Klares Votum der Waldecker Vereine für Saisonabbruch

Die meisten Fußballligen in Hessen könnten Hinrunde nicht zu Ende spielen

Fakten mit Gewicht: Screenshot von der virtuellen Kreiskonferenz des Fußballkreises Waldeck mit Folie.
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Fakten mit Gewicht: Screenshot von der virtuellen Kreiskonferenz des Fußballkreises Waldeck mit Folie.

Die große Mehrheit der Seniorenmannschaften will die Saison nicht mehr weiterspielen. Das ergab die Umfrage bei den Vereinen des Fußballkreises Waldeck.

Korbach – Nach der etwa einstündigen virtuelle Konferenz, die von Kreisfußballwart Gottfried Henkelmann geleitete wurde, war ein weiterer Sargnagel für die Spielzeit eingeschlagen. Mit 38:5 Stimmen sprachen sich die Delegierten – knapp zwei Drittel der Fußballklubs waren vertreten – für die Annullierung der seit Ende Oktober wegen der Corona-Pandemie unterbrochenen Runde aus.

Der Minderheit, die die andere Option wählte und gern die Hinrunde zu Ende spielen will, bleibt nur eine winzige Hoffnung: Dass sich der Vorstand des Hessischen Fußball-Verbands (HFV) am Samstag abschließend doch fürs Weitermachen entscheidet.

Der Spielraum des Gremiums ist allerdings gering. Unter den Vereinen der 32 Fußballkreise Hessens überwiegt die Meinung, der Verband solle die Saison für null und nichtig erklären. Da der HFV die Stimmen der Basis bis heute haben und erklärtermaßen einbinden will, kann er ihr Votum nicht ignorieren. „Eure Meinung ist wichtig“, versicherte auch Henkelmann den Abteilungsleitern und Vorsitzenden.

Die Basis hatte freilich auch keine große Wahl. Der Politik wegen. Die Bund-Länder-Konferenz hat ja frisch den Lockdown bis zum 18. April verlängert. Die hessische Landesregierung nimmt zwar, trotz hoher Inzidenzwerte über 100, die zarten Lockerungen nicht zurück, die seit dem 8. März für Breiten- und Amateursport gelten. Freuen können sich darüber die Kinder bis 14 Jahre, die weiter trainieren und spielen dürfen. Aber für Jugendliche Ü14 und Erwachsene bleibt es dabei: Training nur in Gruppen bis zu fünf Personen aus nicht mehr als zwei Hausständen. An Teamtraining, Spiele gar ist bis Mitte April nicht zu denken.

Diese Vorgaben lenken den Spielbetrieb „in eine Richtung, die wir alle nicht wollen“, wie Henkelmann betonte. Eine vom Verband ausgearbeitete Präsentation, die der Fußballchef vorstellte, lieferte dazu Fakten und Argumente. Sie waren schwerlich anders als pro Annullierung zu interpretieren.

Besonders aussagestark die Folie zu den Spielklassen, die am Beispiel der Männer die Hinrunde schlechterdings nicht zu Ende spielen können: Beim – nach heutigem Stand – einzig realistischen Wiedereinstiegs-Datum 9. Mai wären das 106 von 168 Klassen, wenn sie bis zum Saisonende Mitte Juni auch englische Wochen einbauen. Mit Kicks nur am Wochenende wären es 122 Ligen, gut 72 Prozent.

Schieflage in den Spielklassen

Auch für Waldecks Spielklassen stellte Henkelmann eine Schieflage fest. Während A- und B-Liga mit ihren 14 und 13 Teams die Halbserie wohl noch gut stemmen könnten, bieten Kreisoberliga (17 Teams) und C-Liga (18) wie berichtet mit acht, neun und – größter Ausreißer – zwölf ausstehenden Partien ein teils anderes Bild.

Der 9. Mai ergibt sich, weil der Verband eine mindestens drei- bis vierwöchige Vorbereitung garantieren will. Henkelmann wies darauf hin, dass diese Zeit einigen Trainern nach einem dann sechsmonatigen Stillstand jedoch viel zu kurz sei.

Auch die Aussicht, unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen zu müssen, treibt die Vereine zum Abbruch. „Es macht ohne Zuschauer noch weniger Sinn, die Halbserie zu Ende zu bringen“, sagte Henkelmann. Der Ehringer sprach sich zudem für eine Entscheidung aus, die nicht nur alle Ligen, sondern Senioren, Frauen und Jugend gleichermaßen einschließt – was die Jugendleiter anders sehen.

„Warum lassen wir die Kinder nicht wieder Fußball spielen?“

Die Jugend schert aus. Während bei der Vereinsumfrage des Fußballkreises Waldeck die Mehrheit der Seniorenmannschaften für einen Saisonabbruch plädieren, ist die Mehrheit der Jugendvertreter der hiesigen Vereine für die Fortsetzung der Saison, zumindest der Hinrunde.

Joachim Schmolt befürchtet, dass Corona viele Kinder vom Fußball wegzieht.

Das ergab die Jugendleiter-Videokonferenz mit rund 25 Vereinsvertretern, zu der Kreisjugendwart Joachim Schmoldt eingeladen hatte. Drei Jugendspielgemeinschaften und drei Vereine hätten für einen Saisonabbruch vortiert, sagte Schmolt. Er betont aber, dass die Befürworter nicht um jeden Preis die Fortsetzung verlangen würden, sondern nur, wenn die Rahmenbedingungen passten, Eltern zustimmten, niedrige Infektionszahlen, Hygienekonzept...

Viele Jugendleiter haben sich vermutlich auch für das Weiterspielen entschieden, weil der jüngste politische Corona-Gipfel in Berlin weiterhin erlaubt, dass Kinder bis zum 14. Lebensjahr Kontaktsport betreiben dürfen und somit auch Liga-Fußball. Doch der Hessische Fußballverband vertritt diese Ansicht: Alle oder keiner.

Diese Haltung findet Schmolt fragwürdig: „Die Jugend will spielen, sie darf sogar bis zum Alter von 14 Jahre, also bis zur C-Jugend, spielen, warum lassen wir sie dann nicht spielen?“

Der Jugendfußball hängt somit am Tropf der Verbandsentscheidung, die am kommenden Samstag gefällt werden soll. Schmolt betont: „Auch wenn wir erst am 7. Mai starten würden, bekämen wir die Hinrunde in allen Ligen, auch die Gruppenliga, bis zum 20. Juni noch problemlos hin.“ Hinzu komme, dass die Vorbereitungszeit im Nachwuchsbereich gegenüber der Senioren keine drei Wochen dauern müsste, auch, weil die Verletzungsgefahr geringer sei.

Petition des Verbandsjugendausschusses

Der Verbandsjugendausschuss hat nach den Ergebnissen der Vereinsumfragen für die HFV-Sitzung eine Petition ausgearbeitet, die verkürzt lautet: „Lasst zumindest die Kinder wieder Fußball spielen.“ Doch Schmolt sieht dafür kaum Spielraum. „Ich befürchte, der Verband wird bei alle oder keine bleiben und deshalb nein sagen.“

Es gehe aber nicht nur um diese Saison, sondern darum, dass der Fußball zu viele Kinder verliere, betont Schmolt. „Ich mache mit um die B-und A-Jugend im kommenden Jahr großen Sorgen.“

Wenn die Saison gestrichen wird, bleibt aber noch Plan B, der schon in Schmolts Schublade liegt: Die Ligaspiele als Testspiele austragen oder eine kleine Spielgruppe zusammen stellen.

Derby-Cup und früherer Start

Saisonabbruch – und dann? Auch diese Frage treibt Vereine und Verband um. Sie wollen Szenarien entwickeln, wie die Fußballer die Zeit zwischen einem möglichen Comeback auf dem Platz Mitte Mai (was vom Infektionsgeschehen abhängt) und dem Auftakt zur neuen Spielzeit überbrücken können. Eine Idee trug Buchenbergs Vorsitzender Bernd Backhaus vor: den „Derby-Cup“, entwickelt vom Verband in Schleswig-Holstein, wo der Abbruch schon beschlossene Sache ist.

Dabei tragen benachbarte Vereine ligen-übergreifend Turniere oder Freundschaftsspiele mit Derbycharakter aus, der den besonderen Reiz ausmachen würde. Der stellvertretende Verbandsfußballwart Matthias Bausch zeigte sich als Gast der Waldecker Kreiskonferenz aufgeschlossen für den Vorschlag: „Wir müssen den Vereinen was bieten“, sagte er, „damit die Fußballer, sobald sie wieder auf den Platz dürfen, auch spielen können.“

Auch die Überlegung von Thomas Hillebrand (TSV Flechtdorf), die Spielzeit 2021/22 früher zu starten, um buchstäblich Spielräume zu gewinnen, bewertete Bausch positiv. Er könne sich einen Auftakt am 18. oder gar schon 11. Juli vorstellen.

Nur in Kassel sind die Vereine geteilter Meinung

Waldecks Fußballvereine sind für Saisonabbruch, aber was denken die Entscheider in anderen Fußballkreisen? Ein Überblick:

Frankenberg
Bis auf den TSV Gemünden sprachen sich bei der Videokonferenz am Dienstag im Nachbarkreis alle Vereine für einen Abbruch der Saison aus. Zuvor hatte Kreisfußballwart Jürgen Schicke die Möglichkeiten für den Fußball knapp skizziert: „Der Lockdown ist bis zum 18. April verlängert. Für uns Fußballer wird es sehr eng. Oder um es anders zu sagen: unmöglich.“

Auch über die Zeit zwischen Re-Start und Beginn der neuen Saison redete die Runde. „Wir müssen die Fußballer beschäftigen, ihnen etwas anbieten. Ich denke an eine Art Trostrunde, aber Hauptsache, es wird gespielt“, sagte Schicke. Möglich sei ein freiwilliger Wettbewerb.

Hofgeismar/Wolfhagen
22 Vereine befürworten bei der Kreiskonferenz am Dienstag den Abbruch. Die meisten gaben Perspektivlosigkeit oder/und Planungsunsicherheit als Grund an. Acht Vereine stimmten für eine Fortsetzung des Spielbetriebs.

Kassel
Im Kreis Kassel gibt es kein einheitliches Stimmungsbild, 25 Vereine sind für Abbruch, 24 für Weiterspielen. Die Tendenz hatte sich schon bei der Kreiskonferenz abgezeichnet, bei Klubs, die daran nicht teilnahmen, fragte Kreisfußballwart Matthias Schmelz im Nachgang ihre Meinung ab.

Schwalm-Eder
Bei einer Befragung des Kreisfußballausschusses votierten 32 Klubs für eine Annullierung der Saison 2020/21. Neun Vereine sprachen sich dafür aus, wenigstens die Hinrunde zu Ende zu spielen. Zwölf Vereine antworteten nicht.

Werra-Meißner
Auch im kleinsten nordhessischen Fußballkreis sprach sich eine deutliche Mehrheit der Vereinsvertreter für die Annullierung aus. Zahlen wurden nicht genannt. mn/rsm/red

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