Eintracht und die Corona-Krise

Eintracht-Welt ist aus den Fugen

Tief getroffen: Frankfurts Kapitän David Abraham. dpa
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Tief getroffen: Frankfurts Kapitän David Abraham. dpa

Die besonderen Umstände der Corona-Krise lassen Eintracht Frankfurt konsterniert zurück.

In Zeiten wie diesen, da die Unsicherheit mit jeder Stunde wächst, machen natürlich auch die Vereine der Fußballbundesliga die Schotten dicht. Training findet schon lange nur noch im Geheimen statt, Publikumsverkehr ist verpönt, die Spiele fanden ohne Fans statt und sind nun erst einmal ausgesetzt; Versammlungen, zu denen mehr als ein Dutzend Leute kommen würden, werden kurzerhand abgesagt. 

Eintracht Frankfurt hat am Freitag die angesetzte Spieltagspressekonferenz abgeblasen, nicht weil die Partie gegen Mönchengladbach da schon ins Wasser gefallen war, sondern wegen „des Aufrufs der Bundesregierung, wegen des Coronavirus bis auf Weiteres auf jegliche Veranstaltungen mit Menschenansammlungen zu verzichten und soziale Kontakte einzuschränken“. Stattdessen beantwortete Trainer Adi Hütter die von den Journalisten schriftlich eingereichten Fragen in einer Videobotschaft. Eine Welt aus den Fugen.

Der Sport tritt in Corona-Zeiten in den Hintergrund – auch bei Eintracht Frankfurt

Der Sport ist nicht nur bei Eintracht Frankfurt in den Hintergrund gedrängt worden, das liegt in Krisenzeiten ja in der Natur der Sache. Coach Hütter wirkte nach dem 0:3-Debakel am Donnerstag in der Europa League gegen den international eher zweitklassigen FC Basel schwer angeschlagen. „Ich bin, genauso wie andere, vielleicht auch ein bisschen überfordert“, räumte der 50-Jährige nach dem Geisterspiel unumwunden ein.

Dass die Eintracht de facto vor dem Aus steht und ein Einzug ins Viertelfinale nach dieser unerwarteten Packung fast schon utopisch erscheint, fällt unter den gegebenen Umstände gar nicht so sehr ins Gewicht. Zumal sowieso niemand weiß, ob der Wettbewerb überhaupt fortgesetzt und beendet werden kann. Das Rückspiel, das ursprünglich am kommenden Donnerstag erneut in Frankfurt hätte ausgetragen werden sollen, fällt definitiv aus. Die Uefa hat ihre Wettbewerbe, also Champions und Europa League, gestoppt und auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Ob jemals ein Sieger ermittelt wird? Wer weiß es schon.

Coronavirus: Verunsicherung bei Eintracht Frankfurt mit Händen zu greifen

In Frankfurt war die Verunsicherung der Beteiligten jedenfalls mit den Händen zu greifen, weshalb auch eine sportliche Bestandsaufnahme schwierig ist und unter dem Gesichtspunkt der widrigen Gegebenheiten gesehen werden muss. Sicher ist, dass sich einige Spieler nicht wohl fühlten in ihrer Haut und in Sorge waren. „Vielleicht hatte der eine oder andere ein nicht so gutes Gefühl“, gab Hütter zu bedenken. Einige Fußballer hätten es, wie die FR erfuhr, sogar vorgezogen, nicht anzutreten, die Sportliche Führung aber hat die Profis zu einem Einsatz aufgefordert. Ein fragwürdiges Vorgehen, besser wäre gewesen, es jedem Akteur freizustellen, ob er hätte auflaufen wollen oder nicht. Konfus, verhuscht, kraftlos – so trat die Mannschaft denn auch auf dem Spielfeld auf. Kein Wunder.

Die Protagonisten wirkten nach dieser seltsamen Veranstaltung reichlich konsterniert, was nicht nur mit dem ernüchternden Resultat zusammenhing. „Es wird viel Angst gemacht“, sagte Torwart Kevin Trapp: „Keiner weiß so richtig, was mit dem Virus passiert und was es alles anstellt. Das ist eine unangenehme Situation. Aber wir dürfen nicht aufhören, zu leben.“

Ähnlich sah es der Schweizer Mittelfeldspieler Djibril Sow, der an den Begleitumständen der Klatsche zu knabbern hatte. „Es ist natürlich nicht hilfreich, wenn du alle zehn Minuten etwas Neues darüber liest.“ Mitstreiter Sebastian Rode plädierte dafür, die Wischiwaschi-Taktik seitens des Verbandes aufzugeben. „Man versucht, sich auf den Fußball zu konzentrieren, aber man hat keine Planungssicherheit.“ Jetzt schon. Die DFL sagte am Freitagnachmittag alle Bundesligaspiele bis mindestens 2. April ab, also auch das Eintracht-Heimspiel am Sonntag gegen Borussia Mönchengladbach und die Auswärtspartie bei Bayern München am Sonntag in einer Woche.

Eintracht Frankfurt: Corona-Tests für alle Spieler

Trainer Hütter, der sein Baseler Pendant Marcel Koller am Donnerstag nicht per Handschlag, sondern mit dem sogenannten Coronagruß (Ellenbogen an Ellenbogen) willkommen hieß, steht der allgemeinen Irritation einigermaßen ohnmächtig gegenüber. „Wir sind immer nur Beifahrer in dem Ganzen.“ Dass die Spiele jetzt erst einmal ausgesetzt werden, begrüßt der 50-Jährige. „Alles andere hätte keinen Sinn gemacht.“

Corona-Tests werden nun in absehbarer Zeit für die Spieler angeordnet, obwohl niemand im Team oder im direkten Umfeld typische Symptome aufweise, wie die Eintracht mitteilte. Die Frage wird sein, ob nicht irgendwann, je nach aktueller Entwicklung, das Training ausgesetzt wird. Auch darüber konnte der Klub noch keine Angaben machen.

Hütter ist froh, nicht mehr in Geisterspielatmosphäre antreten zu müssen. Die Partie am Donnerstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit sei eine unschöne Erfahrung gewesen. „Fußball macht so keinen Spaß“, sagte der Österreicher, wollte das aber nicht als Ausrede verstanden wissen. Seine Mannschaft sei in der Europa League einen „sehr weiten Weg gegangen“, hat die Qualifikation gespielt und sich durch die Gruppenphase gemüht, hat den FC Salzburg ausgeschaltet, um sich dann vor leeren Rängen vom Tabellendritten der Schweizer Liga auseinanderschrauben zu lassen. „Es ist sehr traurig und schade, dass wir dann unter diesen Voraussetzungen antreten mussten“, bekundete Hütter.

SGE-Trainer Hütter erinnert an das Berufsethos

Dem Team, das so extrem von seinen frenetischen Fans lebt und von ihnen in der vergangenen Saison durch ganz Europa getragen wurde, habe die Unterstützung von den Rängen gefehlt, es sei ein merkwürdiger Kick „ohne Emotionen“ gewesen.

Inmitten dieser großen gesellschaftlichen Krise erinnert der Fußballlehrer an das Berufsethos. „Wir hatten nicht die einhundertprozentige Professionalität für so ein Spiel, ich appelliere an die Professionalität.“ Das ist in diesen Tagen der Angst nicht so einfach.

Vor Adi Hütter war am Donnerstag der Sieger des Abends, Marcel Koller, aufs Podium getreten, dunkler Anzug, dunkle Krawatte, der Baseler Coach sah aus, als sei er auf dem Weg zu einer Trauerfeier. Eine Frage zum triumphalen 3:0-Erfolg seiner Elf bei Eintracht Frankfurt durfte er nicht beantworten. Es ging nur um Corona.

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