HSV in der Krise

Hamburger Chaostage

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Foto: Sichtlich erschrocken über die eigene Hilflosigkeit: Für Rafael van der Vaart und den Hamburger SV geht es ab sofort um den Klassenerhalt – die Träume vom Europapokal sind vorerst abgehakt.

Hamburg - Rafael van der Vaart hatte es eilig. Mit schnellen Schritten durchquerte er die Interviewzone im Erdgeschoss des Hamburger Fußballstadions. Ein paar Leute hätten ihm nach der Niederlage gegen Werder Bremen gerne ein paar Fragen gestellt, doch van der Vaart schüttelte bloß den Kopf. Nein, heute nicht, keine Lust.

Die Flucht des Kapitäns passte zu seinem Auftritt in den vorausgegangenen 90 Minuten und zu dem des HSV allgemein. Fast wehrlos hatten sich der Kapitän und seine Mannen im prestigeträchtigen Derby ihrem Schicksal ergeben. „Es ist beängstigend, was wir abgeliefert haben“, sagte Heiko Westermann sichtlich erschrocken über die eigene Hilflosigkeit, hatte aber zumindest einen klaren Blick dafür behalten, was auf die Hanseaten zukommt. „Jetzt geht es gegen den Abstieg, jetzt geht es um die Existenz“, sagte er.

Von den großen Ambitionen, mit denen die Hamburger in die Saison gestartet waren, von den Europapokal-Träumen, ist nichts mehr übrig. Der HSV im Herbst 2013 gibt ein Bild des Jammers ab, und das gilt nicht nur für die Leistung der Mannschaft auf dem Rasen. Die Suspendierung der Mallorca-Reisenden Dennis Aogo und Tomas Rincón, der Ärger um die aussortierten Spieler Paul Scharner und Gojko Kacar, der polternde Unternehmer Klaus-Michael Kühne und die Entlassung von Trainer Thorsten Fink nach der Niederlage in Dortmund – der HSV hat in den vergangenen Wochen mehr Negativgeschichten produziert als andere Klubs in einem ganzen Jahrzehnt.

Und dann gelingt dem HSV nicht mal eine geräuschlose Trainersuche: Am Sonnabend gab der Niederländer Bert van Marwijk, einst Trainer von Borussia Dortmund und der niederländischen Nationalmannschaft, im Heimatfernsehen die angebliche Einigung mit den Hanseaten bekannt, berichtete über angebliche Vertragsdetails wie zwei Jahre Laufzeit mit Option auf ein weiteres Jahr und sprach voller Verzückung über den neuen Arbeitgeber: „Der HSV hat ein prächtiges Team mit einer großen Tradition und einem schönen Stadion.“ Nur: Der HSV wollte die Einigung nicht bestätigen. Stattdessen machten am Sonntag Gerüchte die Runde, der Schweizer Christian Gross sei der neue Favorit auf den Posten, und Sportchef Oliver Kreuzer musste Meldungen dementieren, er sei für ein gemeinsames Treffen mit Gross in die Schweiz geflogen. Fest steht nur: Im Pokalspiel morgen gegen Greuther Fürth wird wie gegen Werder Rodolfo Cardoso auf der Bank sitzen.

Was der Verein dringend bräuchte, wäre Ruhe, aber die wird vorerst nicht einkehren. Der Machtkampf zwischen Investor Kühne auf der einen sowie Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow und Sportchef Kreuzer auf der anderen Seite wird den HSV auch in den nächsten Monaten in Atem halten. Im Kern geht es um die Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein, wie es auch bei Hannover 96 geschehen ist. Kühne fordert eine entsprechende Strukturreform und stellt dafür in Aussicht, was Jarchow und Kreuzer nicht haben, um den Verein auf Kurs zu bringen: Geld.

25 Millionen Euro würde Milliardär Kühne aus seinem Privatvermögen lockermachen, wenn Felix Magath Chef der neuen Profiabteilung würde. Jarchow, so hat Kühne bereits erklärt, könne dann ja Chef des Gesamtvereins werden; für Kreuzer, den der Unternehmer bei anderer Gelegenheit schon mal als Drittliga-Manager bezeichnet hat, müsse dann eine andere Verwendung gefunden werden. Im Klartext: Das Duo würde bei einer Reform seine Jobs verlieren. Bei der Mitgliederversammlung im Januar soll über die Reform entschieden werden. Viel Zeit, in der weitere Schäden nicht auszuschließen sind.

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