristen dazu, „Rache an Kindern“ zu nehmen? Das Massaker fand an einer Schule statt, die von der Armee geführt wird. Die ist der Hauptfeind der pakistanischen Taliban. Sie wollen die Regierung stürzen. Aber die Armee ist nicht im offenen Kampf zu besiegen, deshalb versucht man sie an einer weichen Stelle zu treffen. Die Taliban scheren sich nicht viel um unsere Definitionen, was im Krieg erlaubt ist oder nicht. Aus ihrer Sicht sind alle mit dem Militär verbundenen Einrichtungen legitime Angriffsziele. Auch Kinder in Schulen.

Was kann damit erreicht werden? Es sind mehr Propagandaaktionen als militärische Operationen. Mit solchen Anschlägen gewinnt man keinen Krieg, man besetzt weltweit Schlagzeilen, verbreitet Angst und Schrecken. Das ist das Muster. Solche brutalen Aktionen stärken ihr Image als gefährlicher, unberechenbarer Gegner.

Schüren die Bilder solcher Gräueltaten auch den Anti-Islamismus in Deutschland? Da gibt es einen Zusammenhang. Aber man muss einmal die Kreuzkirche in Dresden lassen. Die Islamisten verursachen nicht den Untergang des Abendlandes. Ihre Anhänger sind nur ein Bruchteil der Moslems in Deutschland. Sie machen lediglich den meisten Lärm.

Interview: Frank Lindscheid

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