Lelbacher  ist der meistbeschäftigte Referee im Fußballkreis Waldeck

Pfannkuche: Betreuer für Schiedsrichter würde helfen

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Er möchte als Schiedsrichter auch Menschlichkeit rüberbringen: Horst Pfannkuche sucht daher immer wieder das Gespräch mit den Spielern, egal ob sie jung oder alt sind. 

Dieser Mann ist für jeden Fußballverein Gold wert. Ein Torjäger? Ein Mittelfeldstratege? Nein, ein Schiedsrichter.

Lelbach - Unparteiische werden händeringend gesucht, einige müssen von ihren Vereinen gebittelt und gebettelt werden, damit sie ihre Mindestspielzahl von 15 Begegnungen pro Saison auch absolvieren.

Horst Pfannkuche (62) vom TV Lelbach pfeift 60 Spiele und mehr in einer Saison. In der vergangenen war er der fleißigste Unparteiische im Fußballkreis Waldeck mit rund 80 Einsätzen. Und für keines dieser Spiele muss er überredet werden.

Er ist Schiri aus Lust und Leidenschaft und diese Freude am unparteiischen Dasein auf den Sportplätzen der Kreisligisten hört man aus seinen Worten heraus.

Das klingt dann so: „Es war Ende September, abends Viertel nach 7, da klingelt mein Telefon, Manuel Winkler (Red.: stellvertretender Kreisschiedsrichterobmann) war dran und fragte mich, kannst du nicht eben noch ein Spiel pfeifen, ich sagte, ja klar, wo denn? - In Landau, Regionalpokal der Frauen - Und wann? - Jetzt um 7 Uhr - Aber wir haben ja schon Viertel nach 7 - Ja, ich weiß, die warten da auch schon, aber es ist kein Schiedsrichter da. Ich bin dann schnell nach Landau gefahren. Das war für mich so ein schönes Erlebnis, ich komme da an, die klatschen alle Beifall für mich, es war ja schon dunkel, ein schöner milder Herbstabend, das Gras hatte so ein besonderes Grün, das Flutlicht strahlte und das Spiel war gut, ich war auch ganz gut, das war wie Europapokal.“

Das klingt wie heile Fußballwelt, aber das Jahr 2019 bleibt einem eher gegenteilig in Erinnerung. Rohe Gewalt gegen Schiedsrichter auf deutschen Amateursportplätzen, Referees bewusstlos geschlagen, gejagt, Schiedsrichter streiken, um auf ihre bedrückende Situation aufmerksam zu machen.

Zahl der Gewalttaten seit Jahren gleich

Lebt ein Schiedsrichter heute gefährlicher als noch vor zehn Jahren? Pfannkuche denkt kurz nach und antwortet: „Ich glaube nicht, solche Gewalttaten gegen Schiedsrichter gab und gibt es immer wieder, aber sie haben diesmal mehr Aufmerksamkeit in den Medien bekommen. Fußball ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.“ Der Ton sei allerdings schon rauer geworden von Spielern, aber auch Zuschauern.

Die Daten des Deutschen Fußballbundes besagen, dass die Zahl der Angriffe auf Schiedsrichter seit fünf Jahren auf dem gleichen Niveau liege. 2906 wurden in der vergangenen Saison gezählt, davor waren es 2866 und 2954 im Jahr 2016. Auch die Landesverbände sähen keinen Anstieg der Gewalt, berichtete die „Berliner Morgenpost“. 99,9 Prozent der Amateurspiele im Bundesgebiet liefen ohne Vorfälle gegen Unparteiische ab.

Dies stellte auch Thaya Vester von der Universität Tübingen in ihrer Langzeitstudie zur Gewalt gegen Schiedsrichter fest. Die Kriminologin sagte der „Berliner Morgenpost“, dass die Übergriffe gegen Unparteiische zwar seit Jahren konstant seien, aber das sei keine gute Nachricht, denn es zeige, dass die Vielzahl von Maßnahmen, die die Verbände dagegen ergriffen hätten, ins Leere liefen.

Vester stellte auch fest, dass „vor allem die verbale Aggressivität ein riesiges Problem geworden ist. Schiedsrichter werden immer mehr beleidigt und bepöbelt“.

Pfannkuche betont, dass der ländliche Raum für Referees noch eine verhältnismäßig friedliche Gegend sei. „Hier im Kreis muss noch kein Schiedsrichter Angst haben.“ Das sei in Kassel aber schon anders. Er habe mal ein Spiel in Vellmar gepfiffen, da sei es verbal schon härter zur Sache gegangen.

„In den 18 Jahren als Schiedsrichter hat mich aber noch nie jemand angefasst“, betont der Vermessungsingenieur beim Amt für Bodenmanagement.

Pfannkuche kam erst mit 44 Jahren an die Pfeife und hat bereits rund 750 Spiele geleitet. Höherklassig pfeifen war aber wegen seines Alters nicht mehr möglich. Zuvor war der gebürtige Hofgeismarer Spieler beim SV Eppe, dem SV Hillershausen und Trainer bei der SG Lelbach/Rhena. Bedrohliche Situationen habe es für ihn aber schon gegeben, betont der Lelbacher. „Einmal habe ich gedacht, jetzt ist es soweit, da kam ein Spieler schreiend auf mich zugerannt, dann habe ich ihm zugeflüstert: Bist du bescheuert, mich so anzuschreien. In dem Moment habe ich gemerkt, dass es bei ihm im Kopf anfing zu rattern. Er entschuldigte sich sofort bei mir.“

Reden mit Spielern hilft ungemein

Durch solche Spielerreaktionen, aber auch durch allgemeine Lebenserfahrung hat Pfannkuche eines festgestellt: Der Ton macht die Musik. „Meine Pfeife hat drei Lautstärken, leise, mittel und dann eine Lautstärke, bei der jeder weiß, jetzt Vorsicht, sonst passiert hier was. Man darf sich auf dem Platz nichts gefallen lassen und muss konsequent sein.“ Der Lelbacher hat sich auch noch andere Hilfsmittel angeeignet, die ihm Respekt in Spieler- und Zuschauerkreisen verschaffen sollen. „Ich möchte Menschlichkeit rüberbringen, versuche mit den Spielern zu reden, das hilft ungemein. Das geht auch einfach so im Vorbeilaufen.“ Das könne auch mal ein Lob sein.

Wichtig ist für Pfannkuche auch, dass Spieler sehen, der Schiedsrichter gibt sein Bestes. Das könne er unter anderem durch eine gute Laufbereitschaft zeigen. „Wenn ich aus 50 Meter Abseits pfeife, sieht das viel schlechter aus, als wenn ich nur 20 Meter dahinter bin.“

Schiedsrichter nimmt man schnell in Schutz. Manchmal auch zu schnell? Vielleicht gibt es ja auch im Lager der Unparteiischen, Akteure, die sich zu wichtig nehmen, Spieler und Zuschauer provozieren. „Das mag sein, ich kenne keinen“, betont Pfannkuche und fügt hinzu: „Eigentlich kann sich das kein Schiedsrichter erlauben.“ Pfannkuche räumt aber ein, dass es Kollegen gebe, die den Mannschaft vor dem Spiel eine Moralpredigt halten würden. „Das ist voreingenommen und nervt die Spieler. Jedes Spiel sollte auch für den Schiedsrichter immer bei null anfangen und dann schauen wie es läuft.“ Der 62-Jährige ist auch gegen eine lebenslange Sperre für Kicker, die Schiris niedergestreckt haben. „Das sind alles Taten, die im Affekt geschehen.“ Pfannkuche sieht eher die Vereine in der Verantwortung. „Die könnten mehr für den Schiedsrichter tun und wenn die Vereine eines Tages nicht ohne Schiedsrichter da stehen wollen, sollten sie umdenken.“ Das Hauptproblem für die Schiedsrichter sei nicht die Angst, sondern mehr das Gefühl, im Konflikt alleingelassen zu werden. 

Vereine könnten für Referees mehr tun

Die Lösung dieses Problems liegt für Pfannkuche in der Vergangenheit. „Vor Jahren gab es mal einen Schiedsrichter-Betreuer, der wurde einfach abgeschafft. Jeder Verein sollte so einen Ansprechpartner dem Unparteiischen zur Seite stellen und auf den ersten Blick erkennbar sein. „Das wäre richtig schön, wenn der Schiedsrichterbetreuer wieder kommen würde.“ Pfannkuche lobt hier den TSV Geismar, denn der A-Ligist hat den Schiedsrichterbetreuer erst gar nicht abgeschafft. Dieses Beispiel zeigt, dass ein Verein nicht immer auf Verordnungen des Verbandes warten muss, sondern selbst etwas für den Schutz des Schiedsrichters tun kann. Eine vereinsinterne Aufgabe sei auch, die Trainer in ihrer Kritik gegenüber dem Schiedsrichter mehr zu zügeln. 

„Die Trainer müssen wieder ruhiger werden, sie dürfen nicht die Vorreiter sein, um bei den Zuschauern Stimmung gegen den Schiedsrichter zu machen.“ All das lebe leider die Bundesliga vor. 

Außerdem sollten stets genügend Platzordner da und sichtbar sein. Damit seine jungen Kollegen die Pfeife aus Frust nicht so schnell wieder beiseite legen, kann sich Pfannkuche auch Schiedsrichter-Paten vorstellen, die mit ihnen zum Spiel fahren. Auch die habe es in früheren Zeiten schon gegeben, erzählt der Lelbacher aber er weiß natürlich, dass dieser Wunsch in Zeiten des Schiedsrichtermangels nur schwer zu erfüllen ist. 

Fleiß wird bisher bei den Schiedsrichtern nicht gewürdigt. Ob er die vom Verband geforderten 15 oder 60 Spiele leitet ist egal. Er zählt nur wie ein Referee und wer als Verein nicht genug davon hat, zahlt Strafe und die Mannschaft bezahlt dafür mit Punktabzug. 

Dagegen haben sich die Vereine lange vergeblich gewehrt, aber 2020 will der Hessische Fußballverband darauf reagieren. Pfannkuche mit seinen 60 Spielen würde so gleich drei Schiedsrichter ersetzen. Dann wäre er für den TV Lelbach nicht mehr nur Gold, sondern bares Geld wert. (rsm)

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