Nach der wahrscheinlichen wirtschaftlichen Rettung droht Vipers sportlicher Abstieg

Das Aus wohl abgewendet

- Bad Wildungen (jh). Der Abgang von Torjägerin und Linkshänderin Cristina Mihai nach Kirchhof ist für die HSG Bad Wildungen nicht zu kompensieren. Auch die Rückraumspielerinnen Laura Vasilescu und Rebeca Cembranos Bruzon wollen das Schlusslicht der Frauenhandball-Bundesliga wohl verlassen.

Die HSG Bad Wildungen scheint die drohende Insolvenz abgewendet zu haben. Zumindest haben die Gesellschafter der für den Spielbetrieb der Vipers zuständigen Sport- und Marketing GmbH dem Amtsgericht Fritzlar an Silvester schriftlich mitgeteilt, dass sie den am 23. Oktober 2012 gestellten Insolvenzantrag zurücknehmen wollen. Diesen hatte seinerzeit der damalige Geschäftsführer Dirk Ex gestellt, der aber seit Anfang November nicht mehr für die HSG tätig ist.

Ex soll Antrag zurücknehmen

Weil der Bad Nauheimer aber im Handelsregister noch als Geschäftsführer eingetragen ist, muss er wohl auch den Antrag auf Rücknahme des Insolvenzantrags unterschreiben. Dass der mittlerweile für einen Sportrechtevermarkter tätige Diplom-Betriebswirt dies tun wird, davon gehen die Gesellschafter Katharina Merck, Alexander Eysert und Wolfgang Nawrotzki, „Ex macht das“, als Vertreter des lizenzgebenden Vereins VfL Bad Wildungen und auch Uwe Gimpel aus. „Es sieht sehr gut aus. Der Insolvenzantrag wird zurückgenommen“, sagt Gimpel, der wie der Beiratsvorsitzende Jochen Backhaus und Simon Hallenberger zu einer Sponsorengruppe gehört, die sich die Rettung der Vipers auf die Fahnen geschrieben hat. Der Bad Wildunger Unternehmer ist überzeugt, dass die Arbeit des Kasseler Rechtsanwalts Carsten Koch, der als Gutachter vom Gericht eingesetzt war, nun „beendet“ ist.

Gimpel: „Okay von Koch“

„Herr Koch hat unser Sanierungskonzept abgesegnet“, sagt Gimpel, der deshalb auch glaubt, dass Richterin Lydia Lahmann spätestens in der nächsten Woche die Rücknahme des Insolvenzantrags offiziell „bestätigt. Es sollte alles wunderbar sein. Wir sind glücklich und zufrieden“, sagt Gimpel nach der vermeintlichen Rettung der Vipers, deren Etat künftig nur noch rund 350 000 Euro betragen soll. Vor allem auch durch den Gehaltsverzicht der Spielerinnen auf drei Monatsgehälter konnte der Haushalt um rund 100 000 Euro entlastet werden. Weil sie die Gehaltskürzung ebenso wie Vasilescu und Cembranos Bruzon nicht unterschreiben wollte, wird Mihai die Vipers verlassen. Die 36-Jährige hat sich mit der HSG auf einen Auflösungsvertrag zum 31. Dezember 2012 geeinigt und wechselt zum Zweitligisten SG Kirchhof, wo sie einen Kontrakt bis zum 30. Juni 2015 unterschrieb. Für den Drittletzten der 2. Liga soll die Linkshänderin, die gestern nicht zu erreichen war, schon am Samstag im Kellerduell beim SV Halle-Neustadt ihr Debüt geben. „Mia weiß, was sie an uns hat. Ich freue mich, dass sie nun zu uns kommt, nachdem ihre Verpflichtung schon im Sommer fast geklappt hat“, sagt SG-Trainer Gernot Weiss, der 2011 zusammen mit der Rumänin mit Bad Wildungen den Erstligaaufstieg schaffte. Unter der Regie des Banater Schwaben hatte die mit 75 Toren zweitbeste Werferin der Liga bereits in der Saison 2004/2005 in Kirchhof gespielt. „Das ist alles andere als geplant und sehr enttäuschend für uns“, sagte Gimpel, der gehofft hatte, dass Mihai „auch wegen der großen Freundschaft zu Katharina Merck“ trotz der Gehaltskürzungen bei den Vipers bleiben würde. „Dass Cristina uns verlässt, tut mir sehr leid, allerdings kann ich diesen Schritt auch verstehen“, sagte Merck. Erst im vergangenen Frühjahr hatte die Torjägerin ihren Vertrag bei der HSG um ein Jahr verlängert, nachdem ihr Dirk Ex eine Ausbildungsstelle als Bürokauffrau bei einer Hotelgruppe besorgt hatte. „Wir haben uns alle schwergetan, die Spielerinnen um den Gehaltsverzicht zu bitten, aber ohne ihn hätten wir keine Zukunft gehabt“, sagt Gimpel, der hofft, bei Vasilescu und Cembranos Bruzon noch „individuelle Lösungen“ zu finden. Allerdings stehen auch die beiden Rückraumspielerinnen vor dem Absprung, wobei Vasilescu mit Ligakonkurrent Koblenz/Weibern in Verbindung gebracht wird. Da selbst weitere Abgänge nicht auszuschließen sind, was Gimpel dementiert, „der Rest der Spielerinnen hat sich zu uns bekannt“, steuern die Vipers sportlich geradewegs auf die 2. Liga zu. Zwar könnten sie mit der Abwendung der Insolvenz die Lizenz für das Unterhaus beantragen, doch dürfte im Fall des wahrscheinlichen Abstiegs ein großer personeller Umbruch unumgänglich sein, zumal wohl keine Spielerin einen Kontrakt für die zweite Liga hat.

Weiss: „Bald schönes Derby“

„Wenn Bad Wildungen weitermacht und wir in der zweiten Liga bleiben, hätten wir in der nächsten Saison ein schönes Derby“, sagt Weiss, der Bad Wildungen „alles Gute“ wünscht. Für ihn ist der Wechsel von Mihai „die beste Lösung für alle Beteiligten“. Dass er seinem Ex-Verein, der seinen Vertrag nach Differenzen mit Merck und Ex-Sportchef Markus Berchten nicht verlängert hatte, schaden wollte, verneint Weiss. „Ich habe nichts gegen Bad Wildungen gemacht.“ Vielmehr hätten die Vipers-Verantwortlichen den Aufhebungsvertrag mit Mihai „ohne großen Widerstand unterschrieben“, so der Coach, der seinen Vertrag in Kirchhof kürzlich um ein weiteres Jahr bis zum 30. Juni 2013 unabhängig von der Ligenzugehörigkeit verlängert hatte und eng mit Mihai befreundet ist. Durch deren Abgang spart die HSG zwar in Zukunft einiges an Gehalt, was sie wohl auch schon auf die Vergangenheit bezogen durch die Vertragsauflösung getan haben könnte, verliert aber auch sportliche Qualität, die sie nicht ersetzen kann. Gehen auch Vasilescu und Cembranos Bruzon, hätte die HSG mit Sabine Heusdens gerade noch eine gestandene Rückraumspielerin. „Wir brauchen natürlich noch Spielerinnen, die auf dem Platz stehen“, sagt Gimpel und hofft, dass die Vipers „im kleinen Rahmen“ personell noch reagieren können, „aber wir können nicht mehr die Stars der Liga kaufen“, damit ihre Spiele nicht zur sportlichen Farce werden.

Bald neuer Geschäftsführer

In Bälde soll ein Geschäftsführer präsentiert werden, „damit wir wieder handlungsfähig sind“, so Gimpel. Dieser soll auch die neuen, nach dem Gehaltsverzicht der Spielerinnen ausgehandelten Verträge unterschreiben. Gut wäre es, wenn der neue Mann auch sportliche Kompetenz mitbringen würde, die bei der HSG Mangelware ist. Interimscoach Karsten Moos soll erst einmal weitermachen. „Er macht seine Sache gut“, sagt Gimpel über den 30-Jährigen, der heute nach viertägiger Trainingspause die Vorbereitung auf das Spiel am kommenden Sonntag (16 Uhr) in Blomberg beginnt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare