Nationalmannschaft

Warum hat es wieder nicht mit dem Titel geklappt?

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Aufstehen, dann geht's weiter: Nach der EM ist vor der WM.

Warschau - Nach der Halbfinalniederlage gegen Italien bleibt das Gefühl, dass für die deutsche Mannschaft mehr möglich gewesen wäre. Eine Analyse.

Alle, alle wollen nach einem solchen Fußballballspiel immer wissen, wie es in der Kabine aussieht. Die Kabine ist im Fußball der vielleicht letzte Ort, zu dem die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat, in den die unzähligen Kameras, denen sonst nichts entgeht von dem, was auf und neben dem Platz passiert, nicht schauen dürfen. Der Wunsch hat trotzdem nichts Voyeuristisches, es ist die reine Neugierde, wenigstens für einen Augenblick dorthin mitgenommen zu werden, wo sonst eine Tür den Blick versperrt.

Joachim Löw nahm die vielen Millionen deutschen Fußballfans nach dem Europameisterschafts-Halbfinalaus gegen Italien in gewisser Weise mit hinter die Tür des Warschauer Nationalstadions, als er von den Minuten nach der 1:2-Niederlage erzählte. „In der Kabine fließen Tränen, keiner sagt ein Wort, es ist mucksmäuschenstill“, sagte Löw, und die Worte fielen ihm schwer, am liebsten wäre auch er mucksmäuschenstill geblieben in diesem Moment.

Ein Traum war ein paar Minuten vorher geplatzt. Ein Traum, von dem er und seine Spieler die feste Überzeugung hatten, dass er sich am Sonntag in Kiew erfüllen würde. Die Sehnsucht, erstmals nach 1996 wieder einen Titel gewinnen zu können, hat Spieler und Trainer getragen durch die vergangenen 50 Tage, doch statt zum EM-Finale in die ukrainische Hauptstadt ging es am Freitagmittag zurück nach Frankfurt. Der gebuchte Flug nach Kiew war noch am Abend zuvor storniert worden, während Löw in Warschau den einzigen Satz sagte, der ihm etwas böser geriet: „Man kann einen Titel nicht herbeireden.“

Es wird ein paar Tage dauern, bis die Dimension der Niederlage tatsächlich zu erkennen ist. Ein Halbfinalaus gegen Italien ist ja trotz des verpassten Ziels kein Untergang für die Fußballnation, so wie es 2004 nach der EM in Portugal schien, wo die deutsche Mannschaft nach dem Vorrunden­aus nicht nur ohne Trainer, sondern im Grunde auch ohne jegliche Perspektive dastand. Es war die Zeit, als Löws Abenteuer mit der Nationalelf begann, damals noch als Assistent von Jürgen Klinsmann.

Der Abend von Warschau hat trotzdem eine besondere Tragik, die keiner besser zusammenfasste als Philipp Lahm: „Das Bitterste ist“, sagte der Kapitän, „in unserer Mannschaft steckt so viel Potenzial für mehr.“ Es war das Gefühl, aus den eigenen Möglichkeiten, aus der großen spielerischen und offensiven Klasse zu wenig gemacht zu haben, das schmerzte.

Nach 15 Pflichtspielen mit 15 Siegen, nach teilweise betörend schönem Fußball, hatte die deutsche Mannschaft im Halbfinale die Ohnmacht erfasst gegen Italiener, die „überragend stark“ (Löw) waren mit dem genialen Andrea Pirlo, dem unberechenbaren zweifachen Torschützen Mario Balotelli, dem eine fast schon unverschämte Ruhe ausstrahlenden Torwart Gianluigi Buffon. Aber so chancenlos, wie sie tatsächlich waren - und darüber verrät das knappe Ergebnis wenig -, hätten die Deutschen eigentlich nicht sein dürfen, denn sie haben auch wunderbare Spieler, vielleicht sogar mehr davon als die Italiener. Aber das erste Mal bei diesem Turnier, nach Siegen gegen Portugal (1:0), die Niederlande (2:1), Dänemark (2:1) und Griechenland (4:2), fanden diese Spieler nicht zu einer Mannschaft zusammen. „Wenn man sein Potenzial nicht abrufen kann, verliert man so ein Spiel“, sagte Lahm.

Es gibt ein paar einfache Erklärungen wie die von Lahm für das Stolpern beim vorletzten Schritt. Bereits in den ersten vier Spielen hatte sich die Mannschaft kleinere Fehler geleistet, aber sie waren ohne Folgen geblieben, weil es keinen Gegner gab, der sie bestrafte. Wer gegen Italien Fehler macht, dazu noch schwere wie vor den Gegentoren, der gerät in eine Situation, die ausweglos werden kann, wenn man nach einem 0:2-Rückstand nicht schnell Anschluss findet. Als Mesut Özil per Elfmeter traf, lief die Nachspielzeit.

Doch zu den individuellen Fehlern gesellten sich im Halbfinale Fehler im System. Das erste Mal während der EM hatte Löw seine Elf durch Veränderungen nicht besser, sondern schlechter gemacht. Der Plan, mit dem erstmals von Beginn an eingesetzten Toni Kroos die Hoheit im Mittelfeld zu gewinnen, scheiterte grandios. „Ich übernehme die Verantwortung für die Niederlage“, sagte der Bundestrainer am Freitag mit etwas Abstand.

Vielleicht hatte Löw seiner Mannschaft diesmal zu viel zugemutet, möglicherweise wäre auch das noch irgendwie gut gegangen, wenn nicht Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Özil oder Lukas Podolski weit, weit von ihrer Bestform entfernt gewesen wären. Schweinsteiger, der antreiben sollte und führen wollte, konnte einem fast leid tun, wenn man den Schweinsteiger von der WM 2010 vor Augen hat. Damals war er in jedem Spiel vorangegangen, diesmal trottete er mutlos hinterher. Er war es, den man in Warschau hätte mitreißen müssen, doch bis auf Sami Khedira, den besten deutschen Spieler in den Tagen in Polen und der Ukraine, war dazu gegen Italien niemand in der Lage.

Löw wird das alles analysieren, die wichtigste Antwort auf die größte Frage findet er aber eventuell gar nicht in den Videoausschnitten des Halbfinales. Es ist die Frage, warum wie bei der WM 2006, bei der EM 2008 und der WM 2010 der Spaß immer dann vorbei ist, wenn es ernst wird. Warum die Mannschaft, die sich enorm weiterentwickelt hat in diesen Jahren, ihre Leichtigkeit verliert, wenn sie das große Ziel bereits vor Augen hat. Ein Fehler wie von Mats Hummels vor dem 0:1 oder von Philipp Lahm vor dem 0:2 ist in der Analyse schnell entdeckt. Rauszukriegen, warum eine wunderbare Mannschaft im entscheidenden Moment aus ihrer Klasse zu wenig macht, wird etwas mehr Zeit beanspruchen.

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