Hartmut Meine im Interview

„Viele wollen ein Zeichen setzen“

Hannover - Zum 70. Jahrestag des Kriegsendes lädt die IG Metall für Freitag zu einer Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine spricht im Interview über die Wichtigkeit, gegen rechte Positionen Stellung zu beziehen und den großen Andrang von Jugendlichen auf die Gedenkveranstaltung.

Herr Meine, die IG Metall erinnert am Freitag mit 1200 Gästen an den Tag der Befreiung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Warum fahren Sie am 8. Mai nach Bergen-Belsen?

Wir haben zum 8. Mai als Tag der Befreiung eine sehr tiefe Beziehung. Denn es waren Gewerkschafter, die mit zu den ersten gehörten, die in die Konzentrationslager gebracht wurden. Der Tag hat für uns einen sehr hohen Stellenwert und etwas sehr identitätsstiftendes – immer wieder gegen die Diktatur und für die Demokratie zu kämpfen.

Wo sehen Sie da heute die größten Gefahren?

Mir ist bei den aktuellen Gedenkfeiern aufgefallen, dass man sich einig ist gegen Judenfeindlichkeit und Antisemitismus. Das aktuelle Problem, das ich sehe, ist, dass in Teilen der Bevölkerung eine offene Anti-Islam-Stimmung herrscht, die von manchen Gruppierungen genutzt und gepuscht wird. Das ist eine neue Form der Ausländerfeindlichkeit. Und wir stehen gegen Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit in jeder Art.

Spüren Sie diese Ausländerfeindlichkeit in den Betrieben?

Nein, in den Betrieben eher nicht, wo etwa wie bei VW meist schon die dritte Generation von Einwanderern arbeitet, die türkische oder griechische Namen haben. Aber durch Gruppen wie Bragida (Braunschweig gegen die Islamisierung des Abendlandes), Pegida in Dresden oder Hagida in Hannover werden solche Stimmungen geschürt. Und Bragida demonstriert weiter jede Woche in Braunschweig.

Wäre es nicht sinnvoller diese Gruppen einfach zu ignorieren und sie so ins Leere laufen zu lassen?

Nein, es ist schon besser, klar und rechtzeitig Position zu beziehen, wie es etwa Anfang des Jahres in Hannover geschah, wo Zehntausende gegen eine Handvoll Islamkritiker standen. Das war doch ein tolles Zeichen der Zivilgesellschaft. Denn man muss sich bei aller Vorsicht vor historischen Vergleichen nur vor Augen führen, wie der Antisemitismus gerade in den zwanziger Jahren in Deutschland aus eher kleinen Anfängen gewachsen ist, bevor Hitler an die Macht kam.

Sie haben bei Ihrer Veranstaltung am Freitag in Bergen-Belsen auch viele Absagen verschicken müssen, weil das Interesse bei Jugendlichen so überaus groß ist.

Ja, das hat uns fast ein wenig überrascht, angenehm überrascht. Aber wir können in der Gedenkstätte nur rund 1200 Personen empfangen und bewirten. Viele der Jugendvertreter sind angesichts Bewegungen von Pegida und Hagida echt besorgt und wollen ein Zeichen setzen. Es gibt bei jungen Leuten eine sehr hohe Bereitschaft, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Das ist überhaupt nichts von einer Schlussstrich-Mentalität zu spüren. Ich finde das ermutigend.

Interivew: Michael B. Berger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare