Regelkunde nur noch per Internet

Fußball-Schiedsrichter im Lockdown: Die Lust auf Mensch nimmt zu

Atemlos übers Feld: Der Schiedsrichter benötigt nicht nur genügend Luft für den Pfiff in die Pfeife, sondern auch, um 90 Minuten auf Ballhöhe zu bleiben. Die Fitness während des Lockdowns zu halten, ist nicht einfach.
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Atemlos übers Feld: Der Schiedsrichter benötigt nicht nur genügend Luft für den Pfiff in die Pfeife, sondern auch, um 90 Minuten auf Ballhöhe zu bleiben. Die Fitness während des Lockdowns zu halten, ist nicht einfach.

Der Bewegungsdrang nahezu aller Amateursportler wird derzeit von Corona ausgebremst. Doch da gibt es noch eine weitere Gruppe, die nach der Pfeife des Virus tanzen muss: die Schiedsrichter.

Korbach – Ein Unparteiischer wirkt auf den ersten Blick immer als Einzelkämpfer, aber ein Blick hinter die Kulissen des Fußballkreises Waldeck offenbart, dass die Schiedsrichter vermutlich in diesen kontaktlosen Zeiten bessere Teamplayer sind als die meisten Fußballmannschaften.

„Wir treffen uns weiterhin zu unserer monatlichen Sitzung, natürlich nur im Internet“, sagt Kreisschiedsrichter-Obmann Matthias Henkelmann. Die Anzahl der Teilnehmer sei gleichbleibend hoch und manchmal dauere dieses Zusammenkommen jetzt sogar länger, als vor der Corona-Zeit. Oft werde nach Sitzungsschluss im kleinen Kreis einfach weitergeredet.

Matthias Henkelmann, Kreisschiedsrichter-Obmann

„Man merkt bei dem einen oder anderen Kollegen schon, dass durch den Lockdown ein höherer Redebedarf besteht. Die Lust auf Mensch nimmt zu.“ Auch über Whatsapp-Gruppen seien die Referees weiterhin miteinander verbunden. „Trotzdem fehlen uns, genau wie den Spielern und den Zuschauern die persönlichen Gespräche auf dem Sportplatz“, betont Henkelmann.

Die Themen bei dieser monatlichen Sitzung hätten sich seit dem Lockdown eigentlich kaum verändert. Meist gehe es darum, das Regelwerk immer wieder aufzufrischen. „Die Themen bereitet Manuel Gutmann vor und er macht die Online-Sitzungen auch mit Videoeinspielungen sehr interessant“, lobt der Kreisschiedsrichter-Obmann.

Vermutlich ist nun auch das Thema Erhalt der körperlichen Fitness mehr von Interesse. „Nein eigentlich nicht“, antwortet Henkelmann, aber das empfinde er nicht als ungewöhnlich, denn ein Schiedsrichter sei es gewohnt, sich selbst um die eigene Fitness zu kümmern. „Natürlich werden hier bei den Kollegen einige Defizite da sein, denn wer jetzt bei diesem Wetter draußen rumjoggt, muss schon schmerzbefreit sein.“ Wer sich in der Wohnung oder im Garten fithalten möchte, der findet auf der Internetseite des Deutschen Fußballbundes einige Anregungen (https://www.dfb.de/schiedsrichter/aktiver-schiedsrichterin/fitness-ecke).

Nur noch Bewegungsradius, der so klein ist wie der Mittelkreis

Henkelmann weist darauf hin, dass das Schiedsrichtern etwas Ganzheitliches ist. „Da ist Kopf und Körper. Das eine ohne das andere funktioniert nicht, dann kriegst du auf dem Platz nichts mehr auf die Reihe.“

Das Szenario, die Saison wird fortgesetzt und vor allem den Schiedsrichtern in den Kreisklassen haben nur noch einen Bewegungsradius, der so klein ist wie der Mittelkreis, sieht Henkelmann nicht. „Die Mannschaften erhalten eine Vorbereitungsphase und die gilt für Schiedsrichter natürlich auch.“ Er sieht auch nicht, dass die Praxis einigen Pfeifenmännern und -frauen dauerhaft verloren gehen könnte. „Die erfahrenen Schiedsrichter sind nach ein, zwei Spielen wieder auf dem alten Stand.“

Es gebe eine kleine Gruppe von Schiedsrichtern im Fußballkreis Waldeck, die seien vermutlich fitter als die meisten Spieler. „Das sind nur vier bis fünf Leute, die pfeifen aber auch höherklassig. Die machen ein Training, da können 98 Prozent unserer Schiedsrichter nicht mithalten“, erzählt Henkelmann. Einer von diesem Trainingsfleißigen ist Christian Krafft (Volkmarsen) . Er meint, dass ein Schiedsrichter, der in der Kreisklasse pfeift mindestens genauso fit sein sollte, wie einer der höherklassig auftritt, weil er keine Assistenten dabei habe. „Du kannst Abseitsentscheidungen treffen, die können alle richtig sein, aber wenn ich 40 Meter von davon entfernt stehe, dann ist die Akzeptanz bei den Zuschauern viel geringer als bei zwanzig Metern.“

Henkelmanns Furcht vor der Halbtagsstelle

Corona-Regeln kennt mittlerweile jeder. Dass wegen des Virus auch im Fußball einige neue Spielregeln entstehen könnten, sieht Henkelmann nicht. Aber wie reagiert ein Schiedsrichter künftig auf einen Kicker, der seinen Gegenspieler aus nächster Nähe anhustet?

Christian Krafft trainiert hart für seine Aufgabe als Referee

„Jeder Schiedsrichter muss dann selbst beurteilen, ob es eine Unsportlichkeit im geringen Rahmen oder ein Angriff auf die Gesundheit ist, was dann mit einem Feldverweis zu ahnden wäre. Dafür brauchen wir weder für diese Situation noch für andere neue Corona-Regeln. „Jede neue Regel bringt wieder Unsicherheiten mit ins Spiel, deshalb wäre es mir lieber, wenn der Verband nur neue Anweisungen herausgeben würde. Die gewährt einem Schiedsrichter bei einer Unsportlichkeit einen größeren Ermessensspielraum.“

Und wie ist es beim Spucken? „Jemanden anspucken war ja schon immer verboten und ein Platzverweis.“ Auf die Erde zu spucken, bleibe hingegen erlaubt, weil man das nur schwer aus den Spielern herausbekommen dürfte. Daher hätten sie beim Weltverband Fifa, der die Regeln festlegt, auch gesagt, dass dies keine persönliche Strafe nach sich ziehen dürfe. Wegen der monatelangen Pause haben Trainer Angst, dass einige ihrer Spieler nicht wiederkommen werden.

Diese Furcht hat Henkelmann nicht. „In der langen Pause von November bis August haben wir nur zwei Schiedsrichter verloren, deshalb bin ich jetzt optimistischer. Ich hatte nach dem ersten Lockdown mit mehr Verlusten gerechnet.“ Dennoch geistert in Henkelmanns Kopf ein anderes Szenario, das ähnliche Folgen für den Spielbetrieb hätte: die Halbtagsstelle. „Ich habe mehr Angst davor, dass viele Schiedsrichter jetzt bemerken, wie schön ein Wochenende ohne Schiedsrichtern sein kann. Und bei dem dann folgenden Satz möchte sich Henkelmann am liebsten die Ohren zuhalten: Ich möchte weniger pfeifen.

Nur fünf Teilnehmer: Neulingslehrgang ausgefallen 

Es sollte eine Premiere werden, aber die fiel ins Wasser: Der Schiedsrichter-Neulingslehrgang wurde abgesagt, mangels genügend Teilnehmern. Dabei hatten die Fußballkreise Waldeck und Frankenberg beschlossen, einen gemeinsamen Lehrgang auszurichten. Er sollte wegen Corona erstmals nur per Online-Konferenz stattfinden. „Wir hatten leider nur fünf Anmeldungen, die konnten wir aber alle an andere Fußballkreise weiterleiten“, sagte Kreislehrwart Manuel Gutmann.

Er vermutet den Grund für diese geringe Teilnehmerzahl nicht allein wegen der Corona-Zeit und der geringen Lust auf Online-Lehrgang.

„Ich denke, das Interesse an der Schiedsrichterei ist schon in den vergangenen Jahren zurückgegangen.“ Dieser Rückgang sei auch von anderen Lehrwarten in Hessen in einer Videokonferenz bestätigt worden, die in der vergangenen Woche statt gefunden haben, erzählt der 21-jährige Massenhäuser. Allerdings räumt er ein, dass Werbung für den Lehrgang etwa bei Hauptversammlungen in diesem Jahr nicht möglich gewesen sei. Auch die Vereine stünden nicht mehr unter Druck, Schiedsrichter in den eigenen Reihen zu suchen, weil die bisherige Strafe, Punktabzug bei zu wenig Schiedsrichtern, während der Pandemie ausgesetzt worden sei.

Zwei-Stunden-Lehrgang wird erprobt

Die Lehrwarte in Hessen würden sich intensiv damit beschäftigen, wie sie wieder mehr Interesse und Lust am Schiedsrichtersein wecken könnten, betont Gutmann. Auffällig sei die hohe Quote an Unparteiischen, die bereits kurz nach ihrem Lehrgang wieder aufgehört hätten. Umfragen ergaben, dass sich die meisten davon überfordert gefühlt und ihnen zu wenig Respekt entgegengebracht worden sei, von Spielern, Trainern und Zuschauern. Eine Einstiegshürde ist auch der Lehrgang selbst, der an zwei Wochenenden mit theoretischer und praktischer Prüfung stattfindet. Erst danach kann jemand feststellen. ob diese Tätigkeit ihm auch liegt.

Diese Hürde möchten die Lehrwarte in Hessen niedriger legen. Eine Arbeitsgruppe habe sich dafür auch schon Lösungen überlegt, berichtet Gutmann. Eine könnte so aussehen: Nach einer zweistündigen Schulung am Vormittag würde der Neuling mit einem erfahrenen Schiedsrichter in einem Tandem-Modell bereits ein Spiel pfeifen. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Der nächste Neulingslehrgang der Fußballkreise Waldeck und Frankenberg wird noch anders stattfinden. Ob am Termin im Sommer festgehalten werde, sei aber noch ungewiss, betont Gutmann. (rsm)

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