Während sein Team den Sieg in Leverkusen ausgelassen feiert, genießt diesen der neue Trainer Markus Berchten still

Triumph mit einem Plastikbecher Bier

- Leverkusen/Bad Wildungen (jh). Für Torjägerin Cristina Mihai ist der Bad Wildunger Ligaerhalt nach dem 31:30 bei Bayer sicher.Während sein Team den Sieg in Leverkusen ausgelassen feiert, genießt diesen der neue Trainer Markus Berchten still

Während seine Spielerinnen ausgelassen den unerwarteten Auswärtscoup mit den begeisterten Fans feierten, wobei Torfrau Julia Gronemann auf dem Feld die „Humba“ anstimmte, schlich Berchten in die Kabine. Die Hände in den Hosentaschen und mit leicht gesenktem Haupt, sah der neue Trainer der HSG Bad Wildungen wahrlich nicht so aus, als hätte er gerade einen geglückten Einstand erlebt. Still genoss der Schweizer in der Umkleide den Sieg, der auch sein Triumph war, bevor er nach einigen Minuten wieder zurück in die Smidt-Arena kam, wie die altehrwürdige, 1974 erbaute Rundsporthalle seit 2009 heißt. In dem Bau, der besser unter dem Namen Wilhelm-Dopatka-Halle bekannt ist und in dem die Leverkusener Basketballer bis 1996 14 deutsche Meisterschaften feierten, hatten dieses Mal nur die Gäste Grund zum Jubeln.

„Der Bad Wildunger Sieg geht in Ordnung“, konstatierte die frustrierte TSV-Trainerin Renate Wolf, während sich Berchten nach der Pressekonferenz ein von einem Freund gereichtes Bier schmecken ließ. Während auf der gegenüberliegenden Seite der Bismarckstraße die Bay-Arena, in der die Leverkusener Fußballer spielen, von außen hell erleuchtet war, strahlte im Innern der 3500 Zuschauer fassenden Halle nur die Bad Wildunger Delegation, nachdem der Aufsteiger ein Ausrufezeichen gesetzt hatte.

„Nach 20 Minuten hätte niemand auf uns gewettet“, sagte Berchten nach dem ersten Schluck aus dem Plastikbecher in Anspielung auf den Sechs-Tore-Rückstand seiner Schützlinge zu diesem Zeitpunkt. Doch nicht weil Bayer so stark war, sondern weil Bad Wildungen in einem Spiel zweier bis dahin schwacher Mannschaften noch mehr Fehler machte und so Laura Steinbach und Co. zu Tempogegenstößen einlud, lag der Favorit mit 13:7 (21.) vorne. Erst als Mihai nach sieben Toren von Ruta Latakaite zum 8:13 (21.) traf und sie nach Miranda Robbens Tor zum 10:13 (23.) verkürzte, schienen die Gäste zu merken, dass Bayer gemessen an seinen Ambitionen eine unterirdische Vorstellung bot.

Auch Berchtens Maßnahme, Petra Diener im Tor beginnen zu lassen, ging nicht auf, während seine Entscheidung, die bisherige Edelreservistin Marinda van Cappelle in die Startsieben zu stellen und bis zur 15. Minute im Angriff durchspielen zu lassen, in der ersten Hälfte schlicht ein Fehlgriff war. Während sie in der Offensive keinerlei Gefahr ausstrahlte, kam die Holländerin in der Abwehr einige Male zu spät, befand sich dabei aber in guter Gesellschaft zu ihren Mitspielerinnen, die Leverkusen vor allem durch ihr viel zu langsames Rückzugsverhalten und zu wenig Aggressivität einfache Tore gestatteten.

„Ich weiß nicht, was Markus in der Halbzeit gesagt hat, weil ich als Torfrau in der Pause nicht in der Kabine bin, aber er muss die richtigen Worte gefunden haben“, zeigte sich die wie Latakaite überragende Keeperin Julia Gronemann von der immensen Leistungssteigerung des Neulings nach dem Wechsel „überrascht“. Die Halbzeitansprache „war keine Hexerei. Ich habe nur daran erinnert, was wir spielen wollten“, sagte Berchten. Er vergaß aber nicht, sein Team darauf hinzuweisen, dass es noch mehr über den Kreis spielen sollte, was letztlich, wie elf herausgeholte Siebenmeter und Latakaites Siegtor aus sechs Metern zeigen, das Erfolgsrezept war. „Leverkusen war nicht in der Lage, uns am Kreis zu stoppen“, freute sich Berchten, während sich Wolf darüber ärgerte, „dass wir uns dämlich angestellt und die Kreisanspiele zugelassen haben“.

Trainerwechsel „geben immer einen neuen Schub. Markus hat uns vom Kopf her ruhiger gemacht und noch mehr Kampfgeist aus uns herausgekitzelt“, sagte Kreisläuferin Tessa Cocx, welche die meisten Siebenmeter herausgeholt hatte. Ob die starke Leistung nach der Pause auf Berchtens Arbeit zurückzuführen sei, wollte Mihai „nicht sagen. Markus hat uns gesagt, dass wir immer ruhig bleiben sollen, egal wie es steht“, erzählte die Torjägerin und fügte an: „Der Zusammenhalt der Mannschaft ist in den letzten Wochen noch größer geworden. Wir spielen einfach Handball und Handball spielen macht Spaß.“ Besonders bei Siegen über Spitzenteams.

„Wir haben gezeigt, dass wir auch einmal einen großen Gegner ärgern und schlagen können“, sagte Kämpferin Cocx nach dem ersten Sieg über ein Spitzenteam, während Berchten bei seiner neuen Mannschaft „eine Gier nach dem Sieg“ in der zweiten Hälfte feststellte. „Wir haben unser Ziel erreicht. Mit dem Abstieg werden wir nichts mehr zu tun haben“, glaubt Mihai und schielt wie Latakaite (siehe Interview unten) nach oben.

„Ich hoffe, dass die Erwartungshaltung nicht in den Himmel steigt, nur weil wir mal auswärts gewonnen haben“, sagte der ruhig und oft mit einem Lächeln coachende Berchten nach den ersten Punkten in der Fremde. Doch gleichzeitig ist er sich sicher, dass sein Team „sein Maximum noch nicht erreicht hat“, was die Hoffnung auf weitere Höhenflüge der HSG nährt.

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