Ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter  hält Vortrag in  Ehringen

Lutz Wagner: Nie den Gerechtigkeitssinn  verlieren

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Respektvoller Umgang: Darin sieht der ehemalige Bundesliga-Sch iedsrichter Lutz Wagner einen Weg, dass es auch in Zukunft noch Spielleiter gibt.

Ehringen/Hofheim – Er ist der Jogi Löw für Schiedsrichter. Lutz Wagner ist der Bundestrainer für die besten deutschen Unparteiischen.

Nach 197 Einsätzen in der Fußball-Bundesliga ertönte für den 56-Jährigen 2010 der Abpfiff als Schiedsrichter. Doch er blieb seiner pfiffigen Leidenschaft treu. Der Mann hat viel zu erzählen. Er tat dies im Interview und er tut es morgen mit dem Vortrag „Gerechtigkeit und Fairness“ ab 10 Uhr in der Halle in Ehringen.

Herr Wagner, kann man der Gerechtigkeit überhaupt gerecht werden?

Wagner: Nein, es gibt keine hundertprozentige Gerechtigkeit, aber wir sollten alle bemüht sein, uns gerecht zu verhalten. Das gilt nicht nur für den Fußball.

Gerade der Fußball kann doch so unerträglich ungerecht sein, oder?

Das stimmt, aber ich glaube, gerade das macht ihn so spannend. Wir Schiedsrichter versuchen, den Fußball so gerecht wie möglich zu machen.

Hat das Schiedsrichtersein ihnen den Glauben an Gerechtigkeit eher näher gebracht oder sogar weiter davon entfernt?

Eher näher gebracht. Im Endeffekt passiert auf dem Fußballplatz nichts anderes als im normalen Leben, nur unter erschwerten Bedingungen, hier müssen Entscheidungen in einer relativ kurzen Zeit, unter dem Druck der Öffentlichkeit getroffen werden. Wenn man es aber da gut hinbekommt, kann man vieles mit rüber nehmen in den normalen Alltag.

Hat das Schiedsrichtersein, den Menschen Lutz Wagner und seinen Charakter auch in irgendeiner Weise geprägt?

Die Umwelt, meine Eltern und Personen die mir nahe stehen haben mich wohl am meisten geprägt, aber natürlich habe ich auch im Fußball Dinge gelernt, positiv wie negativ, die ich gut in andere Lebensbereiche mitnehmen konnte, gerade in jungen Jahren. Deshalb kann ich jeden jungen Menschen nur raten, Schiedsrichter zumindest mal auszuprobieren, weil er dabei Teamfähigkeit lernt, er lernt sich mit Konflikten auseinanderzusetzen, er lernt das Ab- und Zugeben, er lernt eine gewisse Demut, aber auch sich durchzusetzen. Das sind schon Eigenschaften, die man im Leben gut gebrauchen kann.

Oft fällt auf, wie gelassen Schiedsrichter mit Spielern aber auch mit Anfeindungen umgehen. Kann Sie im Privatleben auch nichts aus der Ruhe bringen?

Selten, ich bin eigentlich schon ein emotionaler Typ. Ich weiß beim Fußball aber genau um meine Aufgabe und wenn ich da zu sehr emotionalisiere, wird meine Entscheidung nicht besser. Also kann ich mich darauf einstellen. Ich habe lange dafür braucht, zu erkennen, dass jemand, der mich kritisiert, gar nicht mich meint, sondern sich gegen meine Aufgabe richtet. Mit mir als Mensch würde er vielleicht ein Bier trinken gehen, aber gerade ist er mit mir als Schiedsrichter nicht einverstanden. Wenn ich das verinnerliche, kann ich viel besser mit Kritik und Anfeindungen umgehen und relativ ruhig und gelassen reagieren.

Sie haben fast 200 Erstligaspiele gepfiffen. Für einen Fußballer ist die Bundesliga sportlich die anspruchsvollste Liga, gilt das auch für den Schiedsrichter oder ist vielleicht sogar die Kreisliga ohne Linienrichter schwieriger?

Jede Liga hat ihre Herausforderung. In der Bundesliga wird ein Schiedsrichter bei einem Fehler medial vernichtet, in der Kreisliga kann es einen körperlich eher an den Kragen gehen. Welche Gefahr ist jetzt die größere? (Er lacht) Bundesliga-Fußball ist schneller, die Anforderungen sind höher, auch wegen dem höheren öffentlichen Druck. Allerdings werden auch in unteren Klassen Anforderungen gestellt, die es in der Bundesliga nicht mehr gibt, wie etwa in der Kreisliga ohne Linienrichter zu pfeifen.

Jeder Schiedsrichter hat doch bestimmt eine Lieblingsmannschaft in der Bundesliga, muss er die beim DFB nennen und darf sie dann nicht pfeifen?

Die Nähe zu einem Verein, zu einem Trainer, Spieler oder gar geschäftliche Beziehungen zu einem Verein, muss ein Schiedsrichter angeben und er wird dann dort auch nicht eingesetzt. Aber ich kann nicht für meine Kollegen sprechen, ob sie eine Lieblingsmannschaft haben.

Und Sie selbst?

Natürlich hatte ich als junger Fußballer eine Lieblingsmannschaft, aber als ich in die Bundesliga kam, habe eines schnell bemerkt: Es gibt keine Mannschaft, bei der nur die Netten spielen und keine, bei der nur die Unsympathischen spielen. Es ist immer ein Mix. Deshalb verliert ein Schiedsrichter schnell das Gefühl, diese Mannschaft mag ich und die nicht, sondern er wird einige Spieler haben, über die er sagt, der ist in Ordnung und den sehe ich nicht so gern. Das ist auch völlig menschlich, davon kann sich keiner freisprechen. Aber ein Schiedsrichter muss das während des Spiels ausblenden. Das einzige was vielleicht passieren kann, wenn ich überlege, ob ich einem Spieler eine Karte gebe, dass dann der Sympathiefaktor, wohlgemerkt nur im Unterbewusstsein, bei dieser Entscheidung leicht mitschwingt.

Ist der Schiedsrichter heute im Vergleich zu früheren Jahren mehr gefährdet? Ist wirklich so viel Respekt verloren gegangen?

Ja, ich denke schon, dass die Wertschätzung gegenüber dem Schiedsrichter nicht mehr so gut ist wie sie noch vor einigen Jahren war, aber das ist ein gesellschaftliches Problem, denn das bekommen ja auch Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute und andere täglich zu spüren.

Was kann man tun, dass das Klima wieder freundlicher wird?

Ich glaube, dagegen kann jeder nur vor der eigenen Haustür kehren. Einfach immer mal wieder für einen Moment innehalten und sich sagen, Mensch, ich mag doch den Fußball und will ja auch, dass es für uns alle die schönste Nebensache der Welt bleibt. Was kann ich in meinem Bereich dafür tun? Ich kann den anderen nicht ändern, sondern jeder kann das nur für sich selbst. Hier kommt auch wieder der Gerechtigkeitssinn ins Spiel, denn es ist auch eine Frage des Willens, einfach mal ein klares Foulspiel der eigenen Mannschaft zuzugeben.

Dennoch herrscht in vielen Vereinen Schiedsrichtermangel. Eine Lösung könnte sein, Senioren-Ligaspiele finden auch ohne Schiedsrichter statt. Können Sie sich das vorstellen?

Ehrlich gesagt, nein. Wenn man im Wettbewerb um etwas kämpft und streitet, dann passiert es nun einmal, das man unterschiedlicher Meinung ist. Die Frage ist dann nur, wie löst man solch einen Konflikt. Und für mich gibt es da nur eine Antwort: Das geht nur mit gegenseitigem Respekt voreinander. (rsm) 

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