Schuldekrise

Viele Griechen heben ihr Geld ab

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Wie geht’s weiter in Griechenland? Menschen in Athen vor einem Zeitungskiosk.

Athen - Die Stimmung in der griechischen Bevölkerung schwankt knapp vier Wochen nach dem Wahlsieg der Linken unter Regierungschef Alexis Tsipras zwischen Hoffen und Bangen. Immer mehr Griechen heben ihr Geld ab.

Ein großer Teil der Bürger zeigt sich zufrieden, weil die Regierung in Athen endlich verhandelt - und sich nicht vor der verhassten Troika der internationalen Geldgeber verbeugt. Zugleich wollen viele Griechen in diesen schwierigen Zeiten aber auf Nummer sicher gehen - und haben in den vergangenen Wochen mehr als 20 Milliarden Euro von ihren Bankkonten abgehoben.

Auch Nicht-Tsipras-Wähler sagen „Bravo“ zur neuen Regierung: Fünf Jahre lang mussten sie zusehen, wie viele Kinder ohne Frühstück zur Schule gingen, junge Leute auswanderten, ältere Menschen ohne Krankenversicherung blieben, die Geldgeber ihnen aus der Ferne gratulierten und ihnen sagten: „Gut so - noch ein Jahr so weiter und euch wird es wieder gut gehen.“ So beschreibt es Nikos Sevdalis, ein 30 Jahre alter Arzt aus der kleinen Hafenstadt Korinth. Er hat in den vergangenen Jahren immer wieder nicht versicherte Menschen umsonst verarztet. „Sie tun mir alle so leid“, sagt er.

Aus Sicht vieler Menschen haben Geldgeber und die abgewählte konservativ-sozialistische Koalitionsregierung stets den einfachen Weg gewählt: Renten kappen, Staatsbedienstete entlassen, Gelder für die Gesundheit kürzen. Tsipras sagt dagegen: Zuerst sorgen wir für unsere notleidende Bevölkerung. Das ist eigentlich für jede Regierung erste Priorität, kommentiert ein Diplomat eines großen Nicht-EU-Landes in Athen. Die Reaktionen der Wähler seien „völlig normal“, hieß es.

Für Demoskopen zeigt sich nach der Wahl ein überraschendes Bild: 80 Prozent der repräsentativ befragten Griechen sind der Ansicht, die neue Regierung unter ­Tsipras mache einen guten Job. Und 58 Prozent glauben, Tsipras verhandle richtig. Das war das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Marc, die unlängst in der griechischen Presse veröffentlicht wurde. Würden heute Wahlen stattfinden, bekäme die Regierung Tsipras demnach 45 Prozent, statt gut 36 Prozent wie bei der Wahl Ende Januar.

In der Bevölkerung wächst unterdessen die Sorge um das ersparte Geld. Für Aufruhr sorgt vor allem die - von der EZB inzwischen dementierte - Meldung, die Zentralbank spreche über die Möglichkeit von Kapitalverkehrseinschränkungen für griechische Banken. Das würde zum Beispiel bedeuten, dass Kontoinhaber nur noch bestimmte Summen abheben könnten. Auch Überweisungen ins Ausland würden streng limitiert.

Lange Schlangen vor den Geldautomaten oder den Bankschaltern gibt es bislang zwar nicht. „In der heutigen Zeit muss man nicht unbedingt zum Geldautomaten gehen. Es geht auch elektronisch“, sagte ein Bankangestellter einem Fernsehteam, das am Donnerstag vor einem Geldautomaten im Zentrum Athens vergeblich auf in Panik geratene Bürger wartete.

Aber ob die anderen Länder das gutheißen, was die griechische Regierung derzeit so treibt? Die Sorge der Finanzprofis in der EU ist groß, dass die Schuldenkrise nun endgültig eskaliert. So haben sich in den vergangenen Tagen viele Investoren zunehmend auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone („Grexit“) eingestellt.

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