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Ukrainischer Guerilla-Krieg im Süden: „Das Leben der russischen Besatzer unerträglich machen“

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Von: Felix Durach

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Im Süden der Ukraine kommt es vermehrt zu koordinierten Aktionen von Guerilla-Kämpfern. Für Kiew ein nicht zu verachtender Vorteil im Krieg gegen Russland.

Kiew – Während sich die Offensive der russischen Streitkräfte im Osten der Ukraine deutlich verlangsamt hat, rückt der Süden des Landes im Ukraine-Krieg zunehmend in den Fokus. Dort streben die ukrainischen Truppen eine Gegenoffensive an, um die von Russland besetzten Städte wieder zurückzuerobern. Gerade die strategisch wichtige Stadt Cherson am Ufer des Dnepr wird als erstes Ziel der ukrainischen Streitkräfte bei der Gegenoffensive angesehen.

Mit der Hilfe von US-amerikanischen Himars-Mehrfachraketenwerfern hat die ukrainische Armee in den vergangenen Wochen vermehrt auch Brücken beschossen und zerstört, um so die in der Stadt stationierten russischen Soldaten abzuschneiden. Der Militärexperte Ed Arnold rechnete in einem Interview mit dem Spiegel zuletzt damit, dass sich Cherson bis September bereits wieder in ukrainischer Hand befinden könnte. Berichten zufolge erhält die ukrainische Armee dabei auch Unterstützung von Guerilla-Kämpfern.

Ukraine-Krieg: Einsatz von Guerilla-Kämpfer im Süden - „das Leben der russischen Besatzer unerträglich machen“

Wie die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) berichtet, gehört zu den Hauptaufgaben der ukrainischen Guerilla-Kämpfer das Sprengen von Brücken oder Eisenbahnschienen, Attentate auf pro-russische Beamte oder die Aufklärung strategisch wichtiger Positionen von Kreml-Chef Wladimir Putins Soldaten. „Unser Ziel ist es, das Leben der russischen Besatzer unerträglich zu machen und alle Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Pläne zu vereiteln“, erklärte ein anonymer Koordinator der Guerilla-Bewegung gegenüber der Nachrichtenagentur.

Die ukrainischen Soldaten werden vor allem im Süden des Landes verstärkt durch Guerilla-Kämpfer unterstützt.
Die ukrainischen Soldaten werden vor allem im Süden des Landes verstärkt durch Guerilla-Kämpfer unterstützt. (Symbolbild) © David Goldman/dpa

Dass die ukrainischen Streitkräfte bei ihren Bemühungen im Krieg gegen Russland immer stärker auf Partisanen und Guerilla-Kämpfer zurückgreifen, ist dabei jedoch keine Neuigkeit. Bereits Ende Juni berichtete das amerikanische „Institute for the Study of War“ (ISW) von der vermehrten Formierung von Guerilla-Kräften in der Südukraine. „Diese Partisanenaktivität im Süden der Ukraine sieht zunehmend koordiniert aus und könnte eine kohärente Kampagne zur Erosion der russischen Kontrolle sein, Kosten verursachen, die die russischen Fähigkeiten und Willen zermürben sowie den Widerstand fördern“, lautete die Einschätzung des ISW. „Diese Effekte unterstützen zukünftige Gegenangriffe, um Terrain zurückzuerobern“, hieß es weiter.

Ukraine-Krieg: Guerilla-Kämpfer helfen bei der Aufklärung - Artillerie „noch leistungsfähiger“

Entscheidend bei der Unterstützung der ukrainischen Militäraktionen könnte vor allem die Aufklärung sein. Die ukrainischen Streitkräfte verfügen bereits seit mehreren Wochen über den Mehrfachraketenwerfer Himars. Dieser kann je nach Munition Ziele in bis zu 80 Kilometer Entfernung angreifen. Damit kann das ukrainische Militär aus sicherer Entfernung taktische Ziele weit hinter der Frontlinie angreifen. Partisanen-Kämpfer können bei diesem Vorgehen als Späher eingesetzt werden und den Truppen die Standorte russischer Ziele melden.

„Wir geben dem ukrainischen Militär genaue Koordinaten für verschiedene Ziele, und die Unterstützung der Guerilla macht die neuen Langstreckenwaffen, insbesondere HIMARS, noch leistungsfähiger“, erklärt der anonyme Guerilla-Kämpfer gegenüber AP. So könne man quasi unsichtbar hinter den feindlichen Linien agieren.

Ukraine-Krieg: Anschläge auf pro-russische Beamte häufen sich – Cherson-Gouverneur im Koma

Hinzu kommen mehrere Anschläge durch Partisanen auf pro-russische Beamte, die sich in den vergangenen Wochen ereignet haben. So vereitelten die russischen Truppen bereits im Juli nach eigenen Angaben einen Anschlag auf den von Moskau installierten Gouverneur von Cherson, Wolodymyr Saldo. Der 66-Jährige wurde Anfang August mit Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert und liegt mittlerweile im Koma. Sein Zustand gilt als kritisch. Ob die mögliche Vergiftung im Zusammenhang mit einem Anschlag steht, ist jedoch unklar.

Zwei weitere Beamte aus Saldos näherem Umfeld kamen in den vergangenen Wochen ums Leben. Pavel Slobodchikov wurde in seinem Auto erschossen, Dmytry Savluchenko starb durch eine Autobombe. In der vergangenen Woche etwa haben ukrainische Partisanen auch in dem von russischen Truppen eroberten Gebiet Luhansk angeblich zwei Kollaborateure in einem Auto beschossen und verletzt. Es handle sich um den Bürgermeister der Stadt Bilowodsk und dessen Stellvertreterin, schrieb der ukrainische Gouverneur des Gebiets, Serhij Hajdai.

Explosion auf der Krim - hatten auch hier Guerilla-Kämpfer ihre Finger im Spiel?

Auch bei der Explosion auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim am Dienstag sollen Partisanen beteiligt gewesen sein. Das behauptet zumindest die ukrainische Führung. Der Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Olexij Arestowytsch, sprach inoffiziell von einem Angriff mit einer neuen ukrainischen Waffe.

Arestowytsch erwähnte dabei auch den möglichen Einsatz von Partisanen. Auch die US-Zeitung New York Times geht in ihrer Berichterstattung von Partisanen-Unterstützung aus. Moskau wies die Vorwürfe zurück und verwies darauf, dass es aus Fahrlässigkeit zu einer Munitions-Explosion gekommen sei. Die Informationen können nicht unabhängig überprüft werden.

Sollten die Guerilla-Operationen weiter so koordiniert ablaufen, könnten sich für Kiew dadurch erhebliche Vorteile im Krieg gegen Russland bieten. „Bedeutet das, dass die Ukraine gewinnen wird? Es bedeutet zumindest, dass sie eine Chance haben“, schätzte Jennifer Cafarella vom ISW Ende Juni die Lage mit Blick auf die Partisanen ein. (fd mit dpa)

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