Lelbacherin arbeitet im Krankenhaus und kickt in Calden 3. Liga

Mehr Tauschen –  mehr Spielzeit: Natalie Merz zwischen Fußball und Beruf

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Ball und Beruf unter einen Hut kriegen: Nathalie Merz spielt für den TSV Calden Fußball und ist Auszubildende im Korbacher Krankenhaus.

Lelbach/Calden – Natalie Merz (18) will eigentlich gar nicht in diese Geschichte hinein. Sie handelt von Fußballspielerinnen, die durch Schule, Studium, Ausbildung oder Beruf nicht mehr so oft gegen den Ball treten können, wie sie es gern möchten.

Dieses Schicksal teilt Natalie Merz mit vielen Spielerinnen, aber sie will in dieser Geschichte auf keinen Fall ihrem Arbeitgeber, dem Stadtkrankenhaus in Korbach, den Schwarzen Peter zu schieben.

Da sie dort seit rund einem Jahr eine Ausbildung als Krankenschwester macht, fehlen ihr schon einige Trainingseinheiten und sie verpasst auch Spiele bei ihrem neuen Verein TSV Jahn Calden, der in der sportlich schon recht anspruchsvollen Regionalliga Süd spielt. 

Sie hat dort seit einigen Wochen einen neuen Trainer: Rudi Merz, der seit kurzem übergangsweise das Traineramt vor den nördlichen Toren des Waldecker Landes übernommen hat.

Nicht um jeden Preis Dienst tauschen

Aber auch Natalies Vater sind bei diesen Problemen die Hände und Füße gebunden. Beide sind sich ein einem einig: Beruf geht vor Hobby, zumal sie auch in der Regionalliga nicht einen Cent verdient.

„Ich wusste vor Beginn der Lehre, dass im Krankenhaus auch Schicht- und Wochenenddienste anfallen. Die Ausbildung macht mir Spaß und die Arbeitskolleginnen helfen mir auch, damit ich doch noch zum Training oder Spiel kann“, sagt Natalie. 

Ihr nächster Satz verdeutlicht aber, dass die 18-Jährige nicht nur auf dem Platz, sondern auch in ihrem Beruf eine Teamplayerin ist: „Ich will meine Kolleginnen aber nicht zu oft fragen, ob sie mit mir den Dienst tauschen, dann nervt es sie vielleicht irgendwann.“ 

Auf dem Dienstplan der Lelbacherin steht entweder eine Woche lang Früh- oder Spätdienst. „Einige von uns arbeiten im Schichtdienst“, sagt Natalie. Sie geht natürlich auch in die Berufsschule in Korbach. Der Blockunterricht, drei Wochen am Stück, bringt ihr auch mehr Spielminuten auf dem Fußballplatz.

Beruf und Fußball auf ihrem Niveau heißt auch Verzicht auf weitere Freizeitaktivitäten üben. Die Woche ist mit diesen zwei Dingen voll, zumal Natalie auch noch für Schule lernen muss.

Eine Frage der Selbstdisziplin

Spätdienst ohne Tauschpartnerin heißt für die Natalie keine Trainingseinheit in Calden und am Wochenende kein Spiel. Das bedeutet für sie aber nicht, dass sie sich vor ihrem Dienstbeginn im Krankenhaus auf die faule Haut legen kann. Sie bekommt Trainingspläne an die Hand, geht Laufen und ins Fitnessstudio. Alles eine Frage der Selbstdisziplin.

Das alles sei auch notwendig, damit Natalie in Sachen Fitness nicht den Anschluss innerhalb der Mannschaft verliere, betont Rudi Merz.

Der Coach schwärmt von seinem neuen Kader: „Es ist das erste Mal, dass ich eine Mannschaft trainiere, in der alle 17, 18 Spielerinnen Fußball spielen wollen und Fußball spielen können. Alle ziehen mit, da hörst du keine Klagen, denen ist nichts zu viel.“ Im Gegenteil, er müsse sie eher bremsen, etwa wenn Spielerinnen mit starker Erkältung ins Training kämen.

Solch ehrgeizige Frauen geben natürlich nicht gern ihren Stammplatz her; den hat sich Natalie in der Innenverteidigung erobert. „Meine Lieblingsposition ist auf der Sechs, aber hinten im Zentrum ist auch in Ordnung“, sagt die 18-Jährige, die mit zwei weiteren Waldeckerinnen in Calden kickt: Lena Michels aus Volkmarsen und Sonita Cenaj, die mit Natalie schon bei der JSG Rhena und in der B-Juniorinnen-Bundesliga beim FSV Gütersloh zusammengespielt hat.

Ziel von Merz: Zurück in 1. Liga

Ins deutsche Fußball-Oberhaus möchte Natalie Merz auch gern wieder einziehen. „Vielleicht ergibt sich für mich nach der Ausbildung noch mal die Chance.“ Da kaum eine Bundesligaspielerin in Deutschland nur vom Fußball leben kann, denkt sie an die Kombination Bundeswehr/Bundesliga.

Und falls es mit dem hochklassigen Fußball für sie nicht mehr klappen sollte, weiß Natalie die momentan schwierige und eng getaktete Zeit bestimmt mehr zu schätzen als heute. Dann ist eine Ausbildung mehr wert als jedes Tor. 

Gudrun Biederbick: Fußball hatte frühere eine höhere Priorität"

Neben vier heimischen Frauentrainern (WLZ vom 26.10.) haben wir auch Gudrun Biederbick, Referentin für Frauenfußball im Fußballkreis Waldeck, gefragt, wie sie die Situation einordnet.

"Ich denke, der Druck in Schule und Beruf hat zugenommen, und dann ist da kein Platz mehr für Fußball", sagt sie zu den Gründen für Fußballerinnen, ihre Sportart aufzugeben.

Gudrun Biederbick, Referentin für Frauenfußball im Fußballkreis Waldeck

Früher habe Fußball in der Priorität weit vorn gelegen, meint die bis zum Alter von 46 Jahren selbst ative Biederbick. "Da hat man auch vieles in den Hintergrund gestellt. Auf den Geburtstag der Oma konnte man auch später noch gehen. Das hat sich heute geändert. Fußball steht bei Mädchen, aber auch Jungen nicht mehr an erster Stelle. Es gibt noch andere Dinge, die sie gern machen möchten."

Ob Frauen eher dazu neigen, den Fußball zugunsten von Beruf und Studium auszugeben, lässt sich aus Biederbicks Sicht schwer beurteilen. Sie ist sich aber sicher "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wem der Fußball wichtig ist, der wird alles versuchen, ihn auch weiterhin auszuüben." (rsm)

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