Fußball

Sechs Stars und das Leben nach der Weltmeisterschaft

- Die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika war das Sportereignis 2010. Ihre Stars haben die Welt begeistert, man erinnert sich an ihre Tore, ihre Tricks – oder manchmal auch nur an ein Handspiel. Unser WM-Reporter Heiko Rehberg hat geschaut, was aus den Helden von Südafrika nach dem Turnier geworden ist. Sechs Hauptdarsteller und ihre Zeit danach, verbunden mit einem kurzen Ausblick in die Zukunft.

Herr Schweini

Der „kicker“ hat ihn zum „Mann des Jahres 2010“ gemacht, ganz ohne Wahl und Jury. Es handelt sich trotzdem um eine gute Wahl. Bastian Schweinsteiger war die Fußballentdeckung des Jahres, was erst einmal merkwürdig klingt für einen Spieler, der bereits vor der WM in Südafrika vier große Turniere (EM 2004 und 2008, Konföderationenturnier 2005 und WM 2006) bestritten hatte.

Der gute Fußballer Schweinsteiger musste in Südafrika nicht entdeckt werden. Er selbst musste sich entdecken, auf einer neuen Position und mit einer neuen Ernsthaftigkeit, um zum Weltklassespieler zu werden. Und das ist er mit mittlerweile 26 Jahren, 233 Bundesligaspielen und 84 Länderspielen.

Schweinsteiger gelang nach der WM das Kunststück, seine Form zu halten. Dass die Bayern in der Bundesliga hinter Hannover 96 stehen, hat nichts mit Schweinsteiger zu tun. Keiner hatte im Jahr 2010 mehr Ballkontakte in der Bundesliga, exakt 2914 haben Statistiker gezählt, und man möchte gar nicht wissen, wie sie das gemacht oder ob sie sich auch mal verzählt haben. Mit dem Eindruck, den man auf der Tribüne bekommt, deckt sich die Statistik: Schweinsteiger dominiert wie kein anderer in Deutschland ein Spiel mit Präsenz, Einsatz, Laufbereitschaft und Technik.

Vor ein paar Tagen belohnte der FC Bayern Schweinsteigers Klasse mit einem neuen Vertrag, der ihm bis 2016 jedes Jahr zehn Millionen Euro Gehalt einbringen wird. Damit verdient er jetzt mehr als sein Trainer, der sich dafür etwas erlaubt, was selbst der Boulevard nur noch in Ausnahmefällen macht: Herr Schweinsteiger wird von Louis van Gaal noch „Schweini“ genannt, „obwohl ich weiß, dass er das nicht will“.

Tore mit Biss

In der Rolle des Bösewichts kennt er sich aus. Luis Suarez war einer der besten Stürmer in Südafrika, wendig, trickreich, torgefährlich, bis er im WM-Viertelfinale gegen Ghana als Volleyballer Schlagzeilen machte. In der Nachspielzeit der Verlängerung schlug der Mann aus Uruguay einen Kopfball von Asamoah Gyan mit den Händen von der Torlinie und wurde damit in ganz Afrika zum Buhmann. Dabei hatte Suarez nur das gemacht, was vermutlich jeder Profi getan hätte: Er hatte die winzige Chance ergriffen, ein Ausscheiden zu verhindern; die Chance, dass Ghana den fälligen Elfmeter verschießt. Genau das trat ein, und als Uruguay ohne Suarez, der für seine Aktion die Rote Karte gesehen hatte, das Elfmeterschießen gewann, fühlte sich Afrika betrogen.

35 Treffer in 33 Ligaspielen hatte er in der Vorsaison für seinen Klub Ajax Amsterdam geschossen, eine phantastische Bilanz. Nach der WM schien Suarez seiner Spezialität, dem Toreschießen, unbeeindruckt nachzugehen. Er traf nicht mehr nach Belieben wie vorher, aber sieben Tore schienen ausbaufähig, als Suarez Ende November beim Spiel gegen Eindhoven seinem Kontrahenten Otman Bakkal in die Schulter biss und dafür eine umwerfend komische Erklärung fand: Reisestrapazen. Wie bitte?

Ja. Reisestrapazen. „Ich war in den letzten Tagen viel unterwegs und bin etwas müde“, sagte er und bedauerte die Aktion ausdrücklich nicht. Obwohl Suarez nicht einmal die Gelbe Karte sah, suspendierte ihn Ajax für zwei Spiele – und der niederländische Verband packte noch mal fünf Spiele Sperre drauf. Bis Februar 2011 bleibt seine Torfabrik geschlossen. Zeit zum Nachdenken für einen jungen Mann, auf den mit 23 Jahren noch die große Fußballwelt wartet, wenn er aus seinen Fehlern lernt.

Ohne Bremsen

Die Meldung kam am Donnerstag auf den Nachrichtentisch, ohne eine gewisse tragische Komik ist sie nicht: Kevin-Prince Boateng , berühmt geworden durch eine Verletzung, die er verursacht hat, fällt für unbestimmte Zeit verletzt aus. Er leidet an einer Pubalgie, besser bekannt als Schambeinentzündung.

Es ist eine harmlos klingende Sportverletzung, die schmerzhafte Folgen haben kann. So wie Boatengs Foul im Mai an Michael Ballack, das dem deutschen Nationalelfkapitän die WM kostete. Boateng bestätigte damals das Bild, das man aus seiner Zeit bei Hertha BSC und Borussia Dortmund von ihm hatte: großes Talent, große Klappe, schlechtes Benehmen. Und weil sich Boateng, anders als sein Halbbruder Jerome, dafür entschieden hatte, für Ghana Fußball zu spielen, bekam sein böser Tritt eine besondere Bedeutung: Ghana war schließlich in Südafrika ein deutscher Vorrundengegner.

Deutschland gewann die Partie in Johannesburg mit 1:0, Ghana verlor und kam trotzdem weiter – und Kevin-Prince Boateng erhielt die Chance, den Menschen ein anderes Bild von sich zu zeigen: das eines mannschaftsdienlichen Profis. Nach der WM bestätigte der 23-Jährige den Eindruck. Nach seinem Wechsel vom FC Portsmouth wurde er beim AC Mailand Stammspieler, kam zu 15 Einsätzen in der Serie A, mit dem Klub ist er Tabellenführer, wegen seiner Dynamik wird er dort „Treno senza freni“ genannt, Zug ohne Bremsen. Dass er dem FC Genua gehört, von dem er nur ausgeliehen ist, passt zu Boatengs Geschichte. Sie war bislang verwirrend. 2011 will Boateng ankommen. „Milan“ möchte ihn kaufen.

Formfehler

Wer Mitte Dezember im dichten Schneetreiben von Leverkusen den Durchblick behielt, für den gab es im Europa-League-Duell zwischen Bayer 04 und Atletico Madrid ein Wiedersehen mit dem Mann, der in Südafrika zum besten Spieler des Turniers gewählt worden war: Diego Forlan .

Der Uruguayer trug nicht das himmelblaue Trikot seines Landes, sondern das rot-weiß-gestreifte von Atletico, aber das war gar nicht der entscheidende Unterschied: Forlan, der während der WM mit einer Leichtigkeit geglänzt hatte und mit einer raffinierten Schusstechnik, die für jeden Torwart ein Albtraum ist, vergab in der 1. Halbzeit gleich dreimal große Gelegenheiten. Mit zwei Toren hatte er Atletico vor der WM zum Europa-League-Sieg geschossen, jetzt schied der Titelverteidiger sang- und klanglos aus. Und Forlan, der Held in Südafrikas Winter, erinnerte wieder an jenen Spieler, der vor acht Jahren zu Manchester United gewechselt und dort als „Chancentod“ verhöhnt worden war.

Manchester-Fans hatten damals ein T-Shirt drucken lassen, auf dem stand: „Ich war dabei, als Forlan ein Tor schoss.“ In Spanien, erst bei Villareal und dann bei Atletico, blühte Forlan wieder auf, und wahrscheinlich tappte er nach dem Turnier seines Lebens in die Falle, die bei jedem Aufstieg auf der Treppe nach oben liegt: Forlan schien Atletico auf einmal als zu klein anzusehen für einen WM-Superstar. Ein Wechsel zum Stadtrivalen Real war im Gespräch, auch eine Rückkehr nach England. Verloren ging darüber seine Form, Atleticos 3:0-Sieg in Malaga fünf Tage vor Weihnachten verfolgte Forlan 90 Minuten von der Ersatzbank. Mittlerweile hat er angekündigt, seine Karriere bei Atletico beenden zu wollen, und vielleicht kehrt mit der Ruhe auch die Klasse zurück. Dann wird das nächste Wiedersehen im kommenden Jahr eine helle Freude: am 29. Mai beim Gastspiel von Uruguay in Deutschland.

Opfer des Preissturzes

Um zu sehen, wie es Zakumi nach der WM ergangen ist, reicht ein schneller Blick in einen der unzähligen Internet-Verkaufsshops. Dort wird Zakumi, das Maskottchen des Turniers, zumindest die 22 Zentimeter große Variante, 100 Prozent Polyester, statt für 14,95 Euro jetzt für 9,98 Euro angeboten. Nächstes Jahr wird man Zakumi wahrscheinlich für 2,98 Euro bestellen können und bekommt noch einen Goleo, Zakumis Vorgänger von der WM 2006, gratis dazu.

Die Fußballwelt ist seit der Erfindung des Maskottchens 1966 (World Cup Willie, ein Löwe) ungerecht zu ihren Botschaftern aus Stoff. Ständig wird an ihnen herumgemäkelt, meistens zu recht, erinnert sei nur an Nik, Ato und Kaz von der WM 2002, die aussahen wie nach einem Atomunfall, die kleine Orange Naranjito von der WM 1982, die rammdösigen Tip und Tap von der WM 1974 und Slavek und Slavko, deren Einsatz bei der Europameisterschaft 2012 bevorsteht, deren erste Auftritte in diesem Jahr aber schon jetzt versprechen, dass sich alle Kritiker bei Goleo und Zakumi noch entschuldigen werden müssen.

Lediglich Berlino, Leichtathletik-WM-Botschafter der deutschen Hauptstadt, schaffte es irgendwie, ein Star und beliebt zu werden.

Zakumi dagegen hatte nie eine Chance, berühmt zu werden. Der Leopard mit grünen Haaren und braunen Punkten (aber immerhin mit Hose!) wurde in Südafrika nämlich versteckt gehalten. Beim Torjubel auf der Anzeigentafel sah man ihn, im Stadion aber war er praktisch unsichtbar.

Vielleicht war das aber auch besser so.

Tshabalalas Tor

Allein dieser Name. Man möchte ihn nach dem Lesen oder Hören am liebsten singen, so schön ist er. Lawrence Siphiwe Tshabalala . Er hat bei der WM in Südafrika ein besonderes Tor geschossen. Das erste Tor. Und er hat später gesagt, dass dieser Treffer „ein riesiges Geschenk für mich war“.

Auch Tshabalalas Geschichte ist nicht alltäglich. Er wurde im Johannesburger Stadtteil Soweto geboren, „dort habe ich viel gelernt, nicht nur über den Fußball, sondern fürs Leben“. Das erste Tor der WM war Tshabalalas sechster Treffer überhaupt für Südafrika, Toreschießen ist nicht seine große Stärke. Aber der Fußball ist manchmal so, er komponiert Geschichten, die niemand erfinden könnte, zum Beispiel Tshabalalas mit der Überschrift: „Junge aus dem Township schießt erstes WM-Tor“.

Tshabalala wurde Anfang Dezember zu Südafrikas Fußballer des Jahres gewählt. Und trotzdem ist er nicht weitergekommen. Vor allem nicht weg. Englische Klubs hatten Interesse an ihm, im Internet wurde auch Hannover 96 unterstellt, ein Auge auf ihn geworfen zu haben, aber Tshabalala spielt immer noch bei den Kaizer Chiefs in Südafrika. Er ist jetzt 26, er weiß, dass mit jedem Monat, an dem die WM ein Stück mehr Erinnerung wird, seine Chancen auf einen Wechsel nach Europa schrumpfen. 2011 soll es klappen. Wer es so weit geschafft hat, der verliert den Glauben daran nicht.

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