DIE PIONIERINNEN Frauenfußball schreibt im TV Bergheim ein schönes Kapitel

Eine kurze Blüte und ein Coup

Die Fußballerinnen des TV Bergheim auf der Höhe ihres Erfolgs: Kreismeister im Jahr 1973. Das
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Die Fußballerinnen des TV Bergheim auf der Höhe ihres Erfolgs: Kreismeister im Jahr 1973. Das

Die Vorzeigeadresse im Edertaler Frauenfußball ist seit vielen Jahren der SV Anraff. Wegbereiterinnen des femininen Dribbelns, Flankens und Schießens waren jedoch ein paar Kilometer weiter nördlich zu Hause. Im TV 08 Bergheim organisierten sich Anfang der 1970er Jahre weibliche Jugendliche und junge Frauen zum Debütantinnen-Ball, ein gutes Dutzend wohl, zwischen 16 und 22 Jahre alt.

Wann genau sie ihr erstes Spiel austrugen, weiß Waltraud Reetz heute nicht mehr. Es dürfte 1970 gewesen sein, vielleicht 1971. An was sich die erste Spielführerin des TV 08, eine geborene Groß, sehr genau erinnert, ist: die Leidenschaft und den Spaß, mit dem sie und die Ihren sich anschickten, bis dahin männlich dominiertes Sportterritorium zu besetzen. „Wir waren begeistert vom Fußball“, sagt sie, und sie wird das im Gespräch am Telefon mehrfach betonen.

Wenn Waltraud Reetz erzählt, klingt durch, wie besonders Frauen am Ball in jenen Jahren doch waren. Der Verein hatte bis dahin noch keine lange Kickertradition. Erst Mitte der 1960er Jahre habe der Fußball den Feldhandball als Hauptsportart abgelöst, heißt es in der Chronik. Für Frauen sei Fußball der erste Mannschaftssport in der Region gewesen, berichtet Waltraud Reetz, „Wir fanden es toll, es den Männern gleichzutun.“

So kam es, dass sich der TV Bergheim unter den sechs Waldecker Gründungsmitgliedern der ersten Spielklasse für Frauen im Bezirk Kassel befand und am 8. April 1972 in die Premierenrunde startete.

Wirklich ernst genommen fühlten sich die Novizinnen zunächst nicht. Diese Erfahrung teilten sie mehr oder weniger ausgeprägt mit anderen Pionierinnen. „Von Seiten der Männer wurden wir natürlich belächelt“, sagt Waltraud Reetz, und sie bringt für diese Haltung sogar Verständnis auf. „Na ja, die Anfänge waren nicht so sehenswert und dienten der allgemeinen Belustigung.“

Die Spielerinnern selbst erlebten zudem eine Art Realitätsschock. „Wir merkten, was für eine Kraftanstrengung und Kondition erforderlich war, mit dem Ball zu rennen und dann noch auf das Tor zu schießen.“ Ernüchternd die ersten Ergebnisse in der Punktrunde: In Ippinghausen quittierte der TV Bergheim zum Auftakt eine 3:7-Niederlage, es folgte ein 0:2 gegen den TV Friedrichstein und dann eine heftige Klatsche: 0:16 gegen den späteren Bezirksmeister SV 09 Korbach.

„Das war ziemlich deprimierend“, sagt Waltraud Reetz, deren jüngere Schwester Christa ebenfalls zu den TV 08--Spielerinnen der ersten Stunde zählte. Entmutigen ließen sich die Bergheimerinnen nicht. Zumal sie auch lebhafte Unterstützung erfuhren. „Unsere Freunde haben uns gefahren und standen hinter uns“, sagt Waltraud Reetz. Das galt auch für ihren späteren Mann, übrigens kein Fußballer. Die erste Saison hielt bis zum Ende mehr Frust als Lust für Reetz und ihre Teamkolleginnen bereit – mit 3:21 Punkten und 9:55 Toren beendeten sie die Punktrunde als Schlusslicht. Doch die Neulinge lernten rasch dazu. „Mit der Zeit und intensivem Training wurden wir immer besser“, sagt Waltraud Reetz, die links oder rechts im Sturm spielte. Als Trainer brachte Claus Tomaschewsky die Frauen voran, ein Mann, der in der Dorfbäckerei arbeitete, wie sich Hermann Weidel erinnert.

Was aus dem ersten Coach geworden ist, weiß der spätere langjährige TV-Vorsitzende nicht. Aber: Die Chemie zwischen Übungsleiter und Team scheint gestimmt zu haben. Im zweiten Jahr stürmte der TV Bergheim, und das mutet angesichts ihrer Erst-Jahres-Bilanz fast sensationell an, zum ersten Platz in der Gruppe 1 der Bezirksklasse und wurde vom damaligen Waldecker Kreisfußballobmann Siegmund Wiesemann als Kreismeister mit einem Blumenstrauß geehrt.

Den Coup machten Groß (Reetz) und Co. am 15. September 1973, dem letzten Spieltag, mit einem 2:1-Sieg gegen Korbach perfekt, sie verwiesen den Topfavoriten auf Platz zwei. Die Zeitung staunte über eine „Mannschaft aus Bergheim, die enorme Fortschritte gemacht hat“.

Unter sich waren die Bergheimerinnen nicht mehr. Auf dem Meisterfoto findet sich zumindest eine Spielerin (Margot Rabe), die zu den ersten Kickerinnen des TV Friedrichstein gehörte. Der Verein aus Altwildungen hält im Protokoll zu seiner Jahreshauptversammlung am 29. März 1974 fest, dass sich für sein durch Ausfälle dezimiertes Team eine „Spielgemeinschaft mit den Bergheimer Damen geradezu anbot“. Diese SG sei 1973 Kreismeister geworden.

Auch der TVB hatte so seine Personalsorgen. Waltraud Reetz erinnert sich so: „Weil uns die Mädels fehlten, haben wir eine Spielgemeinschaft mit Friedrichstein gemacht.“ Außerdem seien im Laufe der Zeit Spielerinnen aus den anderen Dörfern wie Wellen, Wega oder Kleinern dazu gestoßen. Die in der WLZ veröffentlichte Abschlusstabelle des Spieljahres 1973 führt den TV Bergheim freilich solo an. Erst 1974 ein anderes Bild. Zur ersten gemeinsamen Punktrunde der Kreise Waldeck-Frankenberg (noch so eine Sensation) und Schwalm-Eder tritt eine SG Edertal an.

Ein Jahr später firmieren die Frauen aus dem Süden in der WLZ als Edertal/Bergheim und 1976 dann als TV Friedrichstein/Edertal. Danach verliert sich die Spur des TV Bergheim im Frauenfußball. 1977 jedenfalls wird nur noch der TV Friedrichstein genannt – als übrigens einziges Waldecker Team außer dem SV 09. Der Frauenfußball auf einem vorläufigen Tiefpunkt.

Ursula Reetz fasst die Gründe für das Aus in Bergheim so zusammen: „Die Mädels heirateten, zogen von hier weg oder veränderten sich beruflich. So wurden wir immer weniger Spielerinnen und irgendwann kam keine Mannschaft mehr zusammen“. Schade, sei das gewesen, ja. Doch die frühere Kapitänin schaut ohne Sentimentalität zurück („Alles hat seine Zeit“), sie erinnert sich einfach gern: „Wir hatten eine gute Zeit. Der Zusammenhalt war toll, es herrschte ein absolutes Wir-Gefühl.“

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