Ehemaliger Bundesliga-Referee referierte unterhaltsam in Ehringen

Lutz Wagner übers Entscheiden des Schiris: "Jede Mutter hat's schwerer"

+
Seit 20 Jahren Freunde: Gottfried Henkelmann (links) bedankte sich mit einem Präsentkorb bei Lutz Wagner für dessen besuch beim TSV Ehringen.

Ehringen – Wie macht man es immer allen Recht? Wie knifflig ist die Arbeit der Video-Schiedsrichter? Diese und mehr Fragen beantwortete Ex-Schiri und Chefausbilder Lutz Wagner in Ehringen auf unterhaltsame Weise.

Mit Gottfried Henkelmann verbindet Lutz Wagner seit über 20 Jahren eine fachlich fundierte Freundschaft. Von daher war der Auftritt des Bundestrainers für Schiedsrichter bei den Feiern zum 50-jährigen Bestehen des TSV Ehringen gewissermaßen Ehrensache.

Zur Eröffnung der persönlichen Vorstellung verwies der prominente Gast, der nicht nur Schiedsrichter, sondern auch Unternehmen coacht, auf die Parallele in Sachen runder Geburtstag hin: Vor ebenfalls 50 Jahren war er als sechsjähriger Knirps in die Fußballabteilung des SV Kriftel eingetreten. Schiedsrichter wurde Wagner mit 14, im Verlauf seiner Karriere standen 197 Bundesliga-Spiele auf dem Programm standen, ehe er 2010 ins Lehrwesen wechselte.

Den nachdrücklichsten Einfluss von Lutz Wagners Entscheidungen auf die Karriere eines Fußballers gab es sicherlich im Falle Oliver Kahn, den Wagner über die Vorstellung der Vorzüge des Kartensets für Bundesliga-Schiedsrichter ins Spiel brachte. „Beißfest, wie im Fall von Oli Kahn bewiesen“, kam der Platzverweis für den Bayern-Keeper ins Bild, bei dem sich die beiden Alpha-Tiere in Kampfstellung gegenüber standen.

"Nicht alles zu Herzen nehmen"

Mit zwei Minuten Nachspielzeit gegen Mönchengladbach, die Kahn den weiteren Ausbau seines Zu-Null-Rekords auf 20 Spiele vermasselten, da dem Gegner noch der Ausgleich gelang, hatte sich Wagner ein zweites mal mit einer Entscheidung in die Karriere des Ausnahmetorwarts eingeschrieben. Inzwischen sei der Titan ein immer wieder gern gesehener Kollege am Kommentatoren-Tisch.

„Die Kunst, sich keine Entscheidung und auch keine Reaktion darauf zu Herzen zu nehmen, erleichtert das Miteinander nach dem Spiel“, sagte Wagner.

Und setzte fort: „Der Druck entsteht nur durch persönliche Bindung, der Mutter eines fünfköpfigen Haushaltes fällt eine harte Entscheidung viel schwerer als dem Schiedsrichter, mag die gelbe Wand noch so lautstark brüllen.“ Die überwiegend alkoholisierte Masse sei eine anonyme Größe.

Was die Kollegen im Kölner Keller lernen mussten

Grundvoraussetzung ist die überzeugende Vermittlung. Das Tempo ist dabei ebenso wichtig wie die Auswahl der Ansprechpartners (Führungsspieler) auf dem Platz, gerade bei schwierigen Entscheidungen, führte Wagner aus. 

Ein besonderer Schwerpunkt von Lutz Wagners Vortrags lag auf Regeln und ihrer gerechten Auslegung, sowie der Vermittlung. Nach Wagners Selbstverständnis ist Fairplay nicht nur eine Aufgabe, sondern eine Berufung. Zu den Aufgaben des Schiedsrichters gehört es auch, die Vernünftigen in der Runde etwas korrigieren zu lassen, was Einzelne falsch machen. 

Lutz Wagner veranschaulichte anhand mehrerer Bilder die Arbeit und die Hilfsmittel des Video-Referees. Foto: ahi

Dazu zeigte er Beispiele von Mannschaften, die sich einen irregulären Treffer erschwindelten oder als positives den Gegner nach dem unfairen Tor einfach durchlaufen ließen, um das Verhältnis wiederherzustellen. 

Zwei Fälle, bei denen der Videoschiedsrichter nicht gefordert war, der neuerdings immer wieder für andere Aufreger sorgt.

Dabei hätten die Kollegen im „Kölner Keller“ erst einmal lernen müssen, mit so viel Information auf einmal umzugehen. Wagner zeigte eine simulierte Videowand mit ein und derselben Szene aus vier Perspektiven, die parallel laufen. 

Damit wurden die Zuhörer sensibilisiert für das Thema Wahrnehmung und auch dafür, wie unterschiedliche Perspektiven zu ganz anderen Entscheidungen führen können. 

80 Prozent Trefferquote ist okay

Insofern wären die anfänglichen Reaktionen auf aberkannte Tore, schwer nachvollziehbare Karten oder Strafstöße durchaus nachvollziehbar. Aber seitdem sich der Schiedsrichter selbst ein Bild von der betreffenden Szene in einer eindeutigen Auflösung machen kann, hätte sich das Akzeptanzproblem weitgehend gelöst, so Wagner, der für die Praxis keineswegs Unfehlbarkeit von den Unparteiischen forderte, sondern eine 80%-Quote für angemessen hielt. 

Eine Quote mit der Teilnehmer eines Seminars bei der Lufthansa, so ihre Probleme hatten. Im Luftverkehr ist dieses Verhältnis nicht akzeptabel, wiesen die Verantwortlichen ihren Seminarleiter auf die Unterschiede zwischen 90 Minuten Bundesliga und ihrem Alltag (ahi)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare