Experte zeigt auf, wie der Körper des Fußballers auf die lange Pause reagiert

Reize setzen - Spaß behalten: Fußball-Lehrer Tobias Cramer über "Training" in der trainingslosen Zeit

+
In seinem Element: Tobias Cramer bei einer Trainingseinheit im Auestadion im Rahmen des 62. Internationalen Trainer-Kongresses im Juli in Kassel.

Das Coronavirus hat die Fußballer und Fußballerinnen fast flächendeckend und unabhängig von Dribbelkunst, Passgenauigkeit und Liga abgepfiffen. Was macht die Zwangspause mit ihnen, individuell oder als Mitglied eines Teams?

Das und mehr haben wir Tobias Cramer aus Willingen gefragt, Ex-Trainer des KSV Hessen Kassel und aktuell Übungsleiter des Oberligisten Spfr. Siegen.

Die Corona-Krise zwingt die Fußballer in eine Spiel- und Trainingspause mitten in der Rückrunde: Wie soll man als Spieler oder Trainer eines Amateurteams damit umgehen?

Auf der einen Seite ist es einfach, diese Zeit zu überbrücken, auf der anderen Seite schwierig. Einfach, weil wir individuell Trainingspläne mithilfe von Apps und Fitnessuhr vorgeben können. 

Das Problem ist, dass wir nicht fußball-spezifisch trainieren können. Das Mannschaftstraining fehlt. Ich kann die Spieler zum Laufen schicken, klar, es funktioniert aber nicht, sie einzeln auf den Bolzplatz zu beordern und zu sagen, spiel mal hin und her.

Cramer: Eigenverantwortung ist das A und O

Die Möglichkeit mit Apps und Sportuhr zu trainieren haben vielleicht die Sportfreunde Siegen in der Oberliga, aber ein heimischer Kreisoberligist?

Es geht, egal in welcher Liga, immer darum, an die Eigenverantwortung der Spieler zu appellieren. Eine leistungsdiagnostische Kontrolle ist immer schwierig. 

Ich bin unbedingt der Meinung, dass man sehr sensibel mit dem Thema Corona und Schutz der Gesundheit umgehen sollte, keine Frage. Aber die eigentliche Arbeit auf dem Platz sollte schon noch wichtig und es sollte möglich sein, dass man sich als Mannschaft auf dem Fußballplatz treffen darf.

Die Sportplätze sind mittlerweile fast überall gesperrt, das ist in Nordhessen nicht anders als im Siegerland. Können auch die Sportfreunde Siegen als Oberligist nicht trainieren?

Nein, der Verein trainiert auf städtischem Grund und Boden, und die Stadt Siegen hat ganz klar formuliert, dass bis zum 19. April alle Sportstätten und öffentlichen Plätze geschlossen sind. Die Situation ist bei allen Vereinen gleich, die auf städtischem Grund Fußball spielen, oder Hand- oder Basketball.

Cramer: "Nach zwei Wochen ist alles Nonsens"

Wie lange kann man sein Leistungslevel als einzelner ohne Training aufrechterhalten?

Aus sportwissenschaftlicher Sicht und nach meinen Erkenntnissen aus dem Studium denke ich, dass man das Level mit zwei, drei Laufeinheiten über eine bis anderthalb Wochen aufrechterhalten kann. Wenn es hart auf hart kommt, vielleicht auch zwei Wochen, aber danach ist alles Nonsens. 

Der Körper passt sich ja jeweils an – setze ich im Training Reize, geht es in die richtige Richtung, mache ich Pause, werden zum Beispiel der Muskeltonus und der Stoffwechsel nach unten gefahren. 

Die Profis trainieren weiter. Aber auch Oberliga-Spieler wie hier in Siegen oder auch bei Hessen Kassel sind ja darauf eingestellt, mindestens einmal pro Tag Reize zu erhalten. Das fehlt.

Wie ist das bei einem Verbands- oder Gruppenligaspieler?

Auch sie haben ja einen gewissen Anspruch. Und Fußball ist ihr Hobby, und Hobby, sollte man meinen, machen sie gern. Eigentlich sollte es auch so sein, dass ein Gruppenliga- oder auch ein A-Liga-Spieler gern zum Training geht. Bei ihnen geht es darum, wie behalte ich den Spaß am Fußball. Das ist jetzt so ein ganzheitliches Ding.

Zu Hause statt immer unterwegs

Wie können wir das verstehen?

Die Spieler des SC Willingen als Beispiel sind seit Jahren daran gewöhnt, dass sie nach ihrem Arbeitstag drei- bis viermal die Woche trainieren und am Wochenende ein Spiel haben. Die Pause unterbricht den Rhythmus komplett. Körperlich gewöhnt sich der Spieler daran, dass er nach seinem Arbeitstag vielleicht nur noch mal die Laufschuhe anzieht und einen schnellen Fuß macht.

Gar nicht beäugt aber ist die psycho-soziale Ebene, also Fragen der Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Beständigkeit – was es überhaupt für die Menschen heißt, dass sie ihr Hobby plötzlich nicht mehr ausüben dürfen. Gefährlich wird es dann, sollten sie auch nicht mehr arbeiten dürfen. Da sitzen Menschen plötzlich zu Hause, die quasi immer unterwegs sind.

Wir haben als Gesellschaft keinerlei Erfahrung mit einer solchen Situation des verordneten Stillstands. Das Ganze ist möglicherweise ein gigantisches Experiment, aber wohl alternativlos.

Vom Grundsatz her sicher. Das ist eine Riesenherausforderung für uns alle. Ich kenne solche Einschnitte in das freiheitliche Leben nicht. Diese Dinge müssen also auch psycho-emotional bearbeitet werden. Auch wird einem klar, was für ein hohes gesellschaftliches Gut wir in den Sportvereinen haben (nicht nur in denen). Da merkt man, wie toll diese Vereinsstruktur überhaupt ist.

Wie gehen Sie mit der Situation um?

Ich muss sie nehmen, wie sie ist, auch wenn sie mir nicht gefällt. Machen kann ich nicht viel. Und wenn ich sage, wir trainieren trotz Verbots, mache ich mich strafbar. Nicht zuletzt ist die Situation auch für mich belastend.

Cramer: Kein Zugriff mehr auf die Situation

Wie sollen wir das verstehen?

Ich kenne es ja auch nicht anders, dass ich an bestimmten Tagen zu bestimmten Stunden auf dem Trainingsplatz stehe. Das geht plötzlich nicht mehr. Das ist eine neue Qualität. 

Wenn ich als Trainer bestimme, dass trainingsfrei ist, ist das meine Entscheidung. Jetzt bestimmen andere, dass wir unser Trainingspensum nicht absolvieren dürfen. Ich habe als Trainer keinen Zugriff mehr auf die Situation oder auf bestimmte Dynamiken innerhalb einer Mannschaft.

Der Hessische Fußballverband hat den Spielbetrieb bis zum 10. April ausgesetzt, in Westfalen geht die Pause bis zum 19. April. Sollte sich die Lage beruhigen: Ist es überhaupt möglich, dann von jetzt auf gleich die Fortsetzung der Serie zu beschließen, ohne dass die Mannschaften trainieren konnten?

Nein. Da sage ich ganz deutlich, dann kann man einen Haken an die Saison machen.

Halten Sie es dann überhaupt Gedankenspiele über einer Fortsetzung der Saison für realistisch?

Wie gesagt, man kann einen Haken dran machen und sich dafür eine Lösung überlegen.

Die könnte wie aussehen?

Meine persönliche Meinung ist, dass es bei einem Abbruch der Saison weder Auf- noch Absteiger geben darf. Warum? Wir als Sportfreunde hätten innerhalb dieser vierwöchigen Pause zum Beispiel acht Spiele austragen sollen, weil wir noch einige Nachholspiele auf der Rolle hatten. Die Tabelle der Oberliga Westfalen gibt also aufgrund der Witterungsverhältnisse ein verzerrtes Bild ab, und das ist in vielen Ligen so.

Die aktuellen Platzierungen sind auch zufällig.

Absolut. Nehmen wir mal meine letzte Hessenliga-Saison mit Hessen Kassel. Wäre da Mitte April Schluss gewesen, wären wir Zweiter gewesen und nicht, wie am Ende, Bayern Alzenau. Daraus folgt für mich: Wir würden also Anfang August in der neuen Saison mit jeweils denselben Mannschaften wieder in die Ligen einsteigen.

Cramer: In der Sommerpause zu Ende spielen

Würden da alle mitspielen?

Regionalligen und 3. Liga wohl nicht. Der 1. FC Saarbrücken zum Beispiel (Tabellenführer der Regionalliga Südwest)hat enorm viel Geld investiert, um in die 3. Liga aufzusteigen. Bei den Amateuren hat ein verpasster Aufstieg natürlich nicht diese Wertigkeit. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit.

Die wäre?

Da die Uefa die EM verschoben hat, was ich für sehr sinnvoll halte, könnten wir in der Sommerpause unsere Saison zu Ende spielen und ohne extra Vorbereitung direkt in die neue Spielzeit starten. (mn)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare