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Ist man auch Weltmeister, wenn man nur Ersatzspieler war?

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Von: Anonym WLZ

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© dpa/Sportbuzzer-Montage

- Fünf Spieler aus dem DFB-Kader warten noch auf ihren Einsatz. Mal angenommen, Deutschland gewinnt das Finale: Können sie sich dann auch als Weltmeister fühlen? Ein Blick in die Geschichte hilft.

Da waren es nur noch Fünf: Als in der 75. Minute des Halbfinalspiels gegen Brasilien Julian Draxler von Bundestrainer Joachim Löw aufs Feld geschickt wurde, hatte sich der Kreis der deutschen Nationalspieler, die am Sonntag ohne eine einzige Einsatzminute Fußball-Weltmeister werden könnten, wieder um einen Spieler reduziert. Der Schalker Draxler war der 18. deutsche Profi aus dem 23-Mann-Kader, der zum Einsatz kam.

Vor dem Finale sind damit von den Feldspielern nur noch die Dortmunder Kevin Großkreutz und Erik Durm sowie der Freiburger Matthias Ginter ohne eine einzige WM-Minute, dazu die beiden Ersatztorhüter Roman Weidenfeller (Dortmund) und Ron-Robert Zieler (Hannover), wobei das bei der Nummer 2 und 3 im Tor der Normalfall bei einem Turnier ist.

Der Bremer Günter Hermann muss seit 24 Jahren damit leben, dass kaum einer weiß, dass er 1990 in Italien mit Deutschland Weltmeister geworden ist. Hermann hielt im Olympiastadion von Rom den WM-Pokal in den Händen, ohne eine Minute gespielt zu haben, und warum ausgerechnet er immer als Beispiel herhalten muss, kann niemand richtig erklären. Denn zur Ehrenrettung von Hermann, der auch mal eine unglückliche Zeit bei Hannover 96 verlebt hat, muss festgestellt werden: Auch Frank Mill, Paul Steiner und die Torhüter Raimond Aumann und Andreas Köpke, der heutige Bundestorwarttrainer, wurden von Teamchef Franz Beckenbauer damals im Turnier nicht eingesetzt.

Dabei und doch nicht mittendrin – das gab es auch beim zweiten deutschen WM-Titel 1974. Neben den Torhütern Wolfgang Kleff und Norbert Nigbur kamen Helmut Kremers und Hans-Josef Kapellmann überhaupt nicht zum Einsatz.1954, als Deutschland das erste Mal Weltmeister wurde, durfte noch nicht ein- und ausgewechselt werden. Wenn heute vom „Wunder von Bern“ die Rede ist, tauchen die Namen von Herbert Erhard, Karl-Heinz Metzner, Ulrich Biesinger und Heinz Kubsch nirgendwo auf, obwohl sie auch zum Aufgebot gehörten.

Die Frage, ob sich jemand als Weltmeister fühlt, der gar nicht gespielt hat, ist deshalb keine neue. Vor der Weltmeisterschaft in Brasilien haben sich Bernd Hölzenbein, Weltmeister von 1974, und Guido Buchwald, Weltmeister von 1990, bei einem Interview über das Thema in die Haare gekriegt. Hölzenbein vertrat die Auffassung, man müsse schon gespielt haben, um sich wie ein Champion fühlen zu können. Buchwald widersprach heftig und argumentierte mit der Bedeutung der Ersatzspieler für die Stimmung und dass er genug Beispiele kenne, wie unzufriedene Reservisten für Stunk gesorgt haben. Am Ende sagte Hölzenbein zu Buchwald: „Du hast mich überzeugt.“

In Brasilien wird bei jeder Gelegenheit betont, wie gut der Teamgeist ist, viel besser als bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren, als sich Bastian Schweinsteiger schon mal öffentlich beklagte, dass die Ersatzspieler auf der Bank bei Toren gar nicht richtig mitgejubelt hätten. In Brasilien ist das auffällig anders. „Wenn im Training die B-Mannschaft gegen die A-Mannschaft spielt, dann ist man im B-Team gerade gefordert, das Niveau hochzuhalten, die anderen Spieler immer wieder herauszufordern“, sagt Stürmer Miroslav Klose. Mit anderen Worten: Vom Ehrgeiz der Reservisten profitieren die Stammspieler.

Der Dortmunder Durm sagt, dass ihm Bundestrainer Joachim Löw das Gefühl vermittelt habe, „dass sich keiner als Ersatzspieler sehen soll. Ob Einsatz oder nicht, das ist für mich erst einmal hinten angestellt.“ Für ihn sei bereits die Nominierung ein „Riesenerfolg“.

Für Löw ist die Frage, ab wieviel Minuten man sich als Weltmeister fühlen kann, ohnehin keine. „Jeder trägt seinen Teil zum Erfolg bei“, sagt er. „Natürlich würde ich mich als Weltmeister fühlen, wenn wir das Sonntag schaffen“, sagt Hannovers Torwart Zieler. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig wäre eine Formulierung wie „Weltmeister Ginter“ für viele Fans vermutlich trotzdem. Und nicht nur für sie. „Wie heißt der Ginter noch einmal mit Vornamen“, wollte gestern ein deutscher WM-Reporter von einem anderen wissen.

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