Halbfinalniederlage

Löw gibt den Schlüssel aus der Hand

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„Man kann hinterher immer sagen, vielleicht hätte man dieses oder jenes machen können“: Bundestrainer Joachim Löw.

Warschau - Die taktische Ausrichtung gegen Italien wird heiß diskutiert. Aber das Können des Bundestrainers steht außerhalb jedes Zweifels.

Natürlich wusste Joachim Löw, dass er und sein Bauchgefühl auch diesmal das Thema sein würden. In den vergangenen Wochen hat der deutsche Bundestrainer Fans, Experten und manchmal auch die eigenen Spieler mit seinen Ideen verblüfft, die sich fast wie auf wundersame Weise alle als Glücksfälle entpuppten. Die Frage, ob dieser Fußballtrainer zaubern kann, wurde durchaus ernsthaft diskutiert, Löw war der Mann, der alles richtig macht.

Doch über Richtig oder Falsch entscheidet beim Fußball einzig und allein das Ergebnis, und das 1:2 der deutschen Nationalmannschaft im EM-Halbfinale gegen Italien ließ in dieser Hinsicht wenig Interpretationsspielraum. Löw hatte in Warschau nicht so spektakulär umgestellt wie vor dem Viertelfinale gegen Griechenland (4:2), aber sein Plan hatte das deutsche Spiel wesentlich mehr beeinflusst. Beim Abwägen zwischen Mario Gomez und Miroslav Klose ist es meist eine Frage des Gefühls, wen man gegen welchen Gegner besser gebrauchen kann. Löw entschied sich für Gomez’ Wucht und gegen Kloses Beweglichkeit, das erscheint auch mit etwas Distanz immer noch einen Versuch wert, auch wenn er es nach der Pause genau andersherum versuchte.

Der Bundestrainer nahm jedoch eine weitere Korrektur vor, und mit der gab er gegen die Italiener den Schlüssel zum Finale aus der Hand.

Hatte Löw nicht vor der Partie gesagt, dass er sich nicht nach den Italienern richten, sondern selbst die Initiative ergreifen wolle? Und dann machte er genau das Gegenteil, brachte erstmals bei der EM Toni Kroos von Beginn an und positionierte ihn im zentralen Mittelfeld, um die Italiener dort aus dem Rhythmus zu bringen. „Wir wollten die Zentrale stärken gegen Andrea Pirlo und Daniele De Rossi“, sagte Löw, „wir wollten diese Spieler früh stören.“

Doch das klappte in keiner Phase des Halbfinales und hatte gravierende Nebenwirkungen für die eigene Mannschaft. Mesut Özil, sonst bei der EM oft eine zweite Spitze, sah sich viel zu oft nach rechts gedrängt. Sami Khedira versuchte überall, Löcher zu stopfen, was auch damit zu tun hatte, dass Nebenmann Bastian Schweinsteiger mehr mit sich zu kämpfen schien als mit Pirlo. Und Kroos? Ja, der zeigte einige Male, dass er einen guten Schuss hat, und sonst viel zu oft, dass ihm das Mitreißende, das Feuer, fehlt.

Ob er alles noch einmal so machen würde, wurde Löw nach dem Aus gefragt. Er sah müde aus, fast ein bisschen gealtert, als er antwortete, dass „man hinterher immer sagen kann, vielleicht hätte man dieses oder jenes machen können“. Er musste das Wort „Fehler“ gar nicht benutzen. An seinem Gesichtsausdruck war abzulesen, dass Löw diese Idee nicht noch einmal wiederholen würde, wenn heute oder morgen das Halbfinale noch einmal neu auf dem Spielplan stünde.

Über vieles wird noch lange diskutiert werden: zum Beispiel, ob Schweinsteiger tatsächlich physisch und psychisch auf der Höhe war für eine solche Partie. Und ob der Bundestrainer hätte erkennen müssen oder können, dass Schweinsteiger in dieser Form keine Hilfe ist. Es darf gerätselt werden, was gegen Italien mit Lukas Podolski los war, der praktisch gar nicht stattfand, oder ob mit dem frechen Marco Reus, offensichtlich in bester Verfassung, vieles anders gelaufen wäre gegen die cleveren Italiener. Auch über die Frage, ob Jérôme Boateng wirklich eine gute Turnierlösung war hinten rechts, darf nachgedacht werden.

Unter dem Strich aber hat Löw recht, wenn er sagt, dass hinterher alle immer schlauer sind. Der 52-Jährige hatte mutig etwas ausprobiert, er hatte damit nichts anders gemacht als in den vorausgegangenen vier EM-Spielen. Er hatte damit diesmal nur keinen Erfolg.

Die Konkurrenz wird beruhigt feststellen, dass Joachim Löw doch kein Magier ist. Er selbst übrigens hat das weder behauptet noch geglaubt. Löw ist einfach nur ein sehr guter Trainer. Über diesen Satz muss Fußball-Deutschland nicht diskutieren.

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