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Klitschko denkt, dass Putin Ukraine erobern will: „Ich hoffe, die deutsche Regierung hört uns“

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Von: Andreas Schmid

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Vitali Klitschko am Donnerstag in München.
Vitali Klitschko am Donnerstag in München. © as

Vitali Klitschko ist zu Gast in München. In einer Medienrunde mit Merkur.de äußerte sich der Bürgermeister von Kiew zum drohenden Russland-Einmarsch in die Ukraine.

München - Vitali Klitschko ist aktuell in der bayerischen Landeshauptstadt. Der Bürgermeister von Kiew besucht die Münchner Sicherheitskonferenz (Siko). Auch ein Besuch im Landtag steht im eng getakteten Terminkalender des früheren Boxweltmeisters und heutigen Politikers. Zuvor äußerte er sich in einer Medienrunde zum sich zuspitzenden Ukraine-Konflikt*.

Vitali Klitschko in München: „Die Soldaten stehen nicht umsonst an der Grenze“

Klitschko habe „große Zweifel“ daran, dass man den russischen Ankündigungen eines Truppenabzugs trauen könne. „Russland spielt sein eigenes Spiel.“ Er gehe davon aus, dass Putin die Ukraine erobern will. Das Risiko, dass es dazu komme, sei groß. „Die Soldaten stehen nicht umsonst an der Grenze. Sie wollen angreifen.“ Man habe „schlechte Erfahrungen“ mit russischen Soldaten gemacht. „Ich spreche von der Krim-Annexion, ich spreche von einer Annexion großer Teile von Luhansk und Donezk (Ukrainische Staatsgebiete nahe der russischen Grenze). Ich spreche von 13.000 gestorbenen Ukrainern in diesem Krieg.“

Dann erhebt sich die Stimme des Zwei-Meter-Mannes, Klitschko wird emotional: „Dieser Krieg in der Ostukraine wäre nie passiert, ohne finanzielle Unterstützung, ohne Waffenlieferungen von Russland, ohne Propaganda und Gehirnwäsche.“

Klitschko zum Ukriane-Konflikt: „Ich hoffe, die deutsche Regierung wird uns hören“

Eine russische Invasion in die Ukraine bezeichnete Klitschko als Alptraum. Deshalb brauche die Ukraine Unterstützung - auch militärisch. „Ohne Unterstützung wird es schwierig für uns.“ Dann bedankte sich der 50-Jährige, der lange in Deutschland gelebt hat, bei „allen Ländern, die auf unserer Seite stehen, uns finanziell unterstützen. Sehr dankbar sind wir den Ländern, die uns mit Verteidigungswaffen unterstützen.“ Damit war Deutschland nicht gemeint. Die Bundesrepublik ist zwar seit 2014 der größte Geldgeber für die Ukraine*, (wofür sich Klitschko bedankte), will aber keine Waffen, auch keine Defensivwaffen zur Verteidigung, in Krisengebiete schicken.

Klitschko hatte die deutsche Haltung in der Vergangenheit als unterlassene Hilfeleistung kritisiert und die Lieferung von 5000 Helmen als „absoluten Witz“ bezeichnet. Nun legte der Bürgermeister von Kiew nach. Man stehe einer der größten Armeen gegenüber und brauche deshalb moderne Waffen. „Verteidigungswaffen, möchte ich betonen. Wir greifen niemanden an, wir verteidigen unser Land.“ Dann richtete Klitschko sein Wort an die Bundesregierung. „Ich hoffe, die deutsche Regierung wird uns hören.“ Er plädierte dafür, dass die deutsche Politik ihr Nein zu Rüstungsexporten überdenkt. Das sei „die große Frage“. „Wir wollen unser Land mit Verteidigungswaffen verteidigen. Mit Hilfe unserer Freunde wäre das viel einfacher.“

Kiews Oberbürgermeister Vitali Klitschko kritisierte die Bundesregierung für ihr Nein zur Waffenlieferung an die Ukraine scharf.
Kiews Oberbürgermeister Vitali Klitschko kritisierte die Bundesregierung für ihr Nein zur Waffenlieferung an die Ukraine scharf. (Archivbild) © Jan Woitas/dpa

Klitschko zu Nord Stream 2: „Sanktionen sind wirksam, um den Aggressor zu stoppen“

Die Ukraine müsse nun stark sein und diese Stärke auch nach außen demonstrieren. „Stark mit Verteidigungswaffen, stark mit der Unterstützung europäischer Länder, stark mit Sanktionen.“ Auf Nachfrage von Merkur.de, ob diese Sanktionen auch die Gaspipeline Nord Stream 2 betreffen sollten, sagte Klitschko. „Ich verstehe, dass Sanktionen für andere europäische Länder wirtschaftlich schädlich sein können, aber sie sind ein wirksames Mittel, um den Aggressor zu stoppen.“ Nord Stream 2 bringt russisches Gas über Unterwasserpipelines in der Ostsee nach Deutschland. Wenn man Russland durch solche Projekte finanzielle Möglichkeiten gebe, stärke man das Land, sagt Klitschko. „Die Russen investieren das Geld in ihr Militär.“

Klitschko spricht über „Hauptgrund“ des Konflikts: „Wir wollen nicht zurück in die Sowjetunion“

Derzeit weiß kaum jemand, was im Kopf des russischen Präsidenten Wladimir Putin* vorgeht. Was will der Kreml-Chef? Laut Klitschko wolle er den Wiederaufbau der Sowjetunion. Das sei der „Hauptgrund für den Konflikt.“ Die Ukraine sei „ein modernes, demokratisches, europäisches Land“. Das gefalle Putin nicht. „Es passt nicht in die Vision der russischen Regierung.“ Die Ukraine aber wolle „nicht zurück in die Sowjetunion. Das ist ganz klar unsere Message.“

Der Bürgermeister sieht die Ukraine, das flächenmäßig zweitgrößte Land Europas, als „Teil der europäischen Familie“. 2010 wurde Klitschko Parteichef der damals neu gegründeten pro-westlichen Partei UDAR (Ukrainische demokratische Allianz für Reformen). Als Politiker war er ein wichtiger, weil einflussreicher, Mann bei den Euromaidan-Protesten 2013, den pro-europäischen Demonstrationen in der Ukraine. In München sagt Klitschko, der in Kirgistan in der früheren Sowjetunion geboren ist: „Wir wollen kein russisch-sowjetisches Imperium.“

Ukraine-Konflikt spitzt sich zu: Klitschko - „jeder hofft auf eine friedliche Lösung“

Der Ukraine-Konflikt spitzt sich zusehends zu. Nachdem die von den USA für Mittwoch (16. Februar) befürchtete Invasion Russlands ausgeblieben war, kündigte Moskau an, Truppen abzuziehen. Im Westen gibt es aber Zweifel, inwieweit man diesen Aussagen trauen kann. US-Präsident Joe Biden befürchtet trotz aller Beteuerungen aus Moskau einen russischen Einmarsch in die Ukraine „in den nächsten Tagen“. Die Gefahr sei „sehr hoch“. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen ist die Lage so angespannt, wie noch nicht einmal bei der Krim-Invasion.

Passend zur anstehenden Sicherheitskonferenz in München sagte Klitschko: „Sicherheit ist aktuell das wichtigste Thema. Nicht nur für uns in der Ukraine, sondern für die ganze Welt.“ Angesichts einer drohenden russischen Invasion könne „die gesamte Sicherheitsarchitektur“ zusammenbrechen. „Jeder Ukrainer hofft auf eine friedliche, diplomatische Lösung der Spannungen.“ Man sei bereit zu gemeinsamen Gesprächen, die zur Konfliktlösung beitragen. „Ich hoffe, das ist alles nur ein Muskelspiel von Russland.“ Ein Muskelspiel, das die Welt wohl noch eine Zeit lang beschäftigen wird. (as) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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