Teil 4 der WLZ-Serie

Frauenfußball in Waldeck Mitte der 80er Jahre: Ein kurzer Boom und der erste Oberligist

Oberliga-Partie des SV 09 Korbach gegen die SG Praunheim (1:1): Andrea Butterweck (rechts) klärt vor Praunheims Torjägerin Anja Dörner.
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Kein Kick wie andere: Die Szene stammt ais der Oberliga-Partie des SV 09 Korbach gegen die SG Praunheim (1:1): Andrea Butterweck (rechts) klärt vor Praunheims Torjägerin Anja Dörner.

Mitte der 1980er erreicht Waldecks Frauenfußball erste Hochs. 1984/85 sind drei Bezirks- und zwölf Kreisligisten in zwei Gruppen am Ball – Nummer zwölf ist der SV Battenhausen aus dem Fußballkreis Frankenberg, der quasi „eingemeindet“ wird.

Eine Saison weiter stehen zwei Landesligisten (SV 09 und Freienhagen), zwei Bezirksligisten (Diemelsee, Ittertal) und elf Teams in der Kreisliga auf der Liste, darunter neben Battenhausen der TSV Löhlbach und der TuS Wrexen – schon drei Vereine, die nicht zum Fußballkreis gehören, aber immerhin.

50 Jahre Frauenfußball in Waldeck: Bilder aus den ersten zwei Jahrzehnten

Spielszene mit drei Fußballerinnen, Schiedsrichter (Hintergrund) und Ball.
Fußballfrauen in Trainingsanzügen auf Sportplatz.
Pokalübergabe mit Fußballerin und Offiziellen
Frauenfußballteam des SV 09 Korbach mit Pokal
50 Jahre Frauenfußball in Waldeck: Bilder aus den ersten zwei Jahrzehnten

Der Aufstieg endet so rasch wie er begonnen hat. Zum Kreisfußballtag im April 1987 stellt die WLZ fest: „Mit dem Damenfußball geht es bergab, was die Zahl der Mannschaften anbelangt.“ In der Kreisliga sind sie jetzt nur noch zu siebt. Dass diese Staffelstärke überhaupt erreicht wird, ist auch Novizinnen aus dem Upland zu verdanken: dem SC Willingen.

Fußball als Alternative zum Skisport

Die Idee, Frauen an den Ball zu bringen, hat Dieter Schütz, Kapitän der Männer. Sie sei sofort Feuer und Flamme gewesen, erzählt Silke Krevet (damals Bäringhausen), Spielführerin und treibende Kraft, weil sie schon lange auf der Suche nach einer Alternative zum Skisport gewesen sei. Die Alternative schreibt Vereinsgeschichte auf eigene Weise: Sie gewinnt 1990 mit Trainer Henner Herdt, dessen Frau Rosi zu den Frauen der ersten Stunde im SV 09 Korbach zählte, den Waldecker Pokal – ein Coup, der den SCW-Männern nie gelingen wird.

Die Frauen werden in der Saison darauf auch Hallenkreismeister, und doch: eine Zukunft hat der weibliche Kick im Ski-Club nicht. Mit Beginn der Serie 1991/92 sei die „Damenelf“ aufgelöst worden, so Silke Krevet, die diese Jahre gleichwohl als „sehr schöne und besondere Zeit“ erinnert (zumal sie über den Fußball ihren Mann Matthias lieben lernte).

Auf ein ähnlich kurzes Dasein unter den Liga-Debütanten des Jahrzehnts schaut der TuS Helsen. Die Frauen des Vereins gaben zwar im Juni 1969 in Korbach als Gegner des SV 09 sozusagen mit den Startschuss für den weiblichen Kick in Waldeck, kehren aber laut Vereinschronik erst 1982 an den Ball zurück. Ihre erste Punktrunde schließen sie drei Jahre später als Rangfünfte ihrer Gruppe zwischen den Stadtrivalen Landau und Arolsen ab.

Schon 1986/87 geht die Kreisliga ohne Helsen ins Ziel, aber der TuS kehrt noch einmal zurück: gemeinsam mit dem TSV Schmillinghausen. Dort weiß die Vereinschronik nur spärlich über den Ausflug ins weibliche Fach zu berichten: 1986 sei eine „Damenfußballmannschaft“ ins Leben gerufen worden, die nur kurzfristig Bestand gehabt habe. In Helsen habe Gründer-Coach Kurt Bleibtreu bis 1992 trainiert, dann sei die Mannschaft abgemeldet worden, weil „danach nur wenige Frauen bereit waren, Fußball zu spielen“, so der langjährige Vorsitzende Gerhard Schnaase.

Einige Mitspielerinnen hätten unsere Mütter sein können.

Anja Schmidt, Sachsenhausen

Die Arolser SG mischt in zwei Spielzeiten der Kreisliga B mit (87/88 und 88/89); die Klasse ist drei Jahre lang die Startrampe für Neulinge, die A-Liga wird vom Bezirk organisiert. Helsen/Schmillinghausen hat viel zu geben und wenig zu feiern – pro Saison gelingt den Vereinigten jeweils ein Sieg. Danach sind Auftritte bei den Hallenrunden 1990 und 1991 dokumentiert, dann: nichts mehr.

Der Debütantenball geht Ende der 1980er Jahre weiter. Der SV Anraff, einer der erfolgreichsten Klubs im Waldecker Frauenfußball (1987/88), und der SSV Armsfeld (1988/89) steigen in der Kreisliga B ein. In Anraff – wie in vielen anderen Klubs – haben Mädchen den Weg gebahnt; schon in den frühen 80er Jahren hat der DFB Mädchenrunden für 11- bis 14-Jährige eingerichtet. Doch gezielte Nachwucharbeit ist noch die Ausnahme. „Wir haben eine Mädchengruppe gar nicht in Betracht gezogen“, sagt Anita Schaub, Ex-Trainerin des TSV Freienhagen. 1986, im großen Boom, spielen Juniorinnen nur aus Anraff, Korbach und Ittertal in der Liga.

Auftritt SV Neukirchen: Keeperin Brigitte Temme fängt den Ball von Isolde Weber (Ittertal/Mitte) ab. Neben ihr Ulrike Jungmann, links Sabine Knecht, beide SVN (undatiertes Archivbild).

Mädchen erleben ihre Lehrjahr freilich oft in Jungenmannschaften – oder schon früh bei den Frauen. Anja Schmidt zum Beispiel. Sie gibt 1982 gemeinsam mit zwei fast gleichaltrigen Freundinnen ihr Debüt beim TSV Sachsenhausen – mit 12 Jahren, das Mindestalter liegt eigentlich bei 14. Sie dürfen mit einer Sondererlaubnis dabei sein, das Team vereint fast zwei Generationen. „Einige Mitspielerinnen hätten unsere Mütter sein können“, erinnert sich Anja Schmidt. Fußball war ihr Ding: „Mit Herzblut waren wir viele Jahre dabei“, schreibt sie.

Korbach in der höchsten Spielklasse

Die 1980er Jahre sind nicht auserzählt ohne den bis dahin größten Erfolg eines Waldecker Frauenteams: den Aufstieg des SV 09 Korbach als Landesliga-Meister in die Oberliga 1987, seinerzeit die höchste Spielklasse im DFB (die Bundesliga kommt 1990). „Das war der Wahnsinn“, sagt Abwehrspielerin Andrea Butterweck heute.

Zwar erleiden sie und die Ihren manche Klatsche – besonders heftig das 1:13 beim Topklub FSV Frankfurt –, und es langt am Ende nicht zum Klassenerhalt. Doch Andrea Butterweck erinnert die Spielzeit als lehrreich, die Gastspiele speziell beim FSV und bei der SG Praunheim als Highlights, die ganze Saison als besonders. Auch schildert sie das Team als große Gemeinschaft trotz respektabler Altersunterschiede zwischen erfahrenen Spielerinnen wie Ulla Koch oder Monika Flecke und den jüngeren. „Kameradschaft war das A und O.. Es war eine schöne Zeit“, sagt sie.

Kämpfen müssen die Frauen mit der Anerkennung im eigenen Verein. Schon 1983 empfindet Trainer Wilhelm Bernhard sein Team als fünftes Rad am 09-Wagen. Um jede Mark müsse gebettelt werden. Der Oberliga-Aufstieg ändert daran offenbar nichts. Ob Trikots, Fahrtkosten, Trainingsanzüge: es zählten Männer und männliche Jugend. „Wir haben in die Röhre geschaut“, sagt Andrea Butterweck, „das war schon traurig.“ »  (mn)

Lesen Sie auch: Die Anfänge des Frauenfußballs in Waldeck und Der Start in die 80er Jahre

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