50 Jahre Frauenfußball

Ex-Trainerin Anita Schaub: Vielleicht bedeutete Fußball ein Stück Freiheit

Anita Schaub, ehemalige Trainerin, mit Ball auf der Hand.
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Eine Leidenschaft für den Fußball: Anita Schaub, ehemalige Trainerin des TSV Freienhagen.

Der Frauenfußball erlebte im TSV Freienhagen eine kurze, intensive Zeit. Anita Schaub hat sie als spielende Trainerin mitgeprägt. Eine Zeitzeugin des frühen weiblichen Kickens im Interview.

Frau Schaub, Sie waren mit 15,16 Jahren treibende Kraft beim Aufbau eines Frauenteams im TSV Ippinghausen. Warum?
Weil ich Fußball spielen wollte. Ich war ja als Kind die meiste Zeit auf dem Sportplatz unterwegs. Eigentlich wollte ich in Korbach spielen, aber mein Onkel, der damals Vorsitzender in Ippinghausen war, meinte: Ne, mach das mal schön hier. Die anderen Spielerinnen habe ich überredet, sie haben mitgemacht, aber meine Leidenschaft hatten sie nicht.
Waren Sie angesteckt vom Aufbruch der 68er-Bewegung und von Forderungen nach mehr Emanzipation der Frauen?
Vielleicht bedeutete der Fußball ein Stück Freiheit oder Gleichstellung. Aber vor allem war er für mich Leidenschaft, ich habe dafür gebrannt. Ich bin immer einen anderen Weg gegangen, schon in der Schule. Ich hatte zum Beispiel in Handarbeit eine 5. Hätte ich zum Werken der Jungen gehen dürfen, hätte ich garantiert eine bessere Note bekommen. Ich habe auch früh gesagt: Ich möchte das Geld, das ich ausgebe, selber verdienen Ich passte nicht ins Schema.
Nachdem die Sache in Ippinghausen 1975 auseinanderging, sind Sie zum TV Friedrichstein gewechselt.
Ich kannte Christa Schluckebier aus Freienhagen, sie hat in Friedrichstein gespielt und deshalb bin ich zum TV gewechselt. Fünf Jahre habe ich in Altwildungen gespielt, 1980 gab es nicht mehr genug Spielerinnen und ich bin nach Lohfelden gewechselt. Ich wollte sehen, ob mein Talent für die Landesliga reicht. Außerdem hatte ich im Hinterkopf, Trainerin zu werden, da konnte die Landesliga nicht schaden.
1980 war von den sieben Frauenteams, die 1972 in der Waldecker Gruppe des Bezirks Kassel gestartet waren, nur noch der SV 09 Korbach übrig. Warum haben so wenige Vereine durchgehalten?
Es gab viele Gründe. Viele Frauen waren schon etwas älter als sie angefangen haben. Und Frauen kriegen Kinder. Wenn dann von 13, 14 Spielerinnen mehrere schwanger werden, kann so ein Team schon auseinanderfallen. Wenn dagegen Männer Vater werden, ist das überhaupt kein Problem. Dann wird eine Kiste Bier aufgemacht und es geht weiter.
Spielerinnen von damals nennen auch berufliche Gründe, warum sie mit dem Fußball aufgehört haben.
Genau. Wir kommen aus den 60er Jahren, das heißt, mehr Frauen fangen an zu arbeiten. Sie werden mobiler, einige gehen weg. Als es in Friedrichstein nicht mehr weiterging, machten die einen Abitur, andere studierten, wieder andere zogen wegen der Arbeit weg, eine andere ging mit dem Freund nach Frankfurt. Wir hätten für jedes Spiel die Lufthansa gebraucht und die Deutsche Bahn. Außerdem fehlte die Nachwucharbeit. Wir haben auch dann in Freienhagen eine Mädchengruppe gar nicht in Betracht gezogen. Es lag nicht in unserem Fokus. Heute würde ich das anders machen.
Sie wurden 1980 Trainerin in Freienhagen, Frauen auf der Trainerbank waren die große Ausnahme in Nordhessen. Wie kam es dazu?
Meine Mitspielerin Christa Schluckebier hat mich gefragt, ob ich nicht Trainerin beim TSV Freienhagen werden wollte. Ich habe ja gesagt. Es war ein Traum von mir.
Hatten Sie die Akzeptanz bei den Spielerinnen?
Ich glaube, es hat eine Rolle gespielt, dass ich schon mit 21 Jahren meine Meisterprüfung gemacht habe und ab 24 dann Lehrlinge ausbilden durfte. Ich habe eine ganze Menge Bäcker und Verkäuferinnen ausgebildet. Die Autorität war also da.

Zur Person

Anita Schaub (65) baute in ihrem Heimatort Ippinghausen ab 1970 den Frauenfußball mit auf, war Jugendschiedsrichterin, spielte für TV Friedrichstein und FSC Lohfelden, von 1980 bis 1987 war sie Trainerin des TSV Freienhagen. 1994 beendete sie ihre Laufbahn. Beruflich führte die Bäckermeisterin den elterlichen Betrieb bis zu ihrer Rente, war in der Innung für Ausbildung zuständig und ehrenamtliche Richterin am Sozialgericht. Anita Schaub lebt in einer festen Beziehung. (mn)

Hatten Sie eine Trainerausbildung absolviert?
Ich habe an Jugendleiterlehrgängen teilgenommen, aber weil ich zuhause den Betrieb führen musste, habe ich nie eine Lizenz erwerben können. Auf der anderen Seite hatte ich schon zehn Jahre gespielt und gute Trainer, da konnte ich viel mitnehmen.
Warum war Freienhagen so erfolgreich?
Das waren junge talentierte Frauen, ein paar davon waren typische Straßenfußballerinnen. Sie hatten das Verständnis dafür, wo der Ball hinmuss, und Spaß am Spiel. Und ich hatte Spaß am Spiel. Was will man mehr? Dann kommen Fitness und Kondition dazu, und es geht los. Ich muss sagen: Die Mannschaft war fit, der Teamgeist super.
Wie haben Sie als Trainerin neues Wissen erworben?
Man muss immer schauen: Was machen die Mannschaften besser, wo die Trainer vielleicht studiert haben? Lernen zu wollen ist wichtig. Ich habe mir Lehrbücher gekauft und immer sehr gern nach dem Prinzip von Hennes Weisweiler trainiert.
Der TSV beendete die Landesliga 1985/86 als Zweiter und der Oberliga-Aufstieg schien nur eine Frage der Zeit. Doch im Sommer 1987 war Schluss. Warum?
Es war eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Die Spielerinnen waren seit den Anfängen fünf Jahre älter geworden, in die Berufe gegangen, die erste hatte geheiratet. Im Verein hat man sich hingesetzt und gesagt; Wenn wir die Oberliga in Angriff nehmen wollen, brauchen wir eine Mädchenmannschaft und eine „Zweite“ als Unterbau. Das fehlte komplett. Mit einem anderen Verein zusammengehen, wollte der Vorstand nicht. Das fand ich gut. Mir hatte man eine Klasse höher auch nicht zugetraut.
War das hart für Sie?
Ich bin nicht böse. Ich konnte verwirklichen, was ich wollte und hatte keine Probleme im Verein. Für die Splelerinnen tat es mir leid. Drei sind nach Korbach gegangen, drei nach Kassel, der Rest hat aufgehört. Ich selbst habe noch ein bisschen in Lohfelden in der „Zweiten“ gekickt, aber vor allem war ich beruflich gefordert.
Hatten Sie es als Frau im Traineramt schwer? Sie waren ja eine Exotin.
Nein, würde ich nicht sagen. Blöde Sprühe gab’s und wird es immer geben. Vielleicht habe ich die gar nicht an mich rangelassen. Man muss ein Ziel haben und dann den Weg gehen. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass mir wirklich so viel Gegenwind entgegengeschlagen wäre, dass ich gesagt hätte, ich kann das nicht, ich höre auf. Es war eher ein Gefühl des Aufbruchs. Ich denke gern an die Zeit zurück.

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