DIE PIONIERINNEN Babyboom als Spielverderber

50 Jahre Frauenfußball: Volkmarser Frauenteam kam vom Kickern zum Kicken

Die Frauenmannschaft des VfR Volkmarsen 1970 – hinten von links Trainer Günther Löber, Karin Arnold, Margret Schmidt, Ingrid Hoffmann, Lotti Engel, Gaby Schreiner, Renate Löber, Angelika Brunnert (geb. Tillak); (vorn von links): Monika Salokat, Waltraud Kühne, Maria Senftner, Erika Kühnl, Edeltraud Tillak.
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Vier Jahre Fußball: Die Frauenmannschaft des VfR Volkmarsen 1970 – hinten von links der Betreuer und spätere Trainer Günther Löber, Karin Arnold, Margret Schmidt (geb. Kramer), Ingrid Hoffmann, Lotti Engel, Gaby Schreiner, Renate Löber, Angelika Brunnert (geb. Tillak); (vorn von links): Monika Salokat, Waltraud Kühne, Maria Senftner, Erika Kühnl, Edeltraud Tillak.

Nachwuchsmangel bedroht heutzutage die Existenz von zahlreichen Fußballteams. Doch zu viel Nachwuchs kann ebenfalls dazu führen, dass sich eine Mannschaft auflöst.

Ein Babyboom verdrängte 1974 den Fußballboom in Volkmarsen, den vier Jahre zuvor einige Frauen ausgelöst hatten, indem sie eine Mannschaft gegründet hatten, die den Ball mit Füßen trat.

Es war nicht die erste Frauenmannschaft in der VfR-Geschichte „Es war sehr schön, aber leider viel zu kurz“, sagte Angelika Brunnert (75), die damals auf Rechtsaußen die Flankengeberin für ihre Schwester Petra Tillak und Norma Siciliano war. Diese beiden Torjägerinnen schaffen es damals sogar in Bezirksauswahl.

Wer mit Brunnert über Fußball redet, bemerkt sehr schnell, dass sie in diese Sportart verliebt ist und nicht zu jener Sorte Frauen zählt, die damals nur auf den Fußballzug aufgesprungen sind, weil es in war, den Ball mit den Füßen zu treten.

Die weibliche Woge der Begeisterung erhob sich 1970 aber erst im Waldecker Land. Frauenfußball war anfangs auch Emanzipation nach dem Motto, was der Mann kann, kann ich auch. Solche Gedanken schwirrten den Frauen in Volkmarsen damals aber weniger durch den Kopf.

Diese Fußballmannschaft ist aus einem Ballspiel entstanden, das einige Frauen oft im Gasthaus „Zum Blauen Engel“ ausübten. „Wir haben dort immer gekickert und irgendwann kamen wir auf die Idee, selbst Fußball zu spielen“, erinnert sich Brunnert. Es war ein Start von null auf hundert, denn keine dieser Frauen hatte bis dahin mit den Schuhen Ballkontakt gehabt.

Was war besonders schwierig den Fußball erst als Mittzwanzigerin zu erlernen? Brunnert bügelt über diese Frage hinweg: „Es war überhaupt nicht schwierig zu lernen, wenn man Ballgefühl hatte, ich hatte mich immer schon für Fußball interessiert.“ Die meisten Spielerinnen brachte den Schulsport als einzige Erfahrung mit. Die Anfängerinnen fanden in Heinrich Harnisch einen Coach, der sie einmal pro Woche trainierte. Sein Nachfolger wurde dann Günther Löber.

Wer damals auf dem Sportplatz in Volkmarsen spielte musste nicht nur auf den Ball und seinen Gegenspieler achten, sondern auch auf die Sauberkeit des Rasens achten, wenn man hinfiel. Es konnte sein, dass man einen grünlich-braunen, stinkenden Fleck auf Trikot oder Hose mit nach oben brachte, der einem in die Nase stieg. „Auf dem Platz waren tagsüber viele Gänse,“ erzählt Brunnert.

Sie erinnert sich auch an andere Sportplätze, auf denen Kuhfladen lagen, und einige Spritzer davon fanden sich in den Gesichtern der Spielerinnen wieder. „So war das früher, da hat doch keiner auf so was geachtet.“

Frauen trugen Trikots der Männer

Aller Anfang ist schwer, aber die Volkmarser Kickerinnen wurden im Gegensatz zu manch anderen Dörfern und Städten keineswegs von der Männerwelt belächelt. Vielleicht lag das auch daran, dass der Frauenfußball dort schon bekannt war, denn beim VfR war bereits 1933 die erste Mannschaft gegründet worden. Diese spielte bis 1937 und nach dem Krieg von 1946 bis 1949.

„Die Volkmarser haben uns unterstützt und wir fühlten uns auch von ihnen ernst genommen“, sagt Brunnert. Natürlich habe es auch mal den einen oder anderen Spruch gegeben. Die Mannschaft hatte keine eigenen Trikots und musste die Hemden der Männer anziehen.

Wenn die Herren sie zurückbekommen hätten, sei schon mal ein Satz gefallen, wie „da sind ja jetzt zwei Beulen im Trikot“, erinnert sich die 75-Jährige. Sie kann sich noch an einige Spiele erinnern, etwa ein 4:3-Pokalsieg in Friedrichstein und „Korbach war immer unser Angstgegner“.

Auch den Frauen ging es um Gemeinschaft. „Egal, ob wir verloren hatten oder gewonnen, es ging immer zum Feiern in den Blauen Engel - mit Persiko, ich weiß gar nicht, ob es diesen Schnaps heute noch gibt.“

Und dann kamen nach für nach die Babys. Brunnert war eine der ersten Mütter im Team und sie nahm ihre Tochter Heike noch mit zu den Spielen. „Sie war unser Maskottchen.“

Bestrebungen die Mannschaft nach der Babypause wieder zusammenzuholen habe es nicht gegeben, das Team habe sich nach der Auflösung auch nie wieder getroffen, sagt Brunnert.

Sie selbst interessiert sich immer noch für Fußball, sie schaue sich Spiele im Fernsehen und die Heimspiele der VfR-Männer an.

Und in ihrer Enkelin Pia lebt ihre Liebe zum Fußball weiter. Sie kickt in der aktuellen Gruppenliga-Frauenmannschaft des VfR Volkmarsen. Natürlich im Sturm.

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