350.000 Somalis vor Abschiebung

Weltgrößtem Flüchtlingslager droht die Auflösung

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Foto: Kenia will das größte Flüchtlingslager der Welt im Nordosten des Landes auflösen.

Dadaab - Seit über 20 Jahren leben viele somalische Flüchtlinge im Nordosten Kenias. Jetzt breitet sich unter den mehr als 350.000 Somalis die Angst aus. Übel droht ihnen sowohl vom islamischen Terrorismus als auch von der kenianischen Regierung.

Abdullahi Mohamed wurde im größten Flüchtlingslager der Welt im Nordosten Kenias geboren. Somalia, das verarmte und in Bürgerkriegswirren verstrickte Heimatland seiner Eltern, kennt der 19-Jährige nur aus Erzählungen. Doch wenn es nach der kenianischen Regierung geht, sollen er und mehr als 350.000 andere Flüchtlinge aus Dadaab innerhalb von drei Monaten dorthin abgeschoben werden.

„Mein Sohn weiß gar nichts über Somalia, das Land aus dem wir stammen“, sagt Mohameds Vater Ahmed Ahmed. Der 45-Jährige floh mit seiner Familie vor rund 20 Jahren, um Krieg und Hunger in seiner Heimat am Horn von Afrika zu entkommen. Zehntausende Flüchtlinge wie er leben seit dem Terroranschlag vom Gründonnerstag in der nahen kenianischen Stadt Garissa, wo mehr als 150 Menschen starben, in großer Angst. Sie fürchten sich vor möglichen Repressalien der kenianischen Regierung genauso wie vor neuen Angriffen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab.

„Das Leben im Lager ist schwieriger geworden“, sagt Aden Abdi, dessen Eltern vor 24 Jahren aus Somalia geflohen sind. Er kam als Sechsjähriger ins Ifo-Flüchtlingslager von Dadaab. Es liegt in der trockenen, unfruchtbaren Gegend nahe der somalischen Grenze und hat sich seither zu einer improvisierten Stadt entwickelt. „Es gibt große Angst unter den Flüchtlingen.“ Die Kämpfer der Terrormiliz Al-Shabaab griffen immer wieder Ziele in den Lagern an. „Wir wissen nicht, wer sie sind, aber sie sind in der Nähe der Lager aktiv und schlagen zu.“ Häufig würden morgens Leichen gefunden, sagte der Lehrer vergangene Woche. „Im Lager gibt es nachts viele Entführungen und unaufgeklärte Morde.“

Die kenianische Regierung ist überzeugt, dass Dadaab eine Rückzugsbasis für somalische Terroristen darstellt. „Wir wissen, dass der erste Stop für Al-Shabaab in Kenia Dadaab ist“, sagt der Landrat von Garissa, John Mwiri. Die Lager, nur rund 110 Kilometer von Garissa entfernt, seien ein sicherer Hafen für Al-Shabaab-Kämpfer und damit eine Bedrohung der nationalen Sicherheit. „Von dort können sie in jeden Teil des Landes weiterreisen“, sagt er.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) bestreitet, dass Terroristen die Flüchtlingslager als Rückzugsbasis nutzen. Experten wenden jedoch ein, dass es bei den Lagern mit insgesamt mehr als 350 000 Bewohnern keine lückenlose Kontrolle geben könne. Das Leben dort ist bereits von strengen Sicherheitsmaßnahmen wie Checkpoints und einer abendlichen Ausgangssperre gekennzeichnet. Viele haben kaum mehr als das Nötigste zum Essen, aber immerhin ist es friedlicher und sicherer als in Somalia.

Kenia erhofft sich mit einem harten Durchgreifen gegen die rund 500.000 somalischen Flüchtlinge im ganzen Land Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus. Die Regierung in Nairobi hat bereits Dutzende Konten eingefroren und zudem 13 Geldtransfer-Dienstleistern die Lizenz entzogen. Viele Somalis brauchen die Zahlungen von Familienmitgliedern in Ausland zum Überleben. Kenia befürchtet jedoch, damit werde Terrorismus finanziert. Um Al-Shabaab Einhalt zu gebiten, kämpfen auch rund 5000 kenianische Soldaten im Nachbarland gegen die Terrormiliz.

Die Schließung von Dadaab wäre die bislang radikalste Maßnahme in Kenias Anti-Terror-Kampf. Bislang ist jedoch völlig unklar, wie die Verlagerung über die somalische Gernze logistisch so schnell bewerkstelligt werden könnte. Zudem ist die Sicherheitslage in Somalia weiterhin unzureichend. Einige Experten warnen, der Plan, die Somalis in das umkämpfte und verarmte Land zurückzuschicken, könnte für Kenia auch nach hinten losgehen und Al-Shabaab die Anwerbung neuer Rekruten erleichtern.

Viele Kenianer haben trotz der jüngsten Terroranschläge weiterhin Verständnis für die Lage der Somalier. „Sie können nicht einfach wegziehen wie andere Leute“, sagt ein Bewohner von Garissa, Ahmed Abdullah. „Sie haben nur das UNHCR und Gott. Ohne die Hilfe haben sie gar nichts mehr.“

dpa

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