Marcel Vesper erklärt, warum seiner Meinung nach Profis den Amateuren schaden

Kein Fußball mehr aus Freude? Gedanken eines Kreisligakickers

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Fußball als Inszenierung: Beinahe einstudierter Jubel, emotional mitgenommene Zuschauer – was in Bundesligastadien alle paar Tage zu sehen ist, findet auch auf Kreisebene Nachahmer. Hier jubelt die SG Höringhausen/Meineringhausen im Waldecker-Pokal-Finale. 

Korbach. Dauermotzende Trainer, schauspielernde Spieler, als „taktisches“ Foul kaschierte Unfairness – auch das ist Profifußball. Schauen sich die Amateure davon zu viel ab? Ja, findet Marcel Vesper aus Goddelsheim. Er sagt: Die schlechten Seiten der Profis zu imitieren, zerstöre auf Dauer den kleinen Fußball. Er hat seine Gedanken in diesem Text zusammengefasst.

"Unsere Amateure – echte Profis!“ So bewirbt der DFB den Amateurfußball. Aber die Botschaft, die der Deutsche Fußball-Bund transportieren will – die Amateure und die ehrenamtlich geführten Vereine sind die wahren Repräsentanten des Fußballs – kommt an der Basis irgendwie falsch an. Sie entfernt sich vom „wahren Fußball“, indem sie die Profis nachmacht.

Der sonntägliche Gang auf den Sportplatz hat seit Jahrzehnten in unserer Gesellschaft, vor allem in ländlichen Regionen, Tradition. Die Wenigsten treiben hier aktiv Sport: Sie kommen um Sport zu sehen. Wie spielt der Papa, Enkel, Kumpel oder Ehemann Fußball? Andere lassen sich vom Spiel ein bisschen unterhalten, während sie das letzte Wochenendbierchen mit dem Nachbarn genießen. Was bekommen all diese Zuschauer geboten?

Der Hobby-Charakter

Fußball ist auf Kreisebene eben ein Hobby. Mit kommerziellem Fußball hat es immer weniger zu tun. Es sind zwei Welten. Auf den meisten Sportplätzen spielen Fußballer, die Freude am Spiel haben und das Ganze nicht zu ernst nehmen. Oder doch nicht?

Meine Beobachtung ist: Obwohl den meisten, die am Kreisligafußball beteiligt sind, bewusst ist, dass sie nur einem Hobby nachgehen, versuchen viele, ob bewusst oder unbewusst, die Profis nachzuahmen.

Die Vorbereitung auf ein Spiel läuft nach ähnlichem Muster ab wie bei den Profis: In der Woche wird trainiert, nach dem letzten Training der Kader für das Spiel bekannt gegeben, vor dem Spiel ausgiebige Taktikbesprechung, Warm-up mit Übungen von den Profis, Trikot und Stutzen richten und dann feierlich aufs Feld laufen. Als halbwegs fachkundiger Zuschauer sieht man dann oft genug, wie Anspruch und Wirklichkeit während des Spiels zusehends auseinanderfallen.

Die ganz normale Härte

Was nach dem Anpfiff passiert, läuft unter dem Deckmantel des Wettkampfs. Sobald es darum geht, das Beste für die Mannschaft rauszuholen, muss man sich nicht mehr dafür entschuldigen, im Grenzbereich des Erlaubten zu handeln. Treten ist natürlich nicht erlaubt. Aber es gibt wahrscheinlich keinen Sportplatz im Kreis, auf dem Unsportlichkeiten nicht toleriert werden, solange sie einem nützen – auch im Nachhinein. Vermutlich wurde fast jeder Spieler mal Opfer eines Frustfouls oder einer Tätlichkeit. Und als „Hurensohn“ bezeichnet zu werden, ist für viele Kreisligaspieler Normalität.

Ein Beispiel von vielen

Sonntag, 27. August, Kreisliga A, gegen 16.30 Uhr. Ein Spieler der Gastmannschaft, die 1:2 zurückliegt, wird ausgewechselt. Der Eingewechselte ist gerade erst 40 Jahre alt geworden. Eigentlich hatte er seine Spielerkarriere am Ende der letzten Saison für beendet erklärt. Jetzt sprintet er hochmotiviert aufs Feld. Etwa fünf Minuten später ist er in eine Rangelei verwickelt, die für seinen Gegenspieler bedeutet: Platzverweis, Feierabend. Die Zuschauer am Spielfeldrand grölen. Sie sind aufgebracht und wütend. Das Fußballspiel an sich hat noch keiner bejubelt. Den meisten scheint das auch egal zu sein. Hauptsache Action.

Fußball zum Luft ablassen

Es ist paradox: Das schöne Hobby und das gesellige Ereignis mutieren oft genug zu einer Auseinandersetzung, die unter die Gürtellinie geht. Brauchen Teile unsere Gesellschaft, die im Großen und Ganzen harmoniert, ein Ventil, um mal die Sau raus zu lassen?. Unterm Strich geht es bei Punktspielen meist weniger darum, Sport zu treiben, sondern mehr darum, sich zunächst wie ein Profi zu geben (und vielleicht gar zu fühlen), um dann einen Wettkampf zu führen, bei dem die Regeln der Fairness an Bedeutung einbüßen. Die ursprüngliche Idee von Amateurfußball bleibt immer häufiger auf der Strecke.

Die bittere Erkenntnis

Die versuchte Nachbildung des Profifußballs gefährdet die Idee des Fußballs, das Gefühl, das jedes Kind verfolgt, wenn es zum ersten Mal gegen den Ball tritt; Freude am Spiel.

Will sich der Amateurfußball also in Zukunft nicht weiter selbst seiner eigentlichen Grundlagen berauben, muss er sich endlich davon lösen, den Profifußball nachahmen zu wollen und sich auf die bloße Wettkampfkomponente zu fixieren. 


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