Serie Damenfußball Teil 2

Immer mehr Frauen haben Lust auf den Kick: Zweite Gründerwelle von Mannschaften in den 80er-Jahren

 Marina Lippe beim Hessenpokalspiel des TSV Freienhagen zwischen zwei Gegenspielerinnen des FC Heppenheim.
+
Da war was los: Marina Lippe beim Hessenpokalspiel des TSV Freienhagen zwischen zwei Gegenspielerinnen des FC Heppenheim.

Warum nur ging den frühen Teamgründungen im Waldecker Frauenfußball mehrheitlich so schnell die Luft aus? Antworten darauf gibt der zweite Teil unserer Serie.

Familie, Job und fehlende Jugendarbeit, darin sieht die frühere Trainerin des TSV Freienhagen, Anita Schaub, wichtige Gründe, warum einige Teams wieder den Rückzug antraten. Waltraud Rummel, Spielerin der ersten Stunde im TSV Waldeck, erzählt es ähnlich: „Viele Frauen haben Kinder bekommen, andere zogen aus beruflichen Gründen um.“

Am Ende ist es vielleicht ein Mix. Neben beruflichen Aufbruch und frühe Mutterschaft (1980 bekommen Frauen ihr erstes Kind im Durchschnitt mit 25,2 Jahren, 2018 erst mit 30 Jahren) sowie das erst allmählich einsetzende Bewusstsein für Mädchenförderung treten individuelle Ernüchterung, Kämpfe um Plätze, Trainingszeiten, und Ausrüstung im Verein, um Anerkennung in den patriarchalisch geführten Institutionen.

Diese Begleitmusik verstummt in den 1980er Jahren nicht. Die Männer hätten „immer noch Angst, wir nehmen ihnen etwas weg“, wird die damalige Bezirksspielwartin Waltraud Schmidt (Lohfelden) in einem Zeitungsbericht im August 1983 zitiert. Aufhalten lassen sich die Frauen nicht.

Das zweite Jahrzehnt

In den 1980er Jahren schwappt die zweite Gründungswelle übers Waldecker Land: 17 feminine Teams entstehen im Laufe des zweiten Jahrzehnts. „In unserem Kreis gewinnt der Damenfußball an Popularität“, schreibt Pressewart Peter Bauschmann Mitte 1985. Das Dezennium hat zwar auf Sparflamme begonnen. 1980/81 ist aus Waldeck allein der SV 09 Korbach im Ligabetrieb unterwegs. Doch weitere Vereine stehen längst am Start.

Zur Saison 1981/82 stellt der Fußballkreis eine eigene Kreisliga auf – mit Klubs, die den Frauenfußball jahrelang (in einem Fall bis heute) prägen: TSV Freienhagen, TSV Landau, SG Diemelsee, TSV Meineringhausen, TSV Sachsenhausen und TV Korbach. Die Liga verdankt sich laut einer Zeitungsnotiz der Initiative von Kreisfußballchef Siegmund Wiesemann, der als Förderer des Frauenfußballs beschrieben wird, und Referentin Bärbel Friedrich.

Kreismeister wird Freienhagen. Beim TSV sind junge Frauen seit 1980 am Ball, mangels Konkurrenz begnügen sie sich zuerst mit Hallen- und Freundschaftsspielen. Freienhagen ist einer der Sterne am Frauenfußball-Himmel, der hell strahlt – und bald verglüht. Nach dem Bezirksliga-Aufstieg auf Anhieb gelingt Marina Lippe und Co. drei Jahre später als Bezirksmeister der Sprung in die Landesliga (heute Verbandsliga) – gemeinsam mit dem Vizemeister und großen Rivalen aus Korbach.

Hessenpokalspiel in Freíenhagen vor 350 Zuschauern

Weiter als anderswo geht die Emanzipation. Auf der Trainerbank sitzt eine Frau: Anita Schaub aus Ippinghausen. Sie begleitet den TSV von den Anfängen bis zum Ende. „Es war ein Traum von mir“, sagt sie. Bis heute sind Trainerinnen bei den Amateurinnen die Ausnahme, nicht die Regel.

Zum großen Jahr wird 1985 (trotz der Vizemeisterschaft in der Saison darauf): Neben dem Landesliga-Aufstieg steht der Bezirkspokalsieg und dann vor 350 Zuschauern das Erstrunden-5:1 im Hessenpokal über den FC Heppenheim. Sie freuen sich schon wie Bolle auf den FSV Frankfurt – doch Hessens Primus ist unerwartet am TSV Battenberg gescheitert, der dann Freienhagen chancenlos lässt.

Der TSV hat immer Zuschauer, wenn auch so große Kulissen wie gegen Heppenheim selten sind. Das örtliche Publikum honoriert den Erfolg. Der Alltag anderswo ist dagegen oft trist, die Spiele fänden unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“ statt, hält Peter Bauschmann fest.

Die Frauen zahlen den Preis der Normalität: Sie am Ball zu sehen, ist etwas selbstverständlicher geworden, (männliche) Schaulust bestimmt immer weniger die Motivation der Zuschauer – anders als zu Beginn.

Als „Volksbelustigung“ etikettiert Freienhagens damaliger Betreuer Bernhard Schwechel zugespitzt, aber treffend den Run auf die frühen „Damenspiele“. Bauschmann identifiziert die Gruppe der selbstgefälligen Gaffer: „Mancher Mann wollte nur sein Vorurteil untermauern, dass Fußballspielen reine Männersache sei.“

Es sah manchmal schon belustigend aus.

Anita Schaub (ehemalige Trainerin des TSV Freienhagen)

Diese Spezies konnte sich mitunter bestätigt fühlen: Die Leistungen der Anfängerinnen lassen naturgemäß oft Luft nach oben. „Es sah manchmal schon belustigend aus“, sagt die der Häme unverdächtige Anita Schaub.

Wo der Betrachter den Vergleich mit den Männern mitdenkt, verstärkt das den Eindruck des Defizits – und ist doch nur in die Falle des Äpfel-BirnenVergleichs getappt. Die Männer seien „doch ganz anders gebaut“, verweist damals Freienhagens EllenWerber auf körperliche Unterschiede. Anita Schaub benennt einen grundlegenden Start-Nachteil der Frauen. „Kritik kann man äußern, so nach dem Motto: die kann’s nicht so gut“, sagt sie im Rückblick. „Wir mussten aber elf Frauen auf dem Platz haben und konnten nicht so aus dem Vollen schöpfen wie die Männer, bei ihnen war der Unterbau da. Die Jungs hatten ja fast nur Fußball.“

Die Lästermäuler bilden offenbar nicht die Mehrheit. „Natürlich gab es auch Männer, die dem Ganzen etwas skeptisch gegenüberstanden. Sprüche wie „Trikottausch“ oder auch „Frauen gehören an den Herd“ kamen schon, aber eher selten“, erinnert sich Gudrun Biederbick, heute Waldecks Frauenfußballreferentin, an ihre ersten Kicks in Diemelsee. Das Reden über das Spiel habe sich im Laufe der Jahre verändert“, sagt Anita Schaub. „Es wurde nicht diskutiert, ob eine die Haare offen trägt, sondern über das schöne Tor. Es ging um das Spiel.“

Ein Dauerthema ist die Nachhaltigkeit. Der TSV Freienhagen zieht vor der Saison 1987/88 zurück. Es gibt ein Bündel von Gründen für das Aus. „Freienhagen ist um eine Attraktion ärmer“, stellt Obmann Schwechel in der Vereinschronik bedauernd fest.
Fortsetzung folgt

https://www.wlz-online.de/sport/lokaler-fussball/wlz-serie-zum-frauenfussball-in-waldeck-boom-in-den-1970er-jahren-90780829.html

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare