Interview: Bierhoff warnt vor Kapitäns-Gerangel

+
Oliver Bierhoff

München - Oliver Bierhoff glaubt fest an ein Comeback von Michael Ballack im DFB-Team und warnt zugleich vor internen Machtkämpfen: das Interview.

Oliver Bierhoff blickt auf ein aufregendes WM-Jahr zurück. Besonders bewegt hat ihn die Geschlossenheit mit Bundestrainer Joachim Löw im Zuge des Vertragsstreits mit dem DFB. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht der 42-Jährige auch die “Ungeduld“ an, einen Titel mit der verjüngten deutschen Fußball- Nationalmannschaft zu holen. Überzeugt ist Bierhoff vom Comeback von Michael Ballack - der Kapitän sei keineswegs ein Verlierer des Jahres.

Die 20 besten deutschen Fußballer seit der Wiedervereinigung

Die 20 besten deutschen Fußballer seit der Wiedervereinigung

2010 war ein ereignisreiches und turbulentes Jahr. Was bleibt besonders haften?

Bierhoff: “Ganz klar das Auftreten unserer Mannschaft in Südafrika - als eine Einheit, die Freude vermittelt, attraktiven Fußball spielt, für Integration und ein Miteinander steht. Positiv war auch, dass die Mannschaft in der EM-Qualifikation an den WM-Erfolg angeknüpft hat.“

Was hat Sie persönlich bewegt?

Bierhoff: “Die Loyalität zwischen Jogi Löw, Hansi Flick, Andy Köpke und mir. Die sportliche Leitung hatte bis nach der WM sicherlich keine leichte Situation. Zu den üblichen heißen Themen wie Kapitäns- und Torwartfrage, Nominierungen und Diskussionen um Torsten Frings oder Kevin Kuranyi kam die vertragliche Situation. Unsere Geschlossenheit, die nie zuvor auf so eine Probe gestellt wurde, war eine schöne Erfahrung und Bestätigung. Ebenso die Lösung, die dann alle miteinander gefunden haben.“

Was war ausschlaggebend für die gemeinsame Fortsetzung der Arbeit?

Bierhoff: “Es war keine Nibelungentreue, sondern die Überzeugung, dass wir als Team zusammengehören und füreinander einstehen.“

Ist auch eine Zukunft über die EM 2012 hinaus nur im Team denkbar?

Bierhoff: “Es wird nicht immer nur den Trainer Joachim Löw mit dem Manager Oliver Bierhoff geben und umgekehrt. Aber ich bin froh, dass ich mir zunächst bis 2012 darüber keine Gedanken machen muss.“

WM-Dritter 2006, EM-Zweiter 2008, WM-Dritter 2010 - wie lange sind begeisterte Fans und weltweite Anerkennung für die Turnierleistungen ein Ersatz für Titel?

Bierhoff: “Ich mache für mich die Zufriedenheit und den Erfolg nicht allein an Titeln fest. Aber wir wissen, dass eine Ungeduld da ist, einen Titel zu holen. Gerade mit dieser jungen Mannschaft, die so viel Mut gemacht hat und in der so viel Qualität steckt. Aber man muss auch bedenken, dass die Konkurrenz enorm ist.“

Bei einem Spieler wie Bastian Schweinsteiger, der seit Jahren dabei ist, war diese Gier nach einem Titel schon in Südafrika zu spüren. Er sagte, irgendwann wolle er auch mal einen Pokal in der Hand halten.

Bierhoff: “Man wird von zweiten oder dritten Plätzen nicht satt. Man hat das bei den Spielern nach der Niederlage gegen Spanien gemerkt, als es darum ging, ob man nach der Rückkehr wieder mit den Fans in Berlin feiert. Im Team setzte sich ganz klar die Erkenntnis durch, sich nicht wieder ohne echten Titel dort zu präsentieren. Das passte nicht mehr zum Selbstverständnis dieser Mannschaft und der Spieler.“

Die traumhaften Einschaltquoten bei der WM haben einmal mehr die Attraktivität der Nationalmannschaft bestätigt. Ist die Marke Nationalmannschaft so wertvoll und attraktiv wie nie zuvor?

Bierhoff: “Uneingeschränkt: Ja! 2012 laufen für den DFB die meisten Sponsorenverträge aus, ebenso der Fernsehvertrag. Die WM hat wieder gezeigt, wie emotional Deutschland mit der Nationalmannschaft verbunden ist. Die Einschaltquoten und Umfragewerte zeigen, dass unser Team das höchste Interesse weckt, und das beschränkt sich ja nicht auf den Fußball, sondern wird sogar zu einem gesellschaftlichen Ereignis.“

Was bedeutet das für die Gespräche mit den Partnern?

Bierhoff: “Das ist eine optimale Ausgangsposition für uns. Wir werden abwägen, was langjährige Partnerschaften und Treue bedeuten, aber auch den Marktwert mit anderen Unternehmen vergleichen müssen. Bayern München hat es oft gut vorgemacht - mit Rekordumsatzzahlen und trotzdem Treue in gewissen Partnerschaften. Natürlich haben wir immer auch Leistungen im Sinne unserer Partner zu bringen.“

Ist Michael Ballack ein Pechvogel oder der Verlierer des WM-Jahres?

Bierhoff: “Er ist auf gar keinen Fall ein Verlierer. Er hatte enormes Pech und arbeitet schon wieder hart. Der WM-Ausfall war ein herber Schlag für ihn als Kapitän und Aushängeschild, denn er wollte in Südafrika eine erfolgreiche letzte WM spielen. Und auch in der Bundesliga wollte er es nach seiner Rückkehr noch einmal zeigen. Aber ich denke, er wird sich wieder herankämpfen und hat klare Ziele.“

Ballack hat 98 Länderspiele für Deutschland bestritten. Glauben Sie, dass er die 100 noch vollmachen wird?

Bierhoff: “Davon bin ich überzeugt!“

Die Konkurrenz ist auch für Ballack größer geworden. Könnte eine Befreiung von der Kapitänsbinde es ihm womöglich leichter machen, weil er sich dann ganz auf sich selbst konzentrieren könnte?

Bierhoff: “Wichtig ist erst einmal, dass Michael fit wird und wieder im Verein seine Leistung bringt. Nach so einer schweren Verletzung muss es die erste Priorität sein, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Aufgrund seiner Persönlichkeit und seines Namens wird es bei Michael Ballack aber immer wieder Diskussionen geben, ob er Kapitän ist oder nicht. Er steht immer im Fokus.“

Was bedeutet das für die sportliche Leitung und die Mannschaft?

Bierhoff: “Wichtig ist, dass die Mannschaft und wir ihm den Druck nehmen. Und es wird im Miteinander auch wichtig sein, zu zeigen, dass es nicht um ein Kapitäns-Gerangel geht.“

Kann Ballacks Comeback zu einer Belastungsprobe werden?

Bierhoff: “Die Mannschaft ist gefestigt. Michael wird sich so integrieren wie zuvor auch. Natürlich wird es einen Konkurrenzkampf geben. Im defensiven Mittelfeld haben Schweinsteiger und Khedira gespielt, teilweise auch Toni Kroos. Auch Simon Rolfes kommt zurück, der zudem ein Konkurrent in Leverkusen ist. Das ist aber eben auch hohe Motivation für hohe Leistungen. Das ist für alle von Vorteil. Der muss zum Wohl des Teams kanalisiert werden.“

Sie waren oft Reizfigur und Prügelknabe, gerade auch während der zunächst gescheiterten Vertragsverhandlungen mit dem DFB. Täuscht der Eindruck, dass sich das etwas zu verändern scheint?

Bierhoff: “Wenn man Dinge bewegen und voranbringen will, muss man auch einmal reizen und Leuten auf die Füße treten. Ich sehe das als Teil meiner Funktion. Viele Diskussionen sind emotional statt sachlich geführt worden. Ich habe mich aber nach der WM bei Themen wie der U 21 zurückgehalten. Da wurde ich oft als Schwarzer Peter vorgeschoben, weil sich in sportlichen Entscheidungen auf anderen Ebenen nicht geeinigt werden konnte. Ich konzentriere mich auf die Arbeit mit der Nationalmannschaft - und die läuft außerordentlich gut.“

Klaus Bergmann, dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare