Interview zum aktuellen Thema Gewalt gegen Schiedsrichter

Schiri-Obmann Henkelmann: „Wir müssen zusammen etwas tun“

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Immer häufiger zur Zielscheibe von Spielern, Trainern, Zuschauern und deren Frust werden Fußball-Schiedsrichter. Meist ohne Respekt werden sie angegangen – wie hier Marcel Koch (Niestetal) in einem Gruppenligaspiel, das mit den jüngsten Fällen aber nichts zu tun hat. 

Korbach – Massenkeilerei auf dem Feld, Schiedsrichter bewusstlos geschlagen – im Fußball häuft sich die Gewalt, vor allem gegen den Spielleiter. Im Waldecker Land ist es weniger gefährlich, sagt Matthias Henkelmann. Der Kreis-Schiedsrichter-Obmann macht im WLZ-Interview aber klar, dass dies nur so bleibt, wenn Spieler, Offizielle und Zuschauer gemeinsam mehr zu respektvollem Miteinander beitragen.

Wenn die Medien bundesweit über ein Fußballspiel der untersten Kreisliga berichten, dann weiß man: Da muss etwas Schlimmes passiert sein. So geschehen vor zehn Tagen in Südhessen: Ein Schiedsrichter musste nach dem gezielten Schlag eines Spieler gegen die Schläfe per Rettungs-Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Gewalt gegen die Männer und Frauen an der Pfeife nimmt zu – im Waldecker Land glücklicherweise nicht, wie Matthias Henkelmann bestätigt. Der Ehringer, seit 29 Jahren Obmann der heimischen Referees, ist aber der Überzeugung: Nur, wenn Spieler und Zuschauer viel mehr sensibilisiert werden, wird eine Besserung in Form von respektvollem Umgang eintreten.

Was glauben Sie, mit welchem Gefühl Ihre Schiedsrichterkollegen am Wochenende auf den Platz gegangen sind?

Jeder hat das Ganze mitgekriegt; es ist auch genug breitgetreten worden. Schlimm finde ich, dass dieses Video überall rumgeschickt wird. Diese Sensationsgeilheit hilft der Sache überhaupt nicht. Die Schiedsrichter fühlen sich schon ein bisschen unwohl, das kann ich mir vorstellen. Ich hoffe, dass nicht nur sie sensibilisiert sind, sondern auch Zuschauer oder Spieler ein wenig vorsichtiger sind und mal überlegen: Was rufe ich da eigentlich rein? Was verbreite ich eigentlich hier gerade für eine Stimmung?

Wenn Sie erfahren, dass ein Schiedsrichter tätlich angegangen oder bedroht wurde, sind Sie da überhaupt noch überrascht?

Es ist nicht so, dass man dauernd mit so etwas rechnet. Aber es wundert einen nicht, wenn man sieht, wie sich der Fußball entwickelt hat.

Wie erklären Sie sich solche Attacken?

Dieser Schlag beim Spiel in Südhessen, um den sich gerade alles dreht, ist doch nur der Gipfel dessen, was sich vorher aufgebaut hat. Ich glaube, das Problem ist, dass das eigene Unrechtsbewusstsein bei Zuschauern und Spielern so weit heruntergesetzt ist, dass sie gar nicht mehr das Gefühl haben, sie tun etwas, was sich nicht gehört, wenn sie zum Beispiel Gegner und Schiri beschimpfen. Man muss daran arbeiten, dass alle Beteiligten untereinander einen kameradschaftlichen Charakter schaffen, so dass man anders miteinander reden und Fehler des anderen besser akzeptieren kann.

Kein Trainer, Spieler oder Schiri hat den Anspruch, alles richtig zu machen. Es geht darum: Akzeptiere ich einfach, dass der andere nur ein Mensch ist und auch Fehler macht? Oder verliert ein Schiri seine Menschenwürde, weil er eine Fehlentscheidung trifft? Soweit ist es leider: Manche sind der Meinung, der Schiedsrichter ist Freiwild, sobald er einen Fehler macht.

„Bitte mehr Miteinander“ fordert Kreis-Schiedsrichter-Obmann Matthias Henkelmann. Foto: Artur Worobiow

Gesellschaftsforscher sagen, dass der Fußball für viele Menschen eine Art Ablassventil für den Stress des Alltags geworden ist – auf und neben dem Platz.

Wenn das so ist, ist es mit Sicherheit nicht gut. Wenn das der Wert unseres Sports sein soll, dass man mit ihm am Sonntag die Sorgen der ganzen Woche verarbeitet, dann läuft etwas verkehrt.

Wir müssen doch in der Lage sein, beim Fußball den Maßstab anzulegen, den man im weiteren Leben auch anlegt. Gewalt, Drohungen und verbale Entgleisungen sind überall verboten, aber auf dem Sportplatz ist das okay? Das ist doch völlig schräg.

Der Respekt vor Schiedsrichtern scheint in anderen Sportarten viel größer zu sein. Warum ist der Fußball offenbar so anders?

Das könnte daran liegen, dass Fußball eine viel größere Breitensportart ist. Es gibt also eben auch viel mehr Zuschauer, die nicht so tief in der Materie sind wie bei anderen Sportarten. Grundsätzlich ist doch klar: Der Schiedsrichter will nicht im Mittelpunkt stehen oder auf die Schulter geklopft und gesagt bekommen, was er für ein toller Kerl ist. Was wir möchten ist, dass alle am Spiel Beteiligten sagen: Wir ziehen an einem Strang, weil wir alle dasselbe wollen: ein vernünftiges Fußballspiel erleben.

Ich glaube, dass die Vereine da noch intensiver in ihrem eigenen Stall aufräumen müssten. Wenn wir dahin kommen, dass sie ihren eigenen Leuten sagen: „Wenn du dich nicht benehmen kannst, brauchst du nicht mehr zu kommen“, dann haben wir eine Chance, um die Atmosphäre auf dem Sportplatz ein bisschen besser zu gestalten.

Ist das realistisch? Vorher kann man viel sagen, aber im Eifer des Gefechts passiert dann doch etwas.

Dass man sich über eine Entscheidung aufregt, ist doch völlig in Ordnung. Entscheidend ist aber doch, was man mit der Aufregung macht. Lasse ich alles raus, was mir durch den Kopf geht? Oder sage ich, mein Gott, ich muss mich benehmen, weil ich als Spieler oder Trainer für viele ein Vorbild bin; etwa für Kinder, die zuschauen.

Manche sagen dann: „Emotionen gehören zum Fußball dazu!“

Den Spruch kann ich nicht mehr hören. Immer wenn man nicht mehr weiter weiß, sagt man das. Das hilft uns aber gar nicht weiter. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie Spieler und Zuschauer reagieren würden, wenn sich ein Schiedsrichter mal auf dem Platz so benehmen würde und dann sagt: Emotionen gehören doch zum Fußball dazu. 

Nein, Emotionen dürfen kein Argument für Fehlverhalten sein. Das Miteinander muss intensiviert werden. Wir müssen zusammen etwas machen, das Bewusstsein muss sich ändern. Die Vereine kennen ihre Pappenheimer am besten. Nur: Solange die Vereine sagen, „wir können ja nichts machen, die sind eben so“, passiert nichts.

Wie kann man ein Umdenken erreichen?

Spontan habe ich keine Ahnung, ehrlich gesagt. Aber ich weiß, dass beim Hessischen Fußballverband Präsident Stefan Reuß, Verbandsfußballwart Jürgen Radek und Verbands-Schiedsrichter-Obmann Gerd Schugard in ganz intensiven Gesprächen darüber sind, was man da machen kann. Die nehmen das wirklich sehr sehr ernst. Da wird mit Sicherheit in Kürze etwas kommen; deswegen haben sie die Fußballkreise angehalten, keine Aktionen zu starten. Stefan Reuß, früher selbst Schiri, hat das Thema zur Chefsache gemacht. Und er ist ein Präsident, der nicht nur etwas erzählt, sondern auch handelt.

Einen Boykott aller Spiele durch die Unparteiischen, so wie vor kurzem nach einer Reihe von Gewalttaten gegen Schiris in Berlin, wird es also in Waldeck nicht geben?

So etwas steht für uns nicht zur Debatte. Darüber müssen wir uns hier und heute überhaupt keine Gedanken machen. Ich halte die Auffassung des HFV für völlig richtig, dass es nur eine gemeinsame Aktion geben kann.

Gehen wir auf die Suche nach weiteren Lösungsansätzen. Sind auch Mitspieler gefragt, mehr einzugreifen? 

Das erlebt man ja gottseidank öfter, dass ein Spieler den Teamkollegen zur Sportlichkeit ermahnt. Und wenn ein Spieler Richtung Spielfeldrand geht und die Zuschauer zurecht weist und sagt: „Seid mal ruhig, das hilft uns doch nicht“, das würde dann wirklich Wirkung zeigen. Wobei wir uns einig sind, dass die Aktion beim Spiel in Münster von keinem Mitspieler hätte verhindert werden können, weil man das ja kein bisschen geahnt hat. 

Härtere Bestrafungen gegen Vereine – ist das eine Lösung? 

Das kann ich wirklich beim besten Willen nicht beurteilen. Ich bin kein Freund rigoroser Strafen, denn das letzte, was wir wollen, ist, Vereine kaputt zu machen. Ich kann nicht sagen, ob Strafen dazu beitragen, dass es weniger Entgleisungen gibt. Aber es wird mit Sicherheit etwas seitens des Verbandes passieren.

Sind Sie schon einmal tätlich angegriffen worden?

Ja, ich habe einmal auf dem Boden gelegen. Da hat mich ein Spieler umgerempelt, weil er über eine Gelb-Rote Karte nicht sehr erfreut war. Als ich mir die Verwarnung notierte, hatte ich ihn nicht mehr im Blick. Aber das ist schon gut 20 Jahre her.

Kein gutes Beispiel: ein aufgebrachter Trainer muss vom Schiedsrichter ermahnt werden. Das Benehmen von Trainern und anderen Offiziellen wird inzwischen härter bestraft, unter anderem gibt es auch Gelbe und Rote Karten gegen sie. (Foto: Kulhoff/nh)

Bleibt die Frage, wie die Lage vor Ort im Kreis ist. Von schweren Vorfällen sind Sie und ihre Kollegen bisher weitgehend verschont geblieben oder? 

Bei uns ist alles relativ in Ordnung. Viel wird über solche schlimmen Fälle geredet. Aber man darf nicht vergessen: Die Mehrzahl der Spiele verläuft so, dass man sich als Schiri mit den Spielern zusammen übers Spiel, unterschiedliche Regelauslegung und anderes unterhalten kann. Das macht man bei Würstchen und Getränk, und alles ist gut. Das ist das, was ich mir für alle Spiele wünsche. 

Den letzten Neulingslehrgang für im Kreis besuchten neun Teilnehmer, das ist die Untergrenze, damit die Ausbildung stattfinden kann. Kommen künftig noch weniger? 

Zuträglich ist die Geschichte sicher nicht. Das könnte ein paar Leute hindern, Schiri zu werden. Das ist ein Hauptargument, das manche nennen, um nicht teilzunehmen. Es gibt aber ganz klar mehrere Gründe. Man sollte die steigende Zahl von Gewalttaten nicht als Alibi heranziehen, weil man sonst keine Lösung hat, wie man wieder mehr Menschen für die Schiedsrichterei gewinnen kann.

Hat man die Möglichkeit, Anfänger bzw. junge Referees auf heftigen Situationen wie körperliche Attacken vorzubereiten? 

Wir versuchen, unsere neuen Schiedsrichter in den ersten ein, zwei Spielen zu begleiten. Nächstes Jahr wollen wir das Tandemmodell einführen. Das heißt, ein erfahrener Schiri steht mit dem Neuling auf dem Platz; die erste Halbzeit leiten sie gemeinsam, die zweite pfeift dann der Neuling allein. Das dient dem Lernen, nimmt anfangs die Unsicherheit. Stresssituationen kann man damit natürlich nicht trainieren. Die Stressfähigkeit jedes einzelnen stellt sich erst in der jeweiligen Situation heraus. Verbal angegangen zu werden, damit lernt man im Laufe der Zeit besser umzugehen. (schä)

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