Ein Interview mit Jörg Jeschonnek, über 30 Jahre lang ein Macher im Fußball

„Ein Jahr lang umsonst parken - das wäre eine Würdigung des Ehrenamts“

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Eine Art zweites Zuhause: Jörg Jeschonnek vor dem Höringhäuser Vereinsheim. 

Höringhausen – Obleute sind Menschen in Schlüsselstellungen. Es gibt sie in Betrieben, in der Politik, in Vereinen. Auch im Sport. Jörg Jeschonnek war dreieinhalb Jahrzehnte lang Obmann.

Erst hatte er das Amt im TV Höringhausen, dann in der SG mit dem TSV Meineringhausen. Er war nicht sein einziger Vereinsjob, aber der mit der meisten Arbeit. „Jogi“ war immer da. Ein Leben für den Fußball. Jeschonnek steht für eine vielleicht aussterbende Generation von Machern. Zupackend, leidenschaftlich für den Fußball, direkt in der Sprache. Im Juli hat er aufgehört. Im Interview zieht er Bilanz.

Sie haben 34 Jahre lang in verschiedenen Funktionen im Vereinsfußball gearbeitet. Was hat sich seitdem am stärksten verändert?

Die Spieler sind athletischer geworden, sie trainieren ganz anders als früher. Wenn ich sehe, wie sich unsere Jungs heute warm machen, da wäre ich schon k.o. gewesen. Auf der anderen Seite können immer weniger Jungs wirklich technisch guten Fußball spielen. Das Niveau ist von Jahr zu Jahr gesunken.

Haben sich auch die Rahmenbedingungen für die Funktionärsarbeit verändert? Sie standen dem Verband ja oft kritisch gegenüber.

Was in Frankfurt abläuft, finde ich oft traurig. Mehr oder weniger kämpfen alle Vereine ums Überleben, und jetzt wollen die Herren vom Hessischen Fußball-Verband E-Fußball populär machen. Dabei geht es doch nur um Kommerz. Kaufen denn diese Leute, die E-Fußball spielen, den Vereinen sonntags ein Würstchen oder eine Cola ab? Nein.

Ein Dorn im Auge waren Ihnen immer die Strafen im Zusammenhang mit dem Schiedsrichtersoll.

Ich finde die jetzige Regelung nicht in Ordnung. Es ist doch so: Einzelne Schiedsrichter pfeifen 70 oder 80 Spiele in der Saison, davor habe ich Achtung ohne Ende. Trotzdem kann es sein, dass der Verein, für den sie pfeifen, bestraft wird, weil der keinen zweiten oder dritten Schiedsrichter hat. Das finde ich unmöglich. Die neue vorgesehene Regelung, die die Zahl der gepfiffenen Spiele berücksichtigen soll, wird fairer.

Haben Ihnen bestimmte Auflagen die Arbeit manchmal vergällt?

Ich hatte oft das Gefühl, es geht nur ums Geld. Ein Beispiel: Wir hatten einen jungen Schiedsrichter. Er arbeitete in der Türkei, kam alle vier Wochen für eine Woche nach Hause und hat trotzdem in einer Saison 19 Spiele gepfiffen. Allerdings konnte er nur vier Pflichtsitzungen besuchen, eine zu wenig. Deshalb hat ihn der Verband nicht auf das Pflichtsoll angerechnet. Wegen dieser Engstirnigkeit hat er aufgehört zu pfeifen, und wir wurden bestraft.

Sie haben mit über 50 noch selbst mit dem Pfeifen angefangen. Warum?

Wir brauchten Schiedsrichter, um unser Pflichtsoll zu erfüllen. Ich hätte aber zehn Jahre früher anfangen sollen, es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht. Ich habe allerdings nur Jugendspiele gepfiffen.

Hat sich dadurch Ihr Blick auf die Unparteiischen verändert? Ihr Verhältnis zu den Schiedsrichtern war oft nicht entspannt.

Als Kapitän: Jörg Jeschonnek wurde 19 85 mit dem TV Höringhausen B-Liga-Meister. 

Vor zwei Jahren ist es mir zwar noch mal passiert, dass ich bei einem Spiel unserer SG in Altenlotheim wütend über eine Schiedsrichter-Leistung geworden bin. Aber ich habe eine andere Sichtweise. Ich habe Spiele gepfiffen, da war ich der schlechteste Mann auf dem Platz. Manchmal läuft ein Spiel komplett an dir vorbei. Das war wohl auch bei dem Schiri in Altenlotheim der Fall.

Was zeichnet einen guten Schiedsrichter aus?

Dass nach dem Spiel keiner über ihn spricht, er unauffällig war. Selbstdarsteller braucht man nicht.

Was hat Ihnen am meisten Spaß in all den Jahren gemacht?

Mit den Jungs zu arbeiten. Unsere kommen heute noch vor jedem Spiel und geben mir die Hand. Die Truppe passt. Mein Sohn Lars hat immer gesagt: Mach weiter so lange du kannst, dann bleibst du jung. Er hat recht.

Sie haben oft kein Blatt vor den Mund genommen. Hat es da mal böses Blut gegeben?

Klar, ich bin zum Beispiel im Kreisfußballausschuss lange Zeit sehr kritisch gesehen worden. Ich habe halt niemandem nach dem Munde geredet, ich wollte morgens immer in den Spiegel gucken können. Teilweise haben sich Ausschussmitglieder persönlich angegriffen gefühlt. Aber es war nie persönlich gemeint. Ich habe größte Achtung vor einem Mann wie Ewald Wollert, der viele Stunden in die Rechtsprechung steckt, oder der Arbeit von Peter Bauschmann, dem Kreisfußballwart. Es ging um das System wie etwa beim Schiedsrichter-Soll. Auch ärgerlich: die Platzbesichtigungen. Wenn sonntags ein Platz nicht bespielbar ist, ist er es nicht. Und dann kommt ein Platzbesichtiger und behauptet das Gegenteil!

"Wir haben auch getrickst, gebe ich zu"

Sie wissen doch genau, dass die Vereine auch ihren Vorteil suchen und die Unbespielbarkeit manchmal den Vorwand für eine Absage bietet.

Wir haben auch getrickst, gebe ich zu, auch wenn wir nie einen Platz unter Wasser gesetzt haben, damit das Spiel ausfällt. Zu meiner Zeit haben wir Sägemehl in die Pfützen gestreut, um nach Regen den Platz bespielbar zu machen. Später haben wir das gelassen, wenn uns zwei, drei Mann fehlten. Kleine Sünden. Es gab auch die andere Seite: Im Pokal hat die SG vor ein paar Jahren auf einem Platz gespielt, der mit Maulwurfshügeln übersät war. Darin lag die Chance der Gastgeber. So was gehört dazu.

Sie sind einer der Väter der SG Höringhausen/Meineringhausen, der „SG Hö/Mei“, Ihre Wortschöpfung. Dabei herrschte lange schwere Rivalität zwischen den Vereinen.

Das habe ich noch erlebt. Irgendwann Mitte der 1970er- Jahre habe ich in Meineringhausen mal drei Tore geschossen, mein späterer Schwiegervater war von da und hat mich danach nicht angeguckt. Andere haben nachts Anrufe bekommen, teilweise war es Hass. Ich habe dann gesehen, dass wir allein nicht weiterkommen, musste aber auch bei uns im Verein erst Überzeugungsarbeit leisten. In der Mannschaft war nur ein Spieler gegen die SG mit Meineringhausen. Die Vereine haben danach gut zusammengearbeitet, nicht nur im Fußball, auch in der Leichtathletik.

Die Spielgemeinschaften sind nicht der Weisheit letzter Schluss, oft bleiben ganze Mannschaften auf der Strecke.

Bei den ersten Waldecker Stadtmeisterschaften, 1983 muss das gewesen sein, hat der damalige Bürgermeister Erich Dreyer gesagt, es werde der Zeitpunkt kommen, da spiele die Großgemeinde Waldeck gegen die Großgemeinde Korbach und die Großgemeinde Arolsen gegen die Großgemeinde Bad Wildungen. Damals wurde er ausgelacht, heute sind wir nicht mehr weit davon weg.

"Viele Jugendliche wollen sich nicht mehr quälen"

Wo sehen Sie den Fußball in 10, 15 Jahren?

Mehr größere Spielgemeinschaften, die nur noch eine Mannschaft haben. Fußball ist leider auf dem absteigenden Ast. Ich glaube, das hat auch damit zu tun. dass die Kinder von den Eltern zu sehr verhätschelt werden. Viele Jugendliche wollen sich nicht mehr quälen. Es wird auch zu wenig gebolzt. Wir dagegen, oder auch mein Sohn Lars und seine Freunde, wollten immer Fußball spielen.

Hätten Sie sich für die SG den Aufstieg in die Gruppenliga gewünscht?

Des sportlichen Erlebnisses wegen hätte ich es den Jungs gegönnt, ja. Ich halte die Liga aber finanziell für nicht attraktiv. Es kommen deutlich weniger Zuschauer, die Kosten steigen. Außerdem ist der Leistungsunterschied zur Kreisoberliga doch groß, man sieht das auch wieder in dieser Saison.

Was hätten Sie gesagt, wenn Ihr Sohn Lars, ein guter Spieler, die SG hätte verlassen wollen? 

Es gab diese Anfragen, zum Beispiel vom damaligen Korbacher Trainer Erhard Kiel. Lars hätte gehen können, die Korbacher haben ja da noch zwei Klassen höher gespielt als heute. Er hätte es versuchen sollen, er wollte nicht.

Können Sie loslassen? Sie waren lange eine prägende Figur von „Hö/Mei“. 

Ich habe losgelassen. Ich möchte nicht mehr in direkter Verantwortung stehen, das heißt: Solange der Hessische Fußball-Verband es nicht hinkriegt, mich aus dem Mail-Verteiler zu nehmen, so lange muss ich sie noch weiterleiten (lacht). Kein Problem. Ich werde bestimmt auch in Zukunft ganz viele Spiele unserer Mannschaften sehen. Aber ich übernehme keine festen Aufgaben mehr, aus der Vorstands-App habe ich mich abgemeldet. Hängenlassen werde ich den TV Höringhausen aber nicht. 

Das heißt? 

Ich werde zum Beispiel meinen Nachfolger bei der Bewirtung des Vereinsheims einarbeiten. Beim Einkauf zählen Erfahrungswerte: Wenn die SG Vasbeck/Adorf kommt, brauche ich, was weiß ich, hundert Würstchen und fünf Beutel Fritten, wenn der TuS Arolsen kommt, viel weniger. Die bringen halt kaum Zuschauer mit. Müsste man eigentlich alles aufschreiben. 

"Tolle Freundschaften geschlossen"

Wird es schwieriger, Ehrenamtliche zu finden? Zuletzt haben wir in Höringhausen in Sven und Nico Martin zwei junge Leute gefunden, die mitarbeiten. Aber ich habe schon Angst, was in ein paar Jahren sein wird. Es wollen kaum noch junge Leute ein Ehrenamt übernehmen. Es müsste auch anders gewürdigt werden. Man hätte als Ehrenamtlicher doch einen echten Vorteil, wenn die Stadt sagen würde: Okay, du kannst jetzt auf allen unseren Parkplätzen ein Jahr lang umsonst parken. Mit Ausweis: Ehrenamtsträger der Stadt Waldeck. Oder du hast ein Jahr die Schwimmbadbesuche frei. Das wäre auch eine tolle Werbung. Aber die ganzen Medaillen und Anstecknadeln? Die liegen bloß in einem Schuhkarton rum. 

Was hat der Fußball Ihnen gegeben?

Es haben sich tolle Freundschaften entwickelt, im ganzen Waldecker Land. Ich kenne überall Leute, überall begrüßt man sich, umarmt sich. Das ist einfach schön.

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