DIE PIONIERINNEN Über die Anfänge des Frauenfußballs beim TV Friedrichstein

„Die Männer zum Kochtopf!“

Die Friedrichsteiner Fußballerinnen 1969 in den gestreiften Trikots vor dem Spiel gegen den SV 09 Korbach: Ingrid Börner, Karin Bergmann, Elisabeth Röhner, Christa Heidenreich, Margit Meischke, Christa Schluckebier und Elisabeth Fischer; vorne von links: Margit Schröder, Gisela Althoff, Ingrid Meuser und Gerda Waid.
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Die Friedrichsteiner Fußballerinnen 1969 in den gestreiften Trikots vor dem Spiel gegen den SV 09 Korbach: Ingrid Börner, Karin Bergmann, Elisabeth Röhner, Christa Heidenreich, Margit Meischke, Christa Schluckebier und Elisabeth Fischer; vorne von links: Margit Schröder, Gisela Althoff, Ingrid Meuser und Gerda Waid.

Durch die Erfolge der Männer mit zwei aufeinanderfolgenden Aufstiegen 1968 und 1969 wollten die Frauen dem starken Geschlecht nicht nachstehen. „Die Mädels haben in unseren besten Zeiten bei uns zugeguckt. Wir haben damals in der Bezirksklasse gespielt, was die heutige Gruppenliga ist und als sie mitbekommen haben, dass es in Korbach eine Frauenfußballmannschaft gibt, wollten sie auch eine haben“, erinnert sich Karl-Heinz Böttcher daran, dass in Windeseile ein Team aus dem Boden gestampft wurde.

Zusammen mit dem später tödlich verunglückten Karl-Heinz Gutberlett leitete er „gleichberechtigt“ die Trainingseinheiten, an denen Dienstags und Donnerstags bis zu 20 Fußballerinnen teilnahmen.„Wir haben geguckt, ob die überhaupt geradeaus laufen konnten“, erzählt Böttcher schmunzelnd – das konnten die Fußballerinnen locker und hatten sogar sehr talentierte Spielerinnen in ihren Reihen. So Elisabeth Fischer (geborene Nasemann), die als Leichtathletin 1966 Hessische Meisterin im Fünfkampf der weiblichen B-Jugend geworden war und sich ein Jahr später bei der A-Jugend den Titel im Diskuswurf gesichert hatte. Wegen ihrer Schnelligkeit wurde die später in der Schweiz lebende ‘Nasi´ als Rechtsaußen eingesetzt, beendete aber wegen der „Verletzungsgefahr beim Fußball“, so Böttcher, zugunsten der Leichtathletik ihre Kickerkarriere relativ schnell wieder.

Die Abwehr hielt indes Christa Schluckebier, jüngere Schwester von Karl-HeinzGutberlett, zusammen. Die Freienhagenerin war auch Kapitänin des Teams, das sich aus Spielerinnen aus Bad Wildungen und der näheren Umgebung zusammensetzte. „Mein Bruder hat mich gefragt, ob ich mitspielen will“, sagt Schluckebier, was sie dann auch tat, weil die frühere technische Angestellte wie die anderen „jungen Frauen und Mädchen“ auch „fußballbegeistert“ war. „Ich habe Fußball im Fernsehen geschaut und bin bis heute Mönchengladbach-Fan“, erzählt die 71-Jährige, die „in der Truppe, die das Fußball spielen erst lernen musste“, den Libero, „eine Libera gab es damals noch nicht“, gab.

Während die aus Kleinern kommende Gerda Waid (Rabe) die Torjägerin des TV war, führte die aus Freienhagen stammende Margit Schröder (Rennert) im Mittelfeld Regie. Die erste Begegnung der TV-Frauen ging indes in Korbach mit 1:3 verloren. Am 13. September 1969 gewannen die Friedrichsteinerinnen dagegen ihr erstes Heimspiel gegen Marienhagen locker mit 7:0.

Fußballbräute und Damenschiedsrichter

„Am Abend saßen die ‘Fußballbräute‘ laut dem ‘TV-Echo‘ auch noch nach alter (männlicher) Fußballsitte bei Bier und Cola zusammen“ und kamen eine Woche später im Rückspiel unter der Leitung von ‘Damenschiedsrichter Norbert Schestag‘ gegen Korbach nach Toren von Rabe (zwei) und Rennert zu einem 3:3. Die Bestnote verdiente sich dabei Torfrau Gisela Karges (Leithäuser). Laut ‘TV-Echo‘ „kanonierte�� Schröder den Ball zum 3:3-Endstand ins SV 09-Tor.

„Wie wir aus zuverlässiger Quelle hören, soll es bereits im nächsten Jahr zu neuen Begegnungen kommen. Die Devise soll weiter lauten: „Auf zum Fußballsspiel, die Männer zum Kochtopf“, schrieb das gut informierte TV-Echo und entschuldigte sich bezüglich der fehlenden Fotos der Fußballerinnen, weil der „Knipser vom Dienst bei den bisherigen Spielen der Damenelf so daneben war, dass die Bilder entweder völlig verwackelt, unterbelichtet und sonstwie nicht nicht zu gebrauchen sind.“

Schluckebier muss schmunzeln, als sie mit den Zitaten konfrontiert wird. „Solche Faxen haben wir damals auch gemacht“, erzählt sie. Eher ungern erinnert sich aber daran, dass die Männer den Frauen damals nicht zutrauten Fußball spielen zu können. „Bei Turnieren haben wir zur männlichen Belustigung gespielt“, sagt die spätere Betreuerin der Fußballerinnen des SV Freienhagen und erinnert sich an Chauvi-Sprüche wie ‘zieht euch kürzere Hosen an‘. Diese „haben wir ignoriert. Was sollten wir auch sonst machen“, sagt Schluckebier, die 1973 ihre Fußballschuhe an den Nagel hängte. Dennoch sei sie schon damals überzeugt gewesen, dass der Frauenfußball sich auf Dauer durchsetzen würde.

Fünf Ehen

Fünf Ehen gingen aus den Reihen der Frauenmannschaft hervor. So schlossen Margot Börner und Helmut Meischke, Marion Mombrei und Norbert Schestag, Christel Wagener und Wolfgang Schröder, Doris Geilz und Robert ‘Bubi‘ Jung sowie Gisela Leithäuser und Gerd Karges den Bund fürs Leben. 2006 traf sich das Team aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Fußballabteilung des TV, wobei 17 Spielerinnen anwesend waren und Böttcher feststellte, „dass nicht nur die Männer Hüftgold kriegen“.

Gut in Erinnerung ist dem 73-Jährigen auch noch das Einlagesspiel der Mannschaft vor 800 Zuschauern bei Göttingen 05, „für das wir 200 Mark bekommen haben“. Während der frühere Postbeamte wegen seines zwischenzeitlich beruflich bedingten Umzugs Anfang 1972 nach Frankfurt sein Traineramt aufgab, bildete das TV-Team, das „in den ersten zwei Jahren nur Freundschaftsspiele bestritt“ und zunächst weiter von Gutberlett trainiert wurde, bald eine Spielgemeinschaft mit dem TV Bergheim, die im Jahr 1973 Kreismeister wurde.

Kurz danach endete die erste Phase des Frauenfußballs des TV Friedrichstein, bevor 1994 der zweite Anlauf mit der Jugend und 1996 dann auch wieder mit den Aktiven gestartet wurde. Im Jahr 2000 schloss sich der TV dann der Spielgenmeinschaft Anraff und Giflitz an, die 2001 in die Landesliga und 2007 erstmals in die Hessenliga aufstieg. In der kickte sie bis 2013, bevor sie unter den Namen SV Anraff von 2014 bis 2016 erneut in der vierthöchsten Klasse spielte. Zuletzt war das Team Zehnter der Verbandsliga.

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